„Reiß dich mal zusammen.“ – kennst du diesen Satz? Ich habe ihn in meiner Kindheit gefühlte 1.000 Mal gehört. Vor ein paar Wochen ist mir dieser Satz in einem Newsletter einer bekannten deutschen Rednerin sauer aufgestoßen. Sie meinte, wir sollten uns doch alle mal etwas mehr emotional zusammenreißen. Ich fand das unmöglich, dass jemand in der Öffentlichkeit steht und sowas von sich gibt.

Auf meinen Newsletter letzte Woche schrieb mir meine Leserin Sarah, dass sie den Satz in den letzten Jahren oft genug gehört hat:

„Reiß dich zusammen!“ war ein Satz, den ich in den letzten Jahren sehr häufig gehört habe und es ging letztlich nur darum, die Wünsche anderer über die eigenen zu stellen. Doch nun habe ich gelernt, neue Entscheidungen zu treffen, die auch für andere unbequem sind und ich entsprechend auf sehr, sehr viel Gegenwind gestoßen bin und noch weiter stoße. ABER: Es geht um mein Leben, um meine Gesundheit.“

Ich kann Sarah zu so viel Erkenntnis, Mut und Kraft nur gratulieren, denn das Letzte, was wir unserer heutigen Gesellschaft brauchen, ist, dass sich noch mehr Menschen zusammenreißen. Denn das hat uns in die aktuelle gesellschaftliche und auch gesundheitliche Lage gebracht.

Ich habe mich mal schlau gemacht, woher die Redewendung eigentlich kommt.

Die Gebrüder Grimm haben sich ja viel mit sowas befasst und schreiben folgendes:

  • als kräftiger Ausdruck für sich zusammennehmen siehe „zusammenbeiszen“
  • in der Jägersprache: die Hunde reiszen das Wild zusammen (!)
  • Zusammenbeiszen: ursprünglich eine Gebärde des Zorns, dann der gesammelten Kraft und unterdrückten Schmerzäuszerung

Und genau darum geht es. Es geht darum die eigenen Schmerzen zu unterdrücken. Das haben nämlich unsere Vorfahren gemacht, als sie nach Krieg, Vertreibung und Zerstörung alle Kraft zusammennehmen mussten, um diesen Kontinent wieder aufzubauen.

Aber sollten wir das wirklich heute noch wollen? 

Eine Leserin schrieb mir auch, dass sich um die, die tun was sie wollen, die Gerichte zu kümmern haben. Ich habe mich die ganze Woche gefragt, was da eigentlich für ein Menschenbild dahinter steckt.

Einige Antworten fand ich bei Arno Gruen, dem Psychoanalytiker und Mahner für Autonomie und Empathie.

Er ist der Ansicht, dass es eines unserer größten gesellschaftlichen Probleme ist, dass wir zu echter Empathie überhaupt nicht mehr in der Lage sind. Wer nicht empathisch mit seinen Mitmenschen umgehen kann, das heißt, wer sich nicht in die Lage des anderen versetzen kann, der hat auch kein Problem damit, Macht über andere auszuüben, zu kontrollieren, zu drangsalieren und zu verletzen.

Der Schmerz, die Angst, die Trauer, die Wut, die Hilflosigkeit – all das gehört zum Mensch sein dazu. Dass die meisten von uns diese Gefühle früh genug abtrainiert bekommen, um „geliebt“ zu werden, ist ein Drama, denn die Gefühle, die Energie, bleibt in unserem Körper – ob wir sie nun in unser Bewusstsein lassen oder nicht.

Sie werden ins Unbewusste verdrängt und bringen uns von dort aus immer wieder zu Handlungen, die wir bewusst vielleicht gar nicht wollen. Wir verletzen andere oder sie machen uns aus unserem Inneren heraus krank.

Ein Junge oder ein Mann, der nicht auch traurig, schwach und hilflos sein darf, wird seine daraus entstehende Wut im besten Falle für berufliches Fortkommen nutzen können. Im ungünstigsten Fall für Gewalt und Machtspiele in der Familie. Eine Frau erzählte mir neulich, dass sie mit ihrem Mann Sex hat, weil sie dann mehr Ruhe zuhause hat. In mir zog sich alles zusammen.

Dürfte der Mann bewusst schwach sein und könnte sich selbst auch so annehmen, wäre er ein vollständiger Mensch und jegliche Wut und jegliches Macht-Gebaren wäre unnötig. Er müsste sein Herz auch nicht verschließen und hätte gute Chancen nicht an einem Infarkt zu sterben.

Ein Mädchen oder eine Frau, die sich dank unbewusster, reaktionärer Rollenbilder unterordnen muss und sich nicht frei entfalten kann, wird über kurz oder lang ein ähnliches Verhalten an den Tag legen.

Jeder kennt sie, die Oma, die seit 50 Jahren nichts anderes macht, als auf dem Opa rumzuhacken. Das tut sie nicht, weil der Opa so doof ist, sondern weil sie nicht vollständig sein darf. Sie darf – sehr wohl meistens unbewusst – nicht „ihr Ding machen“, sondern hatte sich gefälligst unterzuordnen und für die Familie da zu sein. Der Opa hätte das vielleicht anders gesehen. Vielleicht. Die Oma hat sich nicht zu selten selbst zum Untertan gemacht.

Und sie findet es aus irgendwelchen längst überholten Rollenbildern auch nervig, dass der Opa nicht Terminator ist, sondern ein ganz normaler Mensch, der auch Zuneigung, Liebe und Geborgenheit braucht – auch dann, wenn er mal schwach ist. Was er natürlich schon lange nicht mehr zugeben würde.

Auch ihr Verhalten ist in erster Linie ein Ausdruck von Wut. Das, was sie beim Opa abladen kann, verletzt den zwar, aber er hat sein Herz ja schon verschlossen. Den Rest schluckt sie runter und kommt dann mit Magen- oder Gallenbeschwerden zum Arzt. Wie heilsam wäre es für sie, wenn ihr die Galle (Wut) einmal über die richtigen Dinge im Leben überlaufen würde.

Zum Beispiel darüber, dass wir auch im Jahr 2019 immer noch viel zu oft subbewusst glauben, dass wir uns als Frau unterzuordnen haben, beschützt oder versorgt werden müssen und es unsere Aufgabe ist zu dienen und zu versorgen. Dass wir uns in unseren Partnerschaften und zwischenmenschlichen Beziehungen eben nicht offen, ehrlich und empathisch begegnen, sondern wegdrücken, unterdrücken, uns zusammenreißen, gegen das Menschsein kämpfen und das auch noch vom anderen erwarten.

Arno Gruen schreibt, dass wir natürlich ein Problem damit haben, wenn der andere seine Schmerzen zeigt. In diesem Moment werden wir nämlich mit unseren eigenen Schmerzen konfrontiert und das tut weh.

Ich möchte dir für diese Woche deshalb mal ein Gedankenexperiment vorschlagen:

Was wäre denn, wenn du all deine Schmerzen, deine Wut, deine Angst, deine Hilflosigkeit und dein Bedürfnis danach, damit auch verstanden zu werden, jemandem zeigen dürftest. Dieser Jemand würde nichts anderes tun, als bei dir zu sitzen und da zu sein.

Dich vielleicht umarmen, wenn du das möchtest, und sagen: Ich versteh dich. Das darf alles da sein. Die Angst darf da sein. Die Tränen dürfen auch einmal geweint werden. Und auch die Wut muss mal raus. Das ist zutiefst menschlich.

Und was wäre, wenn dieser Jemand Du selbst bist, der sich das als erstes erlaubt? Der sich zurückzieht und mal ordentlich wütend ist oder trauert.

Übrigens: es reicht die Personen, die dich verletzt haben, in Gedanken mal so richtig zur Minna zu machen. Wenn du die richtige Person erwischst, die, die wirklich Verantwortung für deine Schmerzen trägt, geht es dir danach sofort besser. Oft ist es nicht die Person, die den Schmerz getriggert hat.

Mein aktuelles Feindbild sind zum Beispiel Kirchenoberhäupter, die sich über Jahrhunderte erdreistet haben, uns Frauen was von Unterordnung zu erzählen. Und nicht nur das: sie haben auch Männern eine Last auferlegt, die sie überhaupt nicht tragen können und auch nicht müssen. Beides macht unfrei, beides engt ein. Gott hat das ganz sicher niemals gewollt.

Und wenn ich diese selbsternannten „Vertreter Gottes“ in Gedanken (!) in den nächsten Tagen lange genug angeschrien habe, dann geh ich los und mach es in Zukunft so, wie ich meine Rolle als Frau in der Gesellschaft und in der Familie für richtig halte.

Ebenbürtig, gleichwertig, frei – mit allem, was dazu gehört.

P.S. Moderne Omas, wie zum Beispiel meine Mutter, holen sich aus guten Gründen keinen Mann mehr ins Haus. Sie gehen mit Freundinnen ins Kino oder zum Yoga und genießen ihr Leben. Wer sagt denn, dass das nicht mit 30 auch möglich ist. Und das sogar mit Familie. Es braucht nur etwas mehr Bewusstsein und echte Partnerschaft statt Hierarchie.

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