Wenn Medien über Trends berichten, dann berufen sie sich, wie wir auch gern auf evidenzbasierte Medizin. So sahen es einige Medien zu Beginn des Jahres als vollkommen absurd an, dass immer mehr Menschen auf das gesunde, gute Vollkorn verzichten. Grund waren Anfang 2015 Bestseller wie „Dumm wie Brot“ und die „Weizenwampe“, die offenbar überzeugen. Auch ich hatte mit einem Medienvertreter eine Diskussion darüber, ob das absurd ist, oder ob wir wohl einfach noch nicht genug über das Thema wissen könnten. Nein, es gibt ausreichend „Beweise“.

In Deutschland gilt eine Zöliakierate von 0,3% der Bevölkerung als ausgemacht. Das ist evidenzbasierte Medizin. Die Studie auf die sich bisher immer berufen wurde, untersuchte 29.000 Menschen in ganz Europa und errechnete so die Zöliakierate für Großbritannien, Italien, Finnland und Deutschland.

Studien dieser Größenordnung sind nicht nur aufwendig, sondern auch eine logistische Meisterleistung. Auch deshalb werden sie kaum durchgeführt.

Zöliakierate bei Kindern und Jugendlichen 3-mal so hoch wie bisher angenommen

Umso besser, wenn solche Studien aktualisiert und angepasst werden. In einer aktuell veröffentlichten Studie der Universitäten Dresden, Oxford, Gießen, München und des Robert-Koch-Instituts Berlin, die im Rahmen der nationalen KiGGS Studie zwischen 2003 und 2006 Daten erhob, konnten 12.741 Kinder und Jugendliche zwischen 1 und 17 Jahren untersucht werden.

Die Zöliakierate bei den untersuchten Kindern ist 3-mal so hoch, wie bisher für Deutschland angenommen. Nur bei 9 (0,07%) Studienteilnehmern war zu Beginn der Studie die Erkrankung bekannt, bei weiteren 0,8% der Teilnehmer wurde über Autoantikörper (Transglutaminase) im Serum ein Hinweis auf Zöliakie gefunden. Darüber hinaus wiesen die Kinder, bei denen Autoantikörper festgestellt werden konnten, niedrigere Ferritin-Werte (Eisen-Speicherform) und eine niedrigere Folat-Konzentration in den roten Blutkörperchen auf. Sie waren außerdem kleiner und leichter als ihre Altersgenossen.

Mit dieser Studie rückt auch Deutschland näher an den europäischen Durchschnitt von 1% der Bevölkerung.

Nach Ansicht der Wissenschaftler sollten besonders Kinderärzte, Internisten, Kinderkrankenschwestern und andere Spezialisten ihr Bewusstsein für die vielfältige Symptomatik der Zöliakie schärfen. Angesichts der Tatsache, dass in dieser Studie auf 9 diagnostizierte Fälle 97 undiagnostizierte Fälle kamen, ist das wirklich deutlich hervorzuheben. Der Fakt verdeutlicht, dass das Wissen über Zöliakie in Deutschland noch nicht das Niveau erreicht hat, das angesichts der Auswirkungen für die Gesundheit der Menschen angebracht wäre. In Schweden kommen auf jedes diagnostizierte Kind, nur 2-3 undiagnostizierte. Hier besteht also eindeutig Aufholbedarf.

Symptome, die mit Zöliakie in Verbindung stehen

Verdauung

  • chronischer Durchfall, Reizdarm
  • Übelkeit, Appetitverlust, Übergeben
  • Blähbauch, Flatulenzen
  • chronische Verstopfungen

Weitere Erkrankungen

  • Dermatitis herpetiformis
  • Eisenmangel
  • Gewichtsverlust, niedriges Gewicht
  • Wachstumshemmungen
  • chronische Erschöpfung, Konzentrationsschwäche, Leistungsschwäche
  • Osteoporose
  • unerklärliche Unfruchtbarkeit bei Frauen, ausbleibende Menstruation
  • Aphthen
  • erhöhte Transaminase

Ein erhöhtes Risiko an Zöliakie zu leiden besteht für alle Verwandtschaftsgrade eines Betroffenen, sowie bei folgenden Erkrankungen:

  • Diabetes Mellitus Typ I (5-9%)
  • Trisomie 21 (5-6%)
  • Ullrich-Turner-Syndrome (6-9%)
  • Selektiver IgA-Mangel (2-8%)
  • Autoimmune Thyroiditis (3-7%, Hashimoto und Atrophische Thyroiditis)
  • Autoimmune Hepatitis (12-13%)
  • IgA-Nephropathie (Morbus Berger, 3-5%)

Ernährung bei Zöliakie

Zöliakie erfordert als Autoimmunerkrankung eine strikte, 100%ige glutenfreie Ernährung und Lebensweise. Bei Zöliakie-Patienten sollten in dieser Hinsicht keine Ausnahmen gemacht werden, da das Ignorieren der Krankheit zu schwerwiegenden weiteren Erkrankungen führen kann. Ein guter Rahmen für eine glutenfreie Ernährung ist die Paleo-Diät, die als Ernährungsform besonders viel Wert auf Nährstoffreichtum und Reizarmut legt und so die Versorgung Betroffener sicherstellen kann.


Referenzen

Mustalahti K, Catassi C, Reunanen A, et al. The prevalence of celiac disease in Europe: results of a centralized, international mass screening project. Ann Med. 2010;42(8):587-595. doi:10.3109/07853890.2010.505931.

Laass MW, Schmitz R, Uhlig HH, Zimmer K-P, Thamm M, Koletzko S. The Prevalence of Celiac Disease in Children and Adolescents in Germany. Dtsch Ärzteblatt Int. 2015;112(33-34):553-560. doi:10.3238/arztebl.2015.0553.

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