Low-Carb ist eine ungesunde Mode, eine Ernährung, die sich irgendwelche Trendsetter ausgedacht haben um mal wieder eine Sau durchs Diät-Dorf zu treiben. Einige Mitglieder der medizinischen Kaste kritisieren Low-Carb mit diesem Argument.

Kommt dir bei Low-Carb auch der Gedanke? Dann solltest du unbedingt weiter lesen, denn die Low-Carb Ernährung ist in Wahrheit ein alter Hut in neuen Kisten.

Ein Ohrenarzt weiß Rat

William Banting – Lizenziert unter Wikimedia Commons

Schon 1862, also kurz nachdem die industrielle Produktion von Haushaltszucker begann, empfahl der englische Ohrenarzt Dr. Harvey seinen fettleibigen Patienten auf Kohlenhydrate zu verzichten. Einer dieser Patienten, der Sargtischler William Banting, verlor aufgrund dieses Ratschlags innerhalb eines Jahres 50 Pfund Gewicht. Banting war überglücklich, doch obwohl er sich aufgrund seiner Erfahrung ab sofort für eine kohlenhydratarme Ernährung einsetzte, gelang es ihm nicht, sich in medizinischen Kreisen Gehör zu verschaffen. So geht es auch heute noch allen, die kein Medizinstudium absolviert haben, sondern „nur“ am eigenen Leibe erfahren, wie gut ihnen der Verzicht auf billige Kohlenhydrate aus Zucker und Auszugsmehlen tut.

Banting veröffentlichte auf eigene Kosten eine Broschüre zum Thema Low-Carb und brachte sie unter die Leute. Deshalb gilt er bis heute als der Vater der Low-Carb Ernährung.

Hier kannst du dir seinen Letter on Corpulence ansehen.

Nach Bantings Veröffentlichung verschwand die kohlenhydratarme Ernährung aber dennoch nicht in der Schublade. Einzelne Ärzte nutzten sie weiter für ihre übergewichtigen und an Diabetes erkrankten Menschen. Unter ihnen Dr. Elliot P. Joslin, der 1924 über seine Erfahrungen mit Low Carb und Diabetes in seiner Bostoner Praxis berichtete[1].

„Stefs“ Erfahrungen bei den Eskimos

Vilhjalmur Stefansson – Lizensiert unter Wikimedia Commons

Etwa zur gleichen Zeit lebte Vilhjalmur Stefansson („Stef“) viele Jahre bei den Eskimos und behauptete nach seiner Rückkehr nach New York, dass die Eskimos keinen Krebs und auch viele andere Zivilisationskrankheiten nicht kannten. Stefansson hatte Kontakt zu den Hinterbliebenen und zu den Pfarrern der Walfangstationen auf Grönland. So erhielt er Einsicht in die Aufzeichnungen der Todesursachen der Eingeborenen. Bevor die Weißen sich aufmachten, den weißen Kontinent Grönland zu erkunden und mit ihrem Lebensstil zu beeinflussen, lebten die Eskimos ausschließlich von tierischen Produkten: Walfleisch, Robben und Fisch. Nur ein paar spärliche Moose und etwas pflanzliche Nahrung aus dem Magen der getöteten Tiere standen ihnen aus der Pflanzenwelt zur Verfügung. Trotzdem erfreuten sich bester Gesundheit.

Buch Download: The Fat of the Land von V. Stefansson (englisch)

Stefansson beobachte und berichtete an seine Kollegen in New York. Die Idee, dass das möglich sei, erschien ihnen lächerlich. Man hatte gerade die Relevanz der Vitamine entdeckt. Ein Leben ohne Gemüse und Obst dürfte diese nicht liefern, glaubte man.

Nach seiner Rückkehr in die USA musste Stefansson deshalb seine Behauptung in einem abgeschlossenen Experiment beweisen. Stefansson und sein langjähriger Begleiter Anderson bekamen unter Aufsicht für ein Jahr ausschließlich frisches Fleisch. Kein Gemüse, kein Obst, kein Ei, keine Milch oder andere Molkereiprodukte. Dafür aber alle Teile vom Tier, inklusive Innereien[2]. Diese Ernährungsweise ist heute eine Form der als ketogen bezeichneten Ernährung, wobei heute niemand mehr einzig von Fleisch lebt, da dies auch zu Stefanssons Zeiten schon als ökologisch fragwürdig eingestuft wurde.

Obwohl Stefansson während des Experiments auf Reisen ging, versicherte er, sich strikt an die Diät zu halten. Sein Begleiter Anderson befand sich über zwölf Monate in Obhut der Wissenschaftler in New York. Schlussendlich wurde das Experiment nach zwölf Monaten abgebrochen – weil nichts passiert ist. Die beiden erkrankten nicht wie erwartet an Skorbut, sondern erfreuten sich bester Gesundheit und verloren sogar ein paar Kilos und einige Beschwerden, die sich in Florida bei Normalkost eingestellt hatten[3].

Was die Wissenschaft aus diesem Experiment gelernt hat? Zu diesem Zeitpunkt zogen die Experten die Konsequenz, dass eine kohlenhydratfreie Ernährung sich sehr wohl zum Abnehmen eignet. Sie stellten keine Nierenschädigungen fest und auch keinen Nährstoffmangel. Den Probanden ging es besser als bei Normalkost. Trotzdem lies der Schluss nur zu, dass die Ernährung sich immerhin zum Abnehmen eignet. Nicht mehr, aber eben auch nicht weniger.

Ein deutsches „Leben ohne Brot“

In Europa griff Dr. med. Wolfgang Lutz die Idee Mitte des 20. Jahrhunderts wieder auf. Sein Buch „Leben ohne Brot“ gehört bis heute zu den deutschsprachigen Standardwerken der kohlenhydratarmen Ernährung. Dr. med. Lutz – seines Zeichens Österreicher – kam durch eigene Überlegungen darauf, dass Kohlenhydrate die Probleme der Fettleibigkeit und der hormonellen Dysbalancen bei seinen Patienten hervorrufen könnten. Über die Jahre behandelte er zahlreiche Patienten mit einer Ernährungsumstellung auf Low-Carb und erzielte jede Menge Erfolge, die in seinem Buch detailliert dokumentiert sind.

Diabetes, Bluthochdruck, Magengeschwüre, Gallenblasenstörungen, Krampfadern, Dickdarmendzündung, Herzkrankheiten, Vorzeitiges Altern, Krebs, Depressionen, Müdigkeit, Epilepsie, Schlafstörungen, Übergewicht, Morbus Crohn, Haarausfall, Karies, X-Beine – so vielfältig sind nicht nur bei Dr. Lutz die Folgen einer zucker- und stärkereichen Ernährung [4].

Die Bewegung gewinnt an Fahrt

In den letzten 10 bis 15 Jahren gewinnt die Low-Carb Ernährung nun immer neue Fans. Der Grund ist einfach: sie funktioniert, sie schmeckt und sie macht satt. Auch die Forschung beschäftigt sich weiter damit und kann immer neue Erfolge verzeichnen[5]–[11]. In Schweden gilt die Low-Carb Ernährung heute bereits als eine mögliche Ernährungsform bei bestimmten Erkrankungen, vor allem aber bei Diabetes und Übergewicht.

Das ist mehr, als in den anderen westlichen Ländern „erlaubt“ wird, denn auch bei uns gilt eine Kohlenhydratzufuhr von 65% immer noch als einzige empfehlenswerte Ernährungsform. Der Grund, so schreibt die Deutsche Diabetes Gesellschaft in ihren Leitlinien, ist übrigens nicht, dass man Kohlenhydrate für so unersetzlich hält, sondern vielmehr, dass man sich nach Jahren der Desinformation noch nicht traut, mehr als 35% Fett oder 20% Eiweiß zu „erlauben“[12]. Gerade bei Diabetes – einer Kohlenhydratverwertungsstörung – ist das natürlich eher ungünstig, denn die Betroffenen müssen Insulin nur spritzen, um Kohlenhydrate verwerten zu können.

Eine „gut formulierte“ Low-Carb Ernährung

Nachdem Low-Carb in den letzten Jahrzehnten in zahlreichen Ausprägungen und immer neuen Diätkonzepten in den Medien und Buchhandlungen vertreten war, geht es heute nicht mehr darum Low-Carb als einseitige und besonders fleischbetonte Ernährung zu praktizieren. Die Atkins Diät war und ist der bekannteste und berühmtberüchtigtste Vertreter einer Low-Carb Ernährung, die eher ungünstig ist. Viele führen dieses einseitige Konzept bis heute als einzige Begründung an, warum Low-Carb nicht funktioniert.

Stattdessen wird heute immer mehr auf individuelle Bedürfnisse abgestimmt, der Schwerpunkt auf pflanzliche Kost und Lebensmittelqualität gelegt. Es geht keineswegs darum morgens, mittags und abends Fleisch zu essen oder auf stärkehaltiges Gemüse und Obst vollständig zu verzichten. Überhaupt sind absolute Verbote auch in der Low-Carb Bewegung heute verboten, denn sie sind nie ein guter Begleiter – egal bei welcher Ernährungsform.

Es geht auch nicht um „gute“ oder „schlechte“ Kohlenhydrate, sondern darum, zu verstehen, dass manche Lebensmittel unter bestimmten Umständen in gewissen Lebensphasen krank und dick machen und, dass diese Lebensmittel mittlerweile den Großteil des Lebensmittelangebotes in unseren Supermärkten ausmachen.

Lies dazu auch hier: Wieviele Kohlenhydrate sind gesund für mich?

Selbst wenn du nichts anderes machst, als industrielle Fertiglebensmittel zu 95% aus deiner Ernährung zu streichen, erreichst du auf ganz natürlichem Wege eine Ernährungsweise mit weniger Kohlenhydraten und mehr Fett. Es bleiben: Frisches Obst und Gemüse (alle Sorten), Nüsse und Samen, Fleisch, Fisch, gute Fette und nach Verträglichkeit auch Milchprodukte. Ja, auch Brot ist ein Fertiglebensmittel, das heute noch dazu mangelhaft zubereitet wird. Ich wüsste nicht, was an einer Ernährung, die sich daran hält, verkehrt sein sollte.

Für Vegetarier: Low-Carb geht auch ohne tierische Produkte


Referenzen

[1]      E. P. Joslin, “The Treatment of Diabetes Mellitus.,” Can. Med. Assoc. J., vol. 14, no. 9, pp. 808–11, Sep. 1924.

[2]      V. Stefansson, The Fat of the Land (Enlarged Edition of Not by Bread Alone). New York, 1960.

[3]      W. S. McClellan and E. F. du Bois, “PROLONGED MEAT DIETS WITH A STUDY FUNCTION AND KETOSIS,” 1930.

[4]      W. Lutz, “Leben ohne Brot. Die wissenschaftlichen Grundlagen der kohlenhydratarmen Ernährung,” 1967.

[5]      A. Paoli, “Ketogenic Diet for Obesity: Friend or Foe?,” Int. J. Environ. Res. Public Health, vol. 11, no. 2, pp. 2092–2107, Feb. 2014.

[6]      Ł. Czyżewska-Majchrzak, T. Grzelak, M. Kramkowska, K. Czyżewska, and H. Witmanowski, “The use of low-carbohydrate diet in type 2 diabetes – benefits and risks.,” Ann. Agric. Environ. Med., vol. 21, no. 2, pp. 320–6, Jan. 2014.

[7]      J. V. Nielsen, E. Jönsson, and A. Ivarsson, “A low carbohydrate diet in type 1 diabetes: clinical experience–a brief report.,” Ups. J. Med. Sci., vol. 110, no. 3, pp. 267–73, Jan. 2005.

[8]      A. Elhayany, A. Lustman, R. Abel, J. Attal-Singer, and S. Vinker, “A low carbohydrate Mediterranean diet improves cardiovascular risk factors and diabetes control among overweight patients with type 2 diabetes mellitus: a 1-year prospective randomized intervention study.,” Diabetes. Obes. Metab., vol. 12, no. 3, pp. 204–9, Mar. 2010.

[9]      L. A. Bazzano, T. Hu, K. Reynolds, L. Yao, C. Bunol, Y. Liu, C.-S. Chen, M. J. Klag, P. K. Whelton, and J. He, “Effects of Low-Carbohydrate and Low-Fat Diets,” Ann. Intern. Med., vol. 161, no. 5, p. 309, Sep. 2014.

[10]    A. Paoli, A. Rubini, J. S. Volek, and K. A. Grimaldi, “Beyond weight loss: a review of the therapeutic uses of very-low-carbohydrate (ketogenic) diets.,” Eur. J. Clin. Nutr., vol. 67, no. 8, pp. 789–96, Aug. 2013.

[11]    F. J. McClernon, W. S. Yancy, J. A. Eberstein, R. C. Atkins, and E. C. Westman, “The effects of a low-carbohydrate ketogenic diet and a low-fat diet on mood, hunger, and other self-reported symptoms.,” Obesity (Silver Spring)., vol. 15, no. 1, pp. 182–7, Jan. 2007.

[12]    Deutsche Diabetes Gesellschaft, “Diabetes Leitlinie,” 2005. [Online]. Available: http://www.deutsche-diabetes-gesellschaft.de/fileadmin/Redakteur/Leitlinien/Evidenzbasierte_Leitlinien/057-001_S2_Ernaehrungsempfehlungen_zur_Behandlung_und_Praevention_des_Diabetes_mellitus_06-2010_06-2015.pdf. [Accessed: 26-Jun-2015].