Woman scratching her arm

Vor einigen Wochen erschien in der ARD Mediathek der vermutlich kürzeste Mediathek-Beitrag aller Zeiten. Paul Enck, Professor für Medizinische Psychologie an der Uni-Klinik Tübingen erklärt in nur 16 Sekunden , wie ernst man Menschen mit Nahrungsmittel-Unverträglichkeiten nehmen muss:

„Es gibt viele Fälle von Patienten, die über Beschwerden klagen, für die es keine vernünftige wissenschaftliche Erklärung gibt. Dass ich nichts finde ist sozusagen das Problem des Versagens der Medizin, aber die Patienten haben Beschwerden und das muss man einfach erst einmal ernst nehmen.“

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Eine Einstellung, die leider nicht viele Ärzte teilen. Was nicht nachweisbar ist, ist nicht da. Dabei stehen wir mit unserem Verständnis für viele Phänomene vor allem in der Ernährungswissenschaft, aber auch in der Erforschung des Mikrobioms, d.h. unserer Darmbewohner, noch ganz am Anfang. Kategorisch ausgeschlossen kann hier also kaum etwas werden.

Nehmen Lebensmittel-Allergien zu?

Untersuchungen zeigen, dass in Europa bis zu 40% der Menschen glauben an einer Nahrungsmittel-Allergie zu leiden. Tatsächlich lässt sich aber jedoch nur bei 2,4% eine immunologische Reaktion nachweisen. Laut einer Forsa-Umfrage im Auftrag der Deutschen Dermatologischen Gesellschaft (DDG) aus dem Jahr 2012 sind es sogar rund 20% der Deutschen, die auf bestimmte Lebensmittel allergisch reagieren. das entspricht rund 16 Millionen Bundesbürgern. Da es sich hierbei um eine Umfrage und nicht um einen Test der Menschen handelt, dürfte die Zahl der Angaben tatsächlich weit über denen einer tatsächlichen Allergie liegen. Die Wahrheit liegt sicher irgendwo dazwischen, denn es ist so, dass auch sogenannte pseudo-allergische Reaktionen allergie-ähnliche Symptome hervorrufen können. Und diese sind tatsächlich vermehrt anzutreffen. Bei einer pseudo-allergischen Reaktion handelt es sich natürlich keineswegs um eingebildete Beschwerden, sondern lediglich um solche, die anhand der klassischen IgE-Untersuchungen auf Antikörper in unserem Blut nicht nachweisbar sind. Eine immunologische Reaktion kann also diagnostisch nicht dargestellt werden. Trotzdem haben immer mehr Menschen Probleme mit einzelnen Lebensmitteln oder sogar ganzen Nahrungsmittelgruppen.

Die Gründe hierfür können ganz unterschiedlicher Natur sein:

  • Pseudo-Allergien: sehen aus wie eine Allergie, können aber anhand von Allergietests nicht nachgewiesen werden. Dazu gehören Unverträglichkeiten auf histaminreiche Lebensmittel oder solche, die körpereigenes Histamin freisetzen, aber auch Unverträglichkeiten von Zusatzstoffen oder Inhaltsstoffen wie Salicylate, Glutamat, Benzoesäure, Tatrazin etc. Je nach Ursache der Reaktion und der Entstehung, ist es möglich, dass die Beschwerden durch eine Ernährungs- und Lebensstilumstellung wieder in den Griff zu bekommen sind.
  • Enzymdefekte: Zu den Enzymdefekten gehört die allseits bekannte Laktoseintoleranz oder auch die Fruktoseintoleranz, aber auch die Histaminintoleranz kann hierunter fallen.
  • Bauchspeicheldrüsenschwäche: Fette werden besonders schlecht vertragen und führen zu Beschwerden.
  • Bakterielle Fehlbesiedlungen im Darm: die Folge sind Blähungen, Durchfall und oft zahlreiche andere Verdauungsbeschwerden. Auch hier kann eine Darmsanierung mit anschließendem Wiederaufbau der Darmflora die Symptome beseitigen.
  • Chronisch-entzündliche Darmerkrankungen: dazu gehören Morbus Crohn, Colitis ulcerosa, Zöliakie= einheimische Sprue u.a.). Auch hier ist eine Umstellung auf z.B. eine nährstoffreiche und glutenfreie Ernährung oft sehr hilfreich.
  • Darmtumoren
  • Psyche: Auch unser Kopf kann negative Auswirkungen auf unseren Verdauungstrakt haben. Die meisten kennen das: wenn wir etwas nicht loslassen wollen, dann leidet der ein oder andere unter Verstopfungen und wenn etwas zu schnell geht, dann kann es schon mal Durchfall geben. Mediziner vermuten übrigens auch, dass das Reizdarmsyndrom in diese Kategorie fällt. Ich persönlich denke, dass es auch für das Reizdarmsyndrom unterschiedliche Ursachen gibt. Die Literatur lässt hier noch keinen eindeutigen Schluss zu.

Was tun, wenn Beschwerden nicht nachlassen

Beschwerden, die mit Unverträglichkeiten oder Allergien zu tun haben, sind ebenso vielseitig wie ihre Ursachen. Von Hautausschlägen über den Klassiker Verdauungsbeschwerden bis hin zu Schnupfen, tränenden Augen, Herzrasen, Blutdruckabfall u.v.m.

Eine Auslassdiät mit anschließender Wiedereinführung kann hier Klarheit bringen, ob die verdächtigen Lebensmittel tatsächlich ein Problem darstellen. Sei jedoch vorsichtig, wenn es sich tatsächlich um eine Allergie handelt, da ein anaphylaktischer Schock lebensgefährlich sein kann.