Wer in den letzten Jahren die Debatte um Fett und Zucker verfolgt, wird sich hin und wieder fragen, wie das alles denn überhaupt passieren konnte. Warum konnte ein junger Wissenschaftler namens Ancel Keys mit fragwürdigen Statistiken die wissenschaftliche Debatte um Fett an sich reißen und entgegen aller Widersacher die Welt davon überzeugen, dass Fett und nicht Kohlenhydrate der Übeltäter in unserem Essen ist? Wie konnte es passieren, dass dieser essenzielle Nährstoff plötzlich als Ursache für sämtliche Zivilisationskrankheiten herhalten musste? Was ist auf politischer Seite passiert, dass sämtliche westliche Gesundheitsorganisationen Fett dem ernährungsphysiologischen Teufel gleichsetzten und die meisten Menschen sich heute immer noch bemühen den natürlichen Fettrand an ihrem Steak feinsäuberlich abzuschneiden, um anschließend eine verzuckerte Barbeque-Sauce darüber zu kippen?

Ein weiteres Puzzle-Stück bei der Beantwortung dieser Frage lieferte eine Untersuchung  der Universität von Kalifornien, die am Montag im JAMA Netzwerk unter der Kategorie Internal Medicine veröffentlicht wurde [1].

In dieser Arbeit gehen die Autoren der Frage nach, wie es möglich war, dass unsere Ernährungsrichtlinien überwiegend von der Zuckerindustrie beeinflusst und gestaltet wurden. Dafür werteten sie den Schriftverkehr zwischen der Sugar Research Foundation (heute: Sugar Association) und dem Harvard-Professor für Ernährung Dr. Marc Hegsted sowie Professor Roger Adams aus. Auf den über 1500 Seiten, die die Wissenschaftler untersuchten, kam erstaunliches Zutage, was viele von uns bereits längst ahnten.

„Sie waren in der Lage die Diskussion über Zucker für Jahrzehnte zu beeinflussen“ sagt Stanton Glantz, einer der Autoren im Interview mit der New York Times.

Die Studie zeigt, dass die Sugar Research Foundation drei Harvard Wissenschaftlern in den 1960er Jahren rund 50.000 USD (heutiger Wert) für eine Studie zahlte, die die Fragestellung um Zucker, Fett und Herz-Kreislaufkrankheiten ein für alle Mal klären sollte. Die Studien, die für diese Meta-Studie – also eine Übersichtsstudie der aktuellen wissenschaftlichen Erkenntnisse – verwendet wurden, waren, wie so oft in Meta-Studien, handverlesen. Selbstverständlich im Sinne der Zuckerindustrie.

Die Kenntlichmachung der finanziellen Unterstützungen für wissenschaftliche Studien war in den 1960er Jahren keinesfalls üblich. Das New England Journal of Medicine begann damit beispielsweise erst 1984, schreibt die New York Times.

Die untersuchten Dokumente zeigen, dass John Hickson, ein hohes Tier in den Reihen der Zuckerindustrie, 1964 versuchte seine Kollegen von einer Kampagne zu überzeugen, die die Öffentlichkeit von der Unschädlichkeit von Zucker überzeugen sollten. 1965 holte Hickson die Harvard-Wissenschaftler ins Boot. Er sortierte die Studien, die in der Meta-Studie vorkommen sollten und machte den Professoren klar, dass das Ergebnis zugunsten von Zucker ausfallen sollte. Für jeden der drei Wissenschaftler bedeutete das eine Vergütung in Höhe von 6.500 USD – also rund 49.000 USD im heutigen Wert.

Und so folgten Hegsted und seine Kollegen „Wir haben ihre speziellen Interessen verstanden und werden sie so gut, wie wir können bedienen.“ schreibt Hegsted an Hickson. Und so würdigte Hickson das Ergebnis: „Lassen sie mich Ihnen versichern, dass das genau das war, was wir im Kopf hatten. Wir freuen uns auf die Veröffentlichung.“

Insgesamt gab die Zucker-Lobby in den Jahren nach 1954 rund 600.000 USD (heute: 5,3 Mio. USD) aus.

„Zum Schluss werden Leute, die nie einen Kurs in Biochemie hatten, lernen, dass Zucker das ist, was jeden Menschen am Leben hält und ihm die tägliche Energie liefert, die er zur Bewältigung des Alltags benötigt.“ [2]

Aus: American Society of Sugar Beet Technologists. PROCEEDINGS GENERAL MEETING 1954 THE AMERICAN SOCIETY OF SUGAR BEET TECHNOLOGISTS [Internet]. Denver, Colorado; 1954

Aus: American Society of Sugar Beet Technologists. PROCEEDINGS GENERAL MEETING 1954 THE AMERICAN SOCIETY OF SUGAR BEET TECHNOLOGISTS [Internet]. Denver, Colorado; 1954

Nach der Veröffentlichung der kooperativen Arbeit der Harvard-Wissenschaftler und der Zuckerindustrie ebbte die Debatte um Zucker und Herz-Kreislauf-Erkrankungen ab. Denn, so Glantz von der Universität Kalifornien: „Es war ein sehr smartes Ding, das die Zuckerindustrie da verantwortete, denn Meta-Studien, vor allem, wenn man sie in großen Journalen publiziert bekommt, formen die wissenschaftliche Debatte wesentlich.“

Die Zuckerindustrie fördert weiterhin wissenschaftliche Untersuchungen zum Thema Zucker und seiner Unschädlichkeit für den Menschen. Leider schafft der Verweis auf die Sponsoren von Coca Cola bis Nestlé nur sehr selten den Sprung in die Mainstream-Presse.


Referenzen

[1]      C. E. Kearns, L. A. Schmidt, S. A. Glantz, K. CE, P. IH, O. LD, E. FH, K. PT, L. A, M. RB, M. RB, H. DM, T. G, E. J, A. P, J. AW, O. N, G. SA, and M. M, “Sugar Industry and Coronary Heart Disease Research,” JAMA Intern. Med., vol. 12, no. 3, p. e1001798, Sep. 2016.

[2]      American Society of Sugar Beet Technologists, “PROCEEDINGS GENERAL MEETING 1954 THE AMERICAN SOCIETY OF SUGAR BEET TECHNOLOGISTS,” Denver, Colorado, 1954.

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