Der Tiergarten Schönbrunn in Wien, ist der älteste noch bestehende Zoo der Welt und wurde 1752 von den Habsburgern gegründet. In der damaligen Zeit bezeichnete man Zoos noch als „Menagerie“ und der eigentliche Zweck war die Zurschaustellung exotischer und wilder Tiere. Man machte sich wenig Gedanken um die Bedürfnisse dieser Tiere und so fristeten die meisten ein kurzes und trauriges Dasein in viel zu kleinen Käfigen.

Quelle: Wikipedia

Affengehege im Tiergarten Schönbrunn in Wien, 1898

Heute ist das, zumindest in den meisten entwickelten Ländern, zum Glück anders. Die psychische als auch physische Gesunderhaltung der Tiere steht im Vordergrund. Die Haltung und die Fütterung müssen „artgerecht“ sein. Also versucht man, sowohl den natürlichen Lebensraum, als auch die Nahrung, die dem jeweiligen Tier in seinem natürlichen Lebensraum zur Verfügung steht, so gut es geht nachzuahmen. Was logisch klingt, ist selbst in der modernen Zootierhaltung noch nicht der Status Quo.

Menschenaffen mit Zivilisationskrankheiten

Ich möchte dazu eine kurze Geschichte erzählen. Unsere nächsten Verwandten, die Menschenaffen, haben in Gefangenschaft, mit den gleichen chronischen Erkrankungen zu kämpfen wie wir, nämlich Übergewicht, Herzinfarkt, Schlaganfall und Diabetes Typ-2. Der bisherige Ansatz war – Medikation. Dies galt auch für Mokolo, einem westafrikanischen Flachlandgorilla. Bis sich die zuständige Tierärztin entschied etwas Radikales zu versuchen: sie stellte die Ernährung von Mokolo um.

Gorillas bekommen in Zoos üblicherweise spezielle Getreidekekse, die mit Vitaminen und Mineralstoffen angereichert werden. Ist das „artgerecht“? Genau dies hat sich auch die Tierärztin gefragt und die Ernährung der Gorillas so verändert, dass sie der Ernährung in freier Wildbahn möglichst nahe kam. Was war das Ergebnis? Mokolo und auch alle anderen Tiere in seiner Gruppe nahmen ab, die Blutwerte verbesserten sich dramatisch und auch Verhaltensauffälligkeiten gingen zurück oder verschwanden gänzlich.

Was hat das mit dem Menschen zu tun?

So wie Mokolo nicht für das Leben in einem Zoo angepasst ist, so sind wir eigentlich steinzeitliche Jäger und Sammler, die in einer industriellen Welt leben, an die wir schlecht adaptiert sind. Darum stellt sich die Frage, woran sind wir angepasst? Was ist für das Tier „Mensch“ artgerecht?

Tierisch, pflanzlich? Was? Wieviel?

Artgerecht bedeutet, dass die Ernährung unserer evolutionären Anpassung entsprechen muss. In der Biologie gibt es mehrere Möglichkeiten um diese Frage zu beantworten.

Analogien

Die erste Möglichkeit wäre nach Analogien zu suchen. Als Analogie bezeichnet man in der Biologie ähnliche Anpassungen, durch ähnliche Lebensweise oder Lebensräume. Vergleicht man also den Verdauungstrakt von reinen Pflanzenfressern mit denen von reinen Fleischfressern so findet man spezielle anatomische und physiologische Merkmale.

Der Mensch ist rein morphologisch gesehen, weder den reinen Pflanzenfressern noch den reinen Fleischfressern zuzuordnen, sondern stellt eine Mischform dar.

Magen-Darm Trakt im Vergleich

Anatomische Anpassung

Pflanzenfresser haben einen großen, oft in mehrere Kammern unterteilten Magen. Der Darm ist, im Verhältnis zur Körpergröße, sehr lang; sie besitzen einen ausgeprägten Dickdarm (Colon) und Blinddarm (Caecum).

Fleischfresser haben einen einhöhligen, sehr sauren Magen und einen langen Dünndarm. Der Darm, ist im Verhältnis zur Körpergröße, eher kurz.

Vergleich von physiologischen Merkmalen des Verdauungstraktes bei ausgewählten Tieren[1] aus Mann et al.

Art Darmlänge:Körperlänge Magen- und Darmfläche:Körperfläche
Rind 20:1 3,0:1
Pferd 12:1 2,2:1
Pavian 8:1 1,1:1
Hund 6:1 0,6:1
Mensch 5:1 0,8:1
Katze 4:1 0,6:1

Enzymatische Anpassung

Ein großer Teil der pflanzlichen Biomasse liegt als Cellulose oder Hemicellulose vor. Die Cellulose kann auf Grund ihrer besonderen chemischen Struktur, von Tieren nur unter großen Schwierigkeiten und auf Umwegen abgebaut werden. Die Enzyme des Stärkeabbaus (Amylasen) können die Cellulose nicht zerlegen. Den meisten Tieren fehlen die notwendigen Enzyme (Cellulasen), so dass sie den Energiegehalt der pflanzlichen Cellulose nicht nutzen können. Nur wenige Tiere, wie das Silberfischchen und die Schiffsbohrmuschel, besitzen das notwendige Enzym. Alle anderen Pflanzenfresser sind auf die Hilfe von spezialisierten Mikroorganismen, sog. Endosymbionten, angewiesen. Menschen besitzen weder die enzymatische Anpassung, noch die notwendigen Endosymbionten um Cellulose aufspalten zu können. Somit entspricht eine rein vegetarische Ernährungsweise mit Sicherheit nicht unserer evolutionären Anpassung[2].

Mikrobielle Anpassung

Pflanzenfresser nutzen also die Hilfe von symbiontischen Mikroorganismen, die in ihrem Verdauungstrakt leben. Diese Mikroorganismen bauen die Cellulose ab und die Wirtstiere können dann entweder die frei werdende Glucose oder die beim anaeroben Stoffwechsel der Mikroorganismen entstehenden Abbauprodukte resorbieren. Um diesen Mikroorganismen optimale Lebensbedingungen zu bieten, haben z.B. Wiederkäuer einen Magen mit mehreren Kammern. Eine alternative Wirkstätte für die Endosymbionten sind die hinteren Abschnitte des Verdauungstrakts. Dazu zählen, Blinddarm, Dickdarm und Enddarm. Diese Art der Celluloseverdauung wird als postgastrisch bezeichnet, weil sie nicht im Magen, wie bei Wiederkäuern, stattfindet.

Menschen besitzen zwar eine reichhaltige Darmflora, allerdings fehlen uns die speziellen Bakterien, die zur Celluloseverdauung notwendig sind. Außerdem haben wir einen relativ kurzen Dickdarm und einen stark zurückgebildeten Blinddarm.

Anthropologie und Archäologie

Neben der anatomischen und physiologischen Betrachtung, können natürlich auch Daten aus der Anthropologie und der Archäologie herangezogen werden. Aus Archäologischen Funden weiß man, dass spätestens seit dem Beginn der Herstellung von Steinwerkzeugen vor ca. 2,5 Millionen Jahren, die Bedeutung von Nahrung aus tierischen Quellen kontinuierlich zugenommen hat[3]. Isotopenanalysen bestätigen, dass Homo sapiens während seiner gesamten Entwicklungsgeschichte, stark von tierischem Protein abhängig war und die Gesellschaftsstruktur in erster Linie eine jagende war[4].

Beobachtungen heute noch traditionell lebender Jäger-Sammler Gesellschaften zeigen folgendes Bild: Die durchschnittliche Ernährung kommt zu 2/3 aus tierischen Quellen und zu 1/3 aus pflanzlichen Quellen. Vegane Gesellschaften finden sich – außer in den Industrienationen – keine[5]. Die konsumierten Pflanzen sind ballaststoffreich, stärkearm und zuckerarm. Getreide spielt so gut wie keine Rolle in der Ernährung.

Fazit

Betrachtet man die Daten aus Biologie und Archäologie so zeigt sich, dass der Mensch bestens an tierisches Protein und tierisches Fett angepasst ist und eine vegane Ernährungsweise mit großer Sicherheit nicht „artgerecht“ ist. Zahlreiche Vitamine, z.B. B12 oder die essentiellen Fettsäuren DHA und EPA  müssen über tierische Produkte aufgenommen werden. Getreide wird von heute lebenden Jäger- und Sammler-Stämmen sehr wenig bis gar nicht gegessen.

Auch, wenn es jede Menge plausibler ethischer und ökologischer Gründe für eine fleischlose Ernährung gibt, aus biologischer Sicht ist der Verzicht kein Vorteil für den Menschen.

 

low carb ernährungsumstellung


 

Referenzen

[1] Mann, Neil: Meat in the human diet: An anthropological perspective. Nutrition & Dietetics 2007, 64:s4, Seiten S102-S107. doi:10.1111/j.1747-0080.2007.00194.x.

[2] Heldmaier, Gerhard. Neuweiler, Gerhard. 2004. Vergleichende Tierphysiologie. Band 2. Springer Verlag. p.327

[3] de Heinzelin, Jean, et al. „Environment and behavior of 2.5-million-year-old Bouri hominids.“ Science 284.5414 (1999): 625-629

[4] Richards, M. P., et al. „FOCUS: Gough’s Cave and Sun Hole Cave human stable isotope values indicate a high animal protein diet in the British Upper Palaeolithic.“ Journal of Archaeological Science 27.1 (2000): 1-3.

[5] Cordain, Loren, et al. „Plant-animal subsistence ratios and macronutrient energy estimations in worldwide hunter-gatherer diets.“ The American journal of clinical nutrition 71.3 (2000): 682-692.