Freitagabend, 19:30Uhr. Shavasana, die Totenstellung. Auf der Yoga-Matte neben mir blubbert ein Bauch fröhlich vor sich hin. Der Parasympathikus in Aktion, denke ich und genieße den Moment ganz mit mir und dem Gefühl der totalen Entspannung nach einer einigermaßen anstrengenden Yoga-Praxis. Yoga, die alte indische Lehre, die sich in den letzten Jahren immer größerer Beliebtheit erfreut, hat mich mal wieder ganz in ihren Bann gezogen. Nachdem ich einige Monate nicht so gut auf mich geachtet habe, freue ich mich nun wieder über jede Minute, die ich auf der Matte verbringen kann. Denn anhaltender Stress ist und bleibt das Gesundheitsrisiko Nummer 1 in der westlichen Welt. Nichts hat so massive Auswirkungen auf unseren Körper wie dauernde Anspannung und ein Körper, der nicht abschalten darf.

Ich bin, wie viele Frauen, besonders sensibel für die Folgen, die das mit sich bringt. Nicht zuletzt war Stress für mich der Grund, meine Ernährung vor einigen Jahren auf den Kopf zu stellen und neue Wege zu gehen. Ich habe nicht von Anfang an verstanden, warum es nicht nur das Essen ist, sondern die Entspannung, die mir komplett abhanden gekommen war.

Es hat mich einige hundert Euro gekostet, bis mir klar wurde, dass ich keinen Fortschritt machen werde, ohne das Thema Stress in meinem Leben und vor allem in meinem Kopf in Angriff zu nehmen. Zu sicher war ich, dass es nur am Essen liegt. Bis mein Heilpraktiker anfing mir die richtigen Fragen zu stellen und ich über einige Sachen stutzig wurde. Letztlich war es genau der Stress, der in meinem Körper ein Chaos anrichtete, gegen das man unmöglich „anessen“ kann.

Aber was macht Stress überhaupt mit unserem Körper und warum ist es auch für dich wichtig, das Thema einmal ehrlich zu betrachten.

Was ist Stress?

Für den Begriff Stress gibt es bis heute keine eindeutige Definition. Erstmals geprägt wurde der Begriff 1936 von Hans Selye, einem österreichisch-kanadischen Mediziner, der den Begriff aus der Physik entlehnte, um die „unspezifische Reaktion des Körpers auf jegliche Anforderungen“ zu bezeichnen.

Stress (engl. für ‚Druck, Anspannung‘; lat. stringere ‚anspannen‘) bezeichnet zum einen durch spezifische äußere Reize (Stressoren) hervorgerufene psychische und physische Reaktionen bei Lebewesen, die zur Bewältigung besonderer Anforderungen befähigen, und zum anderen die dadurch entstehende körperliche und geistige Belastung. (Wikipedia)

Was sind Stressoren?

Stressoren sind äußere und innere Reize, die eine unspezifische Reaktion des Organismus hervorrufen.

Äußere Stressoren

Ein Stressor kann in unserer Umwelt so ziemlich alles sein. Angefangen vom brüllenden Chef, über „unfolgsame“ Kinder (wenn es so etwas gibt) oder auch eine große Temperaturschwankung, Umweltgifte und Schadstoffe, Elektrosmog und Lärm, volle U-Bahnen und Drängler auf der Autobahn. Bis hin zu Krieg, Verfolgung, Unfälle und alles, was uns in unserem Dasein existentiell bedroht. All das ist Stress im Außen, auch wenn wir das zum Teil nicht mehr als solchen wahrnehmen. Besonders Menschen in der Stadt ist der konsequente Stresslevel durch Verkehrslärm, Lichtsignale und Menschenmassen nicht immer bewusst und trotzdem ständig vorhanden.

Innere Stressoren

Aber Stress muss nicht nur von außen kommen, denn auch innerhalb des Organismus kann Stress entstehen. Dieser Punkt ist mir besonders wichtig, denn mir scheint, dass die meisten Menschen das nicht sehen. Um in Stress zu geraten, muss kein Eingriff von außen erfolgen. Schon Goethe (1749-1832) schrieb dies in den Gesprächen mit Friedrich von Müller nieder:

Was wir in uns nähren, das wächst; das ist ein ewiges Naturgesetz. Es gibt ein Organ des Mißwollens, der Unzufriedenheit in uns, wie es eines der Opposition, der Zweifelsucht gibt. Je mehr wir ihm Nahrung zuführen, es üben, je mächtiger wird es, bis es sich zuletzt aus einem Organ in ein krankhaftes Geschwür umwandelt und verderblich um sich frißt.

Dann setzt sich Reue, Vorwurf und andere Absurdität daran, wir werden ungerecht gegen andere und gegen uns selbst. Die Freude am fremden und eignen Gelingen und Vollbringen geht verloren; aus Verzweiflung suchen wir zuletzt den Grund alles Übels außer uns, statt es in unsrer Verkehrtheit zu finden. Man nehme doch jeden Menschen, jedes Ereigniß in seinem eigentlichen Sinne, gehe aus sich heraus, um desto freier wieder bei sich einzukehren.“ (3. Februar 1823)

Und auch Wilhelm von Humboldt (1767-1835) sah voraus, dass die Zeit kommen werde, wo es als Schande gelte krank zu sein, wo man Krankheit als Wirkung verkehrter Gedanken werten müsse. Dr. med. Hannes Lindemann schrieb in seinem Buch „Autogenes Training – Überleben im Stress“ schon 1971, dass durch das schnelle Arbeits- und Lebenstempo unserer Zeit, durch die ständig wachsende seelische Belastung auf der einen Seite und die abnehmende körperliche Bewegung auf der anderen, höhere Anforderungen an Psyche und Konstitution des Menschen gestellt würden als früher.

„Kranke Gedanken, kranke Menschen. Es ist Selbstquälerei, fast ein gemächlicher Selbstmord, negative Vorstellungen in seinem Innern zu belassen.“ (Lindemann, 1971)

Dabei sind die negativen Glaubenssätze und Gedanken, die wir oft seit unserer Kindheit herumtragen, leider gar nicht immer offensichtlich. Wir denken jeden Tag rund 60.000 Gedanken und die meisten davon haben wir auch schon gestern gedacht, und vorgestern und letztes Jahr. Es ist ein fortlaufender Kreislauf, dem wir nur mit großer Anstrengung und aktiv begegnen können. Von allein wird da nichts anders. Von allein lösen sich diese immer größer werdenden inneren Stressoren nicht auf. Wie wäre es mit folgenden Gedanken?

  • „Mein Chef/Partner/Kind will mich fertig machen.“ Was meinst du wie lange du dir das innerlich vorbeten musst, bis du „fertig“ bist?
  • „Ich schaff das alles nicht!“ – Welches Gefühl entsteht in dir? Wie wäre es mit dem Gedanken „Das schaff ich locker.“ Welches Gefühl hast du dabei?
  • „Ich halte das alles nicht mehr aus.“ Na? Welche Gefühle entstehen in dir? Wie fühlt sich dein Körper an, wenn du soetwas denkst? Was machen solche Gedanken mit dir?

Wir müssen nicht unbedingt zu Psychologen gehen, um solche Gedanken los zu werden. Wir müssen uns nur bewusst werden, dass unsere Gedanken ein wesentlicher Stressor in unserem Leben sind.

Was passiert bei Stress in unserem Körper?

Egal welcher Form von Stress, welchem Stressor unser Organismus im Einzelnen ausgesetzt ist: die körperliche Reaktion lässt nicht lang auf sich warten. Was Goethe noch nicht wusste, ist heute bestens untersucht und lässt sich ziemlich deutlich abbilden. Auch wenn nicht jede Art von Stress die gleichen physischen Auswirkungen hat, so ist heute doch klar, dass es physische Auswirkungen gibt. Fangen wir bei dem Signal des Stressors an den Organismus an.

Über unsere Sinne (hören, sehen, schmecken und eben auch fühlen) wird der Reiz des Stressors über unser Großhirn an unser vegetatives Nervensystem geleitet. Das vegetative Nervensystem ist ein komplexes System aus Nervenbahnen und Hormonkreisläufen, das unseren gesamten Körper, vom Scheitel bis zur Sohle durchzieht. Im Wesentlichen gibt es zwei grundlegende Nervenautobahnen – den Sympathikus und den Parasympathikus. Beide werden durch zwei winzige Areale in unserem Zwischenhirn, dem Hypothalamus und der Hypophyse gesteuert.

Der Sympathikus ist für Anspannung und die oft beschriebene „Fight-or-Flight“-Reaktion (Flucht oder Kampf) verantwortlich. Ist er aktiviert – und das passiert durch Stress jeglicher Art – hat das Auswirkungen auf alle Organe in unserem Körper. Die sogenannten ersten Neurone des Sympathikus sind im Brust- und Lendenmark unserer Wirbelsäule angeordnet. Sie leiten die Signale des Hypothalamus, des Hirnstamms und der Formatio reticularis (einem Neuronennetzwerk im Hirnstamm) an die Organe weiter und veranlassen sie dazu wiederum einige Funktionen auszuführen oder zu unterlassen, die wir in der akuten Stressreaktion brauchen.

Die maßgeblichen Signalgeber, über die die Stressreaktion abläuft, ist das adrenocorticotrope Hormon (ACTH), das im Hypophysenvorderlappen gebildet wird und die Ausschüttung von Cortisol in der Nebennierenrinde veranlasst. Hier nimmt die physische und bei anhaltendem Stress auch psychische Stressreaktion ihren Lauf. Da die Auswirkungen auf unseren Körper so vielfältig sind, haben wir versucht in nachfolgender Infografik die unmittelbaren Reaktionen unseres Körpers auf Stress und insbesondere chronischen Stress darzustellen.

In unserem nächsten Artikel erfährst du, wie du den Gegenspieler des Sympathikus, also den Parasympathikus, im Alltag aktivieren kannst, um die negativen Auswirkungen von chronischem Stress zu vermeiden oder gar rückgängig zu machen.

Übrigens: die Ausrede „Ich habe dafür keine Zeit.“ ist genau das: eine Ausrede. Nicht mehr und nicht weniger. Wenn uns unsere Gesundheit wichtig ist, dann ist es unsere Verantwortung uns selbst gegenüber, auch unbequeme Themen in Angriff zu nehmen. Wir haben für alles Zeit, wenn wir es nur wollen. Du hast Zeit für Facebook, den Sonntags-Tatort und die Kneipenrunde am Freitagabend? Dann hast du auch Zeit für Entspannung. Punkt.

die stressreaktion