Der Darm ist bei einem erwachsenen Menschen 8 Meter lang und besitzt eine Oberfläche von ca. 400-500m2.  Diese beeindruckende Größe wird durch eine Faltung des Darmrohrs (Kerckringsche Falten), durch Zottenbildung und die Ausbildung von Mikrovilli (Bürstensaum) erreicht. Dies ist notwendig um eine möglichst große Oberfläche für Verdauung und Resorption der Nahrung zu bieten[1].

Grundsätzlich besteht der Darm aus zwei sehr unterschiedlichen Abschnitten, dem Dünndarm und dem Dickdarm. Sie unterscheiden sich nicht nur in ihrem Aussehen, sondern auch in ihrer Funktion.

Die Aufnahme von Nährstoffen geschieht zu 99% im Dünndarm. Im Dickdarm werden nur noch Wasser und Elektrolyte resorbiert. Doch der Dickdarm ist alles andere als Langweilig. Der Dickdarm bietet ideale Lebensbedingungen für Billionen von Mikroorganismen – der sogenannten Darmflora oder auch als Mikrobiota oder Mikrobiom bezeichnet. Manche Wissenschaftler differenzieren zwischen Mikrobiom und Mikrobiota. Während mit dem Mikrobiom, das gesamte Genom der Mikroorganismen gemeint ist, wird die Gemeinschaft der Organismen selbst, als Mikrobiota bezeichnet. Üblicherweise werden die beiden Begriffe allerdings synonym verwendet.

 

Das „vergessene Organ“

Die menschliche Darmflora besteht aus 10 – 100 Billionen Bakterien. Unseren Darm bewohnen also im Schnitt 10-mal so viele Mikroorganismen [2] wie wir eigene Körperzellen besitzen. Die Besiedelung des Darms beginnt normalerweise schon während der Geburt durch Kontakt mit mütterlichen Darmbakterien und Bakterien der Scheide[3]. Es gibt große Unterschiede zwischen Kindern, die mit Kaiserschnitt zur Welt gekommen sind und jenen, die normal geboren wurden.

Die ersten Lebensmonate und Jahre scheinen besonders kritisch zu sein. So haben z.B. Säuglinge, die gestillt werden eine andere Darmflora als Säuglinge, die mit Flaschenmilch gefüttert werden[4]. Bei den gestillten Säuglingen überwiegen vor allem Bifidobakterien, welche für einen niedrigen pH-Wert sorgen und die Ansiedelung pathogener Mikroorganismen hemmt. Während bei den Babys, die mit Fertignahrung gefüttert wurden Coliformes, Enterococci, und Bacteroides überwiegen. Diese Säuglinge brauchen lange um eine natürliche Darmflora aufzubauen und sind anfälliger für Infekte[5].

Das Mikrobiom wird oft als „das vergessene Organ“ bezeichnet. Dachte man früher, die einzige Aufgabe der Darmbakterien läge alleinig in der Fermentation von unverdaulichen Ballaststoffen, beginnen wir heute gerade erst zu verstehen, welchen gewaltigen Einfluss die Darmbakterien auf unseren Körper haben. Es scheint fast so, also ob es kaum einen Bereich gebe, auf den sie keinen Einfluss haben. Das sind jetzt nur die Darmbakterien, aber Bakteriengemeinschaften besiedeln viele Bereiche unseres Körpers – Haut, Mund, Scheide,… Übertriebene Hygiene, Duschgels, antibakterielle Seifen und Reinigungsmittel – all das verändert unser Mikrobiom.

 

Dysbiose – Hooligans als Untermieter

Die Vorsilbe dys- bedeutet „fehlerhaft oder verschoben“ und –bios heißt „Leben“. Spricht man im Bezug auf die Darmflora, von einer Dysbiose, so meint man eine Fehlbesiedelung oder bakterielle Imbalance. In jeder Gesellschaft gibt es brave, fleißige und ordentliche Menschen und es gibt die Unruhestifter. Das System funktioniert so lange gut, so lange es mehr Brave gibt, als „Hooligans“. Bei einer Dysbiose, ist die Bakteriengemeinschaft unausgeglichen und wir haben zu viele „Hooligans“ und Unruhestifter als es gut wäre.

Wie erkennt man eine Dysbiose?

Dysbiosen können, müssen sich aber nicht durch Verdauungsprobleme äußern. Die klassischen Symptome sind sicherlich Durchfall, Blähungen, aufgeblähter Bauch, Verstopfung, sehr unangenehm riechender Stuhl, etc.

Es gibt jedoch auch ganz viele weniger “deutliche“ Signale. Allergien und immer wiederkehrende Infektionen, Migräne, Depressionen und unerklärliche Gewichtszunahme und Muskelschmerzen sind ein paar, jedoch lange nicht alle der Symptome, die mit einer bakteriellen Dysbiose einhergehen können.

Klarheit bringt nur ein ausführliches Stuhlprofil

Was kann man bei einer Dysbiose tun?

Der erste Schritt ist immer die Ernährung zu ändern. Die meisten „Unruhestifter“ lieben Stärke und Zucker. Darum ist es oft sehr hilfreich zu aller erst diese Lebensmittel aus der Ernährung zu entfernen.

Eine Fehlbesiedelung kann vielerlei Ursachen haben und ist oft nur ein Symptom eines größeren zugrundeliegenden Problems. Meistens findet man neben einer Dysbiose auch Entzündung und eine gestörte intestinale Permeabilität (Leaky-gut Syndrome). Unter „leaky-gut“ versteht man, dass die Barrierefunktion des Darms gestört ist und es zu einem unerwünschten Übertritt von Nahrungsbestandteilen in das Blut kommt. Andere Ursachen können Lebensmittelunverträglichkeiten, Mangelernährung, Stress oder eine verminderte Verdauungsleistung sein.

 

 

[1] Heldmaier, G. Neuweiler, G. 2004. Vergleichende Tierphysiologie-Vegetative Physiologie. Springer Verlag. p.317

[2] Savage, D. C. (1977). „Microbial Ecology of the Gastrointestinal Tract“.Annual Review of Microbiology

https://www.ncbi.nlm.nih.gov/pubmed/334036

[3] Berg, R. (1996). „The indigenous gastrointestinal microflora“. Trends in Microbiology 4 (11): 430–5.

https://www.ncbi.nlm.nih.gov/pubmed/8950812

[4] Dai D., Walker, WA. Protective nutrients and bacterial colonization in the immature human gut. Adv Pediatr. 1999;46:353-82. http://www.ncbi.nlm.nih.gov/pubmed/10645469

[5] Fanaro S1, Chierici R, Guerrini P, Vigi V. 2003 Intestinal microflora in early infancy: composition and development. Acta Paediatr Suppl. 91(441):48-55. http://www.ncbi.nlm.nih.gov/pubmed/14599042