Es war einmal der Mensch…viele von uns erinnern sich noch an die niedliche Kinderserie, die uns anschaulich erklärt hat, was in unserem Körper und unserer Geschichte so vor sich ging. Und ob du es glaubst oder nicht: in der Geschichte zu graben und zu wühlen, ist tatsächlich auch eine gute Idee, wenn es um das Thema Ernährung geht, denn dort finden wir einige Ansätze, die gut funktioniert haben – sonst wären wir heute als Spezies nicht mehr auf diesem Planeten.

In der letzten Woche wurde ich durch eine Leserin wieder daran erinnert, warum wir foodlinx überhaupt gegründet haben. Nämlich, weil die konventionelle, leitlinientreue Ernährungsberatung den Menschen nicht hilft, ihre gesundheitlichen Probleme in den Griff zu bekommen. Ich saß vor einigen Jahren selbst in so einer Beratung. Paleo? Das kann nicht gesund sein. Da fehlen Milchprodukte und das gute Vollkornbrot. Dabei hatte ich schon so gute Fortschritte ohne Brot gemacht. Und überhaupt bekomme man nicht alle Nährstoffe, wenn man das nicht isst. Bullsh***, denke ich heute. Damals war ich unsicher, so wie es viele andere auch werden, wenn sie sich in die Beratung begeben und hören, dass Paleo nix ist.

Paleo (und eine gut formulierte Low-Carb Ernährung) ist deutlich nährstoffreicher als die Ernährungspyramide und als die allgemein als „westlich“ bezeichnete Ernährung sowieso. Daran habe ich inzwischen keinen Zweifel. Aber für wen ist die Paleo-Ernährung überhaupt interessant? Und funktioniert sie wirklich?

Woher kommt die Paleo-Ernährung?

Die Paleo-Ernährung basiert auf der Annahme, dass die Spezies Mensch sich über Millionen von Jahren als Jäger und Sammler entwickelt hat. Diese Erkenntnis ist aus einer Vielzahl von archäologischen Funden gesichert. Wenn wir uns heute überlegen, was man in der Natur findet, dann ist davon auszugehen, dass Fisch und Fleisch, Beeren, Nüsse und Samen und vielleicht ein paar Früchte, Gräser und Wurzeln die Nahrungsgrundlage des steinzeitlichen Menschen geprägt haben. Auch das lässt sich anhand der Archäologie belegen – wenn es auch in Fachkreisen Diskussionen darüber gibt, ob der Steinzeit-Mensch nicht vielleicht doch schon ein paar Gräser kultiviert hat. Belegen lässt sich das bisher nicht.

Dass diese Ernährungsweise uns grundlegend gut getan hat, steht außer Frage, denn sonst wäre die Spezies eingegangen. An Knochenfunden und Gebissen kann man sehen, dass Karies nicht vorhanden war und dank aufwendiger Verfahren (Isotopenanalyse) lässt sich auch nachweisen, dass tatsächlich Fleisch und Fisch im Mittelpunkt standen und je nach Jahreszeit einen großen Teil der Ernährung ausgemacht haben – auch bei den ersten Bauern nach Beginn des Ackerbaus[1]. Natürlich nicht nur das Filet, sondern das ganze Tier. Der Ernährungswissenschaftler und Anthropologe Stefansson schreibt sogar, dass das Filet bei den Inuit für die Hunde vorgesehen war [2]. Der Mensch stürzte sich auf Innereien und Knochen, weil hier nicht nur Vitamine, sondern auch wichtige Mineralien und Spurenelemente zu finden sind.

Kurz: die Idee der Paleo-Ernährung basiert auf allem, was wir jagen und sammeln könnten. Da das natürlich verhältnismäßig abstrakt ist und niemand zurück in die Höhle möchte, gibt es noch einen anderen Gedanken, der hier eine Rolle spielt.

Organismen, die fähig sind zu leben, besitzen eine Zusammensetzung, die ihnen das Leben auf diesem Planeten ermöglicht. Ihre chemische Zusammensetzung ist also die beste aller möglichen Zusammensetzungen, denn sonst würde der Organismus krank und anschließend sterben bzw. gar nicht erst entstehen. Das gilt für gezüchtete Tomaten genauso, wie für Tiere in freier Wildbahn, denn selbst wenn der Mensch durch Züchtung (und vielleicht sogar durch Gen-Manipulation) eingreift, wäre der Organismus nicht da, wenn er nicht den Gesetzen der Natur entsprechen würde, sprich: lebensfähig wäre. Da wir Teil der Natur sind, ist davon auszugehen, dass es auch für uns wünschenswert ist von Dingen zu leben, die in der Natur entstehen können und lebensfähig sind und, dass deren chemische Zusammensetzung für uns von Vorteil ist. Der Verzicht auf Fertiglebensmittel ergibt sich daraus automatisch. Das ist Teil eins der Geschichte.

Reizarmut und Nahrung

Teil zwei der Geschichte bezieht sich tatsächlich auf die Wirkung der Lebensmittel auf unseren Körper. Und ich möchte hier nicht über die Wirkung von Fertiglebensmitteln bzw. hoch verarbeiteten Lebensmitteln wie Zucker etc. schreiben, denn die haben wir ja schon ausgeschlossen.

Es geht hier mehr um Getreide und Milchprodukte, die auch aus der Natur kommen, aber in der Paleo-Ernährung nicht stattfinden.

Die Aspekte, die wir hier vorbringen können, sind endlos. Haben wir das in der Höhle gegessen? Wahrscheinlich nicht, jedenfalls gibt es keinen archäologischen Hinweis darauf (man nutzt hier Isotopenanalysen und auch Abdrücke etc., die man in Keramik oder an Feuerstellen aus der Steinzeit findet – bis heute keine Spur davon [1]).

Eine weitere Frage stellt sich auf medizinisch/bio-chemischem Niveau. Welche Prozesse löst ein Lebensmittel in meinem Körper aus? Wie gut kann ich es verdauen? Welche Vorteile und welche Nachteile bringt mir das? Überwiegen die Vorteile? Bin ich bereit die Nachteile in Kauf zu nehmen?

Und an diesem Punkt sind wir heute deutlich weiter, als wir das zu Adolfs Zeiten waren, als Vollkornbrot und Vegetarismus vor allem deshalb propagiert wurde, weil sich die Funktionäre des Dritten Reiches eine politische und wirtschaftliche Unabhängigkeit von Lebens- und Futtermittelimporten versprachen. Doch nicht, weil das so gesund war. Im Ernst. Welche Interessen hatten die Nazis? Gesundheit für alle? An der vegetarischen Wurst der Nazis sind jede Menge Zwangsarbeiter jämmerlich zu Grunde gegangen. Aber da will ich gar nicht tiefer rein. Böse Geschichte, die ich ein anderes Mal ausrolle.

Heute können wir eine andere Brille aufsetzen. Wir wissen, dass Gluten für den Menschen nicht verdaulich ist. Wir haben schlicht kein Enzym dafür. Und wir wissen, dass Gluten in unserem Darm eine Immunantwort auslöst, die dazu führt, dass unser Darm durchlässiger für Eiweiße, Bakterien und Pathogene wird, als das normalerweise der Fall ist [3] [4]. Und wir wissen auch, dass Lektine und Phytinsäuren im vollen Korn die Verdauung sehr erschweren. Das ist interessant – DGE hin oder her – für alle, die gesundheitliche Probleme haben. Sei es in Form von Autoimmunerkrankungen, Allergien, Unverträglichkeiten, Stress-Symptomatiken und anderen schweren Erkrankungen. Getreide gehört zu den am schwersten verdaulichen Lebensmitteln überhaupt. Vollkorn erst recht. Und von den erlaubten 200 Zusatzstoffen im „Bäcker“brot rede ich gar nicht.

Warum sollte ich meinem Körper das antun, ihn mit einem Lebensmittel zu belasten, das für alle Menschen schwer verdaulich ist, wenn er eh schon seine Kämpfe zu kämpfen hat? Weil die DGE das sagt? Oder dein Ernährungsberater nicht bereit ist, das Risiko einzugehen, von den Leitlinien abzuweichen, die nicht nur von vorgestern sind, sondern auch grundlegende Erkenntnisse der letzten 60 Jahre vollständig ignorieren? Er geht ein berufliches Risiko ein, genauso wie dein Arzt, der dir weiterhin erzählt fettarm zu essen, obwohl das Bild viel differenzierter ist.

So, nun haben wir die Fertiglebensmittel raus und das Gluten raus. Unser Körper wird schon wesentlich weniger mit Dingen belastet, mit denen er es bio-chemisch schwer hat. Bleiben Milchprodukte, die ebenso wie Getreide erst vor rund 10.000 Jahren Einzug in unsere Ernährung fanden und an die wir heutzutage angepasst scheinen, weil wir das Enzym Laktase auch im Erwachsenenalter produzieren. Jedenfalls die meisten von uns.

Milchprodukte finden in der Paleo-Ernährung nicht statt und das hat seinen Grund, denn ein kranker Körper, bei dem vielleicht sogar noch der Darm beschädigt ist, verträgt sie tendenziell nicht so gut. Zum einen, weil die Enzymproduktion von einem gesunden Darm abhängt, zum anderen, weil Milch einige andere Stoffe (Milchproteine, Hormone, Wachstumsfaktor etc.) enthält, die für kranke Menschen schwierig sein können. Dennoch möchte ich Milchprodukte nicht vollständig ausschließen, denn es gibt viele Menschen, die sie gut vertragen. Meine Erfahrung ist, dass ein zeitweiser Verzicht vor allem bei Krankheiten sehr hilft und dass der Körper nach einiger Zeit wieder in der Lage ist damit umzugehen. Das ist dann nicht mehr Paleo, sondern Primal, aber auch das ist ok. Brauche ich Milchprodukte für das wichtige Kalzium? Natürlich nicht. Ein gutes Wasser, viel grünes Gemüse und ein paar Mandeln tun es auch. Dafür spart man sich ein weiteres Lebensmittel, das für einen kranken Körper belastend sein kann.

Wie fraglich sind Milchprodukte genau? Julia Tulipan hat hierzu eine tolle Analyse geschrieben: Milch und Milchprodukte – machen sie krank oder sind sie gesund?

Autoimmun-Paleo und weitere Restriktionen

Wer tiefer in die Paleo-Ernährung eintaucht und seine gesundheitlichen Probleme damit bearbeiten will, der wird noch auf eine ganze Reihe von Lebensmitteln stoßen, die schwierig werden können. Natürlich gehören neben den oben genannten auch sämtliche anderen Allergene, wie Ei, Hülsenfrüchte (Soja, Erdnüsse), Nüsse etc. dazu. Und auch Nachtschattengewächse, Kreuzblütler, histaminreiche Lebensmittel u.v.m. können gesundheitliche Beschwerden verursachen. Vielleicht muss man eine zeitlang darauf verzichten, aber das gibt dem Körper die Chance sich zu regenerieren und gesund zu werden. Wenn der Darm heilen kann, dann funktioniert so vieles andere auch wieder. Und wenn die Bausteine in Form von echten Lebensmitteln geliefert werden, dann ist der Weg für die meisten Menschen gar nicht so lang.

„Lass deine Nahrungsmittel deine Heilmittel sein und deine Heilmittel deine Nahrungsmittel.“ Hippokrates von Kos

Trotzdem kann die Reise durch die Ernährungs- und Unverträglichkeitswelt lang und ziemlich nervenaufreibend sein. Nämlich dann, wenn Ernährungsberater ignorant sind und dich im Stich lassen und dir damit den letzten Mut rauben. Ich weiß das aus eigener Erfahrung. Aber sie kann sehr, sehr heilsam sein, wenn man Menschen findet, die einen dabei unterstützen, zuhören und nicht sofort das Handtuch werfen, wenn die Ernährungspyramide nicht funktioniert. Ich wünsche jedem unserer Leser einen solchen Menschen, wenn es drauf ankommt. Egal ob Heilpraktiker, Arzt, Ernährungsberater oder „Heiler“.

Die vier Säulen der Gesundheit

Das tolle an Paleo ist, dass es beim Essen nicht aufhört. Naturerlebnisse, Bewegung, Licht, Sonne, Schlaf, soziale Kontakte, Spaß, Erholung, Regeneration – alles Dinge, die heute in unserer leistungsorientierten, oft digitalen Welt viel zu kurz kommen. Im Paleo-Lifesytle, wie es heute so schön heißt, findet all das einen Platz.

Lies auch hier: Paleo – keine Diät, sondern eine Lebensweise

Und das tut auch dem Körper gut. Wir sind nicht gemacht für Tage in künstlich beleuchteten Räumen, für Stress im Großstadtdschungel, für Stunden vor der Glotze. Auch wenn der Jäger und Sammler zu Urzeiten nicht den ganzen Tag auf Achse war, wie wir uns das heute manchmal vorstellen, so war er doch an der frischen Luft und hat sich nicht dauerbeschallen lassen und auf Facebook gesurft. Auch das sind Aspekte von Gesundheit.

Ausprobieren, denken und lesen, lesen, lesen

Wenn man neu in der Ernährungsproblematik steckt, bisher vielleicht von Pizza, Nudeln und Co. gelebt hat, dann ist der Schritt zur Paleo-Ernährung riesig. Aber er lohnt sich und wenn du Hilfe dabei benötigst, solltest du sie bekommen – egal, was deine Ernährungsberaterin dir sagt. (Aussagen wir „Ich kann dahinter kein Konzept erkennen.“ lässt auf Unfähigkeit und Ignoranz schließen. Da kann man selbstbewusst aufstehen und gehen. Wirklich.)

Hochwertige und frische Lebensmittel zuzubereiten muss man lernen; dabei sollte sie dich unterstützen. Und du solltest mutig sein, viel lesen und das, was du lernst, selbstbewusst umsetzen. Ernährungswissenschaften der letzten 100 Jahre sind weitgehend Theorien, die nicht allzu selten auch politische und wirtschaftliche Interessen widerspiegeln und das Bedürfnis nach Gesundheit manchmal auch nur peripher berühren. (Random Fact: Beim deutschen Aufklärungsdienst aid, der mit der Ernährungsschulung der Bevölkerung beauftragt ist und jährlich knapp 5 Millionen Euro Steurgelder dafür bekommt, hat das Gesundheitsministerium nur einen Gastplatz!) Nicht alle Ernährungsberater sind Cracks. Die meisten sind weit entfernt davon – das Thema ist komplex, die Ausbildung … naja… Leitlinienkonform eben.

Es ist schwer, sich über die sogenannten Experten zu stellen und die eigene Erfahrung als gelungenes n=1 Experiment zu betrachten und wert zu schätzen. Den Mut dazu solltest du als selbständig denkender Mensch aber haben. Beobachten, selber denken, googlen. (Individuelle Hilfe bekommst du übrigens auch bei uns.)

Und wer es noch viel, viel wissenschaftlicher haben möchte, dem möchte ich das Buch von Sarah Ballantyne ans Herz legen, das im Dezember auf Deutsch erschienen ist. (Wer gut genug Englisch kann, profitiert natürlich immer von der Originalfassung.) Paleo funktioniert. Wirklich. Auch in unserer heutigen Welt.

Weitere Informationen dazu findest du auch in unserem Blog: Fang am besten hier an


Referenzen

[1]      A. Kreuz and T. Terberger, “Von Hirsch und Hasel zu Kuh und Korn,” Archäologie Deutschl., Sonderheft 05/2014 „Vom Jäger und Sammler zum Bauern, pp. 87–97, 2014.

[2]      V. Stefansson, The Fat of the Land (Enlarged Edition of Not by Bread Alone). New York, 1960.

[3]      A. Fasano, “Intestinal permeability and its regulation by zonulin: diagnostic and therapeutic implications.,” Clin. Gastroenterol. Hepatol., vol. 10, no. 10, pp. 1096–1100, Oct. 2012.

[4]      S. Drago, R. El Asmar, M. Di Pierro, M. G. Clemente, A. T. A. Sapone, M. Thakar, G. Iacono, A. Carroccio, C. D’Agate, T. Not, L. Zampini, C. Catassi, and A. Fasano, “Gliadin, zonulin and gut permeability: Effects on celiac and non-celiac intestinal mucosa and intestinal cell lines,” Aug. 2009.