„Lieben und Loslassen. Lieben und Loslassen. Lieben und Loslassen.“

Die Worte von Alexander klingen jetzt, Wochen nachdem er sie ausgesprochen hat, noch immer in mir nach. Sie sind mittlerweile ein Art Mantra für mich geworden, denn sie beschreiben in aller Kürze und Würze das, was mich lange daran gehindert hat, einen Schritt weiter zu gehen und meinem  Leben und meiner Gesundheit die notwendige Wende zu verschaffen.

Wenige Minuten bevor ich diese Zeilen schrieb, rief mich Frau Ernst an. Eine freundliche, etwas schüchterne, zarte Stimme, die von mir wissen wollte, zu welchem Arzt sie denn am besten mit ihrer Nebennierenerschöpfung gehen könnte. Ihr Name passt nicht zu ihrer Stimme. Ich konnte mir nicht verkneifen sie zu fragen, ob sie den angeheiratet hat und lag damit natürlich nicht falsch. Unser Name macht mehr mit uns, als wir denken. Sie wies mich auf ihren Namen hin, nachdem ich sie ermahnte den Ratschlag ihrer Therapeuten ernst zu nehmen. Dazu aber gleich mehr. Mein Vorname bedeutet Hoffnung und ist eine Qualität, die sich wie ein roter Faden durch mein Leben zieht.

Ich gab Frau Ernst ein paar Tipps bezüglich günstiger Testverfahren und ein paar mehr oder weniger ungefragte Ratschläge.

„Stellen Sie ihre Ernährung um. Lassen Sie glutenhaltiges Getreide und Milchprodukte weg. Essen Sie so viel Gemüse, wie irgendwie möglich. Die Paleo-Ernährung ist ein guter Rahmen. Und: beseitigen Sie den Stressor, sonst werden Sie nie gesund.“

Ihre Stimme stockte kurz. „Ist das wirklich so?“ Ich versicherte ihr, dass ein Körper und ein Geist, der nie zur Ruhe kommt, niemals von einer stressbedingten Erkrankung genesen könnte. Keine Nebennierenerschöpfung oder Burn-Out, wie dieser Zustand auch oft genannt wird, kann heilen, ohne, dass du die Ursache der Belastung beseitigst.

Sprich: der Stressor muss weg.

Frau Ernst hatte das bereits in einer Klinik gehört. Offenbar riet man ihr allein aufgrund ihrer Konstitution zu einigen Veränderungen, die sie aber nicht wahrhaben wollte. Sie kannte ihren Stressor, aber ihre zittrige Stimme verriet, dass das nicht so einfach ist.

Es gibt ja wirklich gute Therapeuten und manche sehen und fühlen erstaunlich viel. Das ist keine Hexerei, sondern solides Handwerk für wache, fühlende Menschen. Für den Laien scheint es manchmal etwas unglaubwürdig, wenn jemand aufgrund von kurzen Berührungen oder ein paar Worten den Finger direkt in die Wunde legt. Der Patient merkt das sofort, denn die Aussagen können bis ins Mark zu spüren sein, zu Tränen rühren und/oder großen Widerstand hervorrufen. Aber der Therapeut kann doch unmöglich wissen, dass … Doch, das kann er oder sie, wenn er oder sie mit sich und seiner Umgebung verbunden ist, wach ist, präsent ist.

In den vergangenen Jahren habe ich nicht nur an mir selbst gespürt, wie schwer das Loslassen sein kann. Ich erlebe es auch jeden Tag im Coaching und in meinen Mach dich Allergiefrei! Kursen.

Festzuhalten an Menschen, Umständen und Dingen, die uns schon lange nicht mehr gut tun oder die wir schlicht nicht zum Leben brauchen, ist etwas, das den meisten Menschen anhaftet. Das Immunsystem, der Darm, die Hormone – alles bäumt sich auf, aber wir verstehen die Sprache unseres Körpers nicht. Wir wollen immer mehr und alles, was wir haben, ist gut. Lieber noch eine Nahrungsergänzungsmittel oder eine weitere erfolgversprechende Therapieform, als wirkliche Veränderung.

Wir werden ja auch zum Konsum und zum „Haben wollen“ erzogen. So funktioniert unser Wirtschaftssystem und unsere Gesellschaft. Die Medien, die Werbung – alles ist darauf ausgelegt, dass wir haben wollen sollen. Am Ende – und das hast du sicher auch schon oft gehört – kannst du nichts davon mitnehmen.

Auf dem Sterbebett zählt das alles nicht.

Wirklich frei und glücklich können wir nur sein, wenn wir merken, dass wir viel zu viel haben und ganz locker auch ohne das Meiste davon auskommen können. Wenn wir lernen das, was wir haben, loszulassen und darauf zu vertrauen, dass wir immer alles haben werden, was wir brauchen. Auch dann, wenn es weniger materielle Dinge sind, als wir vielleicht in der Vergangenheit hatten. Auch dann, wenn uns Jobs und Menschen verlassen oder wir sie verlassen müssen, um endlich den Raum dafür zu schaffen, dass Neues und Besseres in unser Leben kommen kann.

Ohne das Alte loszulassen, entsteht kein Raum für das Neue. Ohne den Stressor loszulassen, entsteht kein Platz für die Entspannung und die Erholung, die unsere Körper so sehr brauchen.

Das Leben ist stetige Veränderung, sonst wäre es kein Leben mehr, sondern ein statisches Abbild eines Zustandes, der einst einmal da war. Vielleicht gab es sogar eine Zeit in der dieser Zustand tiefes Glück für dich bedeutet hat, aber dann hast du dich verändert, weiter gelebt, Neues gelernt und plötzlich ist passt dieser Zustand nicht mehr zu dir. Dann ist es Zeit loszulassen.

Das bedeutet nicht, dass du nicht dankbar für das sein darfst, was dir im Leben gegeben wurde, was du erlebst hast, was du haben durftest. Dankbarkeit ist eine Tugend, die dir hilft mit allem glücklich zu sein. Auch mit weniger von dem, was du glaubst, für dein Leben zu „brauchen“.

Es bedeutet nur, dass es dich nicht für alle Zeiten glücklich macht, sondern du vielleicht nur in der Erinnerung an das Glück lebst und den Schmerz ausblendest. Das ist normal, das ist ein Schutzmechanismus unserer Psyche. Nicht allzu selten wird das mit Essen kompensiert, das deinem Körper nicht gut tut.

Ach, da fällt mir wieder Alexander ein: „Loslassen oder es tut weh.“
Und das gilt nicht nur im Kampfsport.