Vor einigen Jahren hatte ich ein Gespräch mit einer Kommilitonin über das abnehmen. Diese Dame war und ist leider immer noch schwer übergewichtig, genauso wie der Rest ihrer Familie. Schokolade und Cola gehören bei ihnen zum Alltag. Und zwar in Mengen, die ich mir selbst kaum vorstellen kann. Zu diesem Zeitpunkt versuchte sie die Süßigkeiten zu reduzieren und auf Zucker zu verzichten.

Sie hatte gerade die Diagnose Candida albicans erhalten. Das ist ein Hefepilz, der bei übermäßiger Ausbreitung im Körper unangenehme Folgen für das Immunsystem haben kann. Ihrer Meinung nach war es nicht möglich auf Schokolade und gezuckerte Getränke zu verzichten. Ihr fehle einfach die Willensstärke. Das hat mich aufhorchen lassen, denn so geht es vielen Menschen.

Der Geist ist willig, doch das Fleisch ist schwach.

Diese Volksweisheit beinhaltet mehr Wahrheit, als es den meisten Menschen lieb ist. Denn egal was wir gerne möchten, wenn unser Körper das nicht will, wird es uns nicht gelingen. In der letzten Zeit höre ich immer wieder, dass die von den Krankenkassen geförderten Abnehm-Programme heute kein Wissen über unsere Lebensmittel mehr vermitteln sollen, sondern vielmehr die Psyche und das Verhalten zum Ziel haben. Wie verhalte ich mich in Situation XYZ, wie esse ich?

Verhalten ist jenes Geschehen, das, an einem Organismus oder von einem Organismus ausgehend, außenseitig wahrnehmbar ist. (Spektrum.de Lexikon)

Diese Anleitungen für ein gelungenes Leben passen gut in unsere Zeit. Bei dieser Idee geht man manchmal davon aus, dass unsere Psyche eine eigenständige Einheit ist, die mit dem Rest unseres Körpers irgendwie nichts so richtig zu tun hat.

Das ist in meinen Augen und in den Augen vieler anderer ganzheitlich ausgebildeter Ernährungsexperten grundlegend falsch. Ich möchte nicht sagen, dass das Essverhalten bei allen in Ordnung ist. In vielen Familien wird vor dem Fernseher gegessen, auf dem Weg zum Bus und während der Arbeit. Das ist keineswegs bewusst und gesund und daran kann und muss man etwas ändern wollen.

Gründe für ein starkes Bedürfnis nach Zucker

Trotzdem gibt es eine ganze Reihe von Gründen, warum wir Heißhunger auf Schokolade oder andere Süßigkeiten haben, die mit den Blutzuckerschwankungen nur bedingt zusammenhängen. Alles, was wir unseren Mund hineinstecken, hat eine Auswirkung auf sämtliche Stoffwechselprozesse in unseren Zellen und sogar in den Kraftwerken in unseren Zellen, den Mitochondrien.

Jeder Bissen Schokolade, jedes Stück Brot, jede Karotten und jeder Apfel lösen eine unwahrscheinliche Vielzahl von Prozessen in unserem Körper aus. Auch, wenn wir es nicht wahrhaben wollen: die Auswahl unserer Lebensmittel hat auch einen Einfluss auf unsere Psyche, unsere Süchte und unser Verlangen nach bestimmten Lebensmitteln.

Bei stark Übergewichtigen wurde beispielsweise festgestellt, dass das Hormon Leptin, das dem Gehirn vermitteln soll, dass die Fettspeicher voll sind, vom Hirn nicht mehr richtig wahrgenommen wird. Hier fehlt also die natürlich eingebaute „Fressbremse“. Das ist ein bio-chemischer Zusammenhang, den man mit einem starken Willen nur noch bedingt beeinflussen kann.

Der Wille unserer Bakterien

Das was wir essen kommt übrigens nicht nur bei uns an, sondern auch bei unseren Mitbewohnern. Die Abermillionen Bakterien, die in und auf uns leben, bestimmen ebenfalls was wir wollen und brauchen. Das klingt zuerst beängstigend, aber ist ebenso pure Biochemie. Der Pilz, der bei meiner Freundin überhandgenommen hat, benötigt beispielsweise Unmengen Zucker um zu florieren. Sie kann also unter Umständen gar nicht bewusst dagegen angehen und wenn, dann mit erheblichen Entzugserscheinungen. Speziell Candida albicans und die dringend notwendige zuckerfreie Ernährung, ist wirklich kein Spaß und für die Betroffenen ein hartes Stück Arbeit, das allein kaum zu handeln ist.

Genauso geht es uns mit Bakterienstämmen, die in unserer Darmflora eigentlich nichts zu suchen haben bzw. aufgrund unterschiedlicher Lebensstilfaktoren (Ernährung, Stress etc.) lustig gedeihen, obwohl sie das nicht sollten. Ob du willst oder nicht: die meisten dieser „schlechten“ Bakterien wollen Zucker.

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Zucker ist ein schneller Energielieferant bei Stress

Und dann wäre da noch Stress. Starker Stress erfordert mehr Energie, die für den Körper am effektivsten aus Zucker, also Kohlenhydraten, gewonnen werden kann. Auch dagegen kommt man nicht mit einem starken Willen an, sondern nur mit dem Bewusstsein, dass Stress und das dadurch hervorgerufene hormonelle Ungleichgewicht die Ursache allen Übels ist.

In meinen Augen ist es unmöglich von diesen (und anderen) Süchten loszukommen, wenn die Ursache für die Zuckersucht nicht ganz klar ist. Da kommt man mit Verhaltensänderungen nur bedingt gegen an.

Übrigens: wer glaubt, dass er mit künstlichen Süßstoffen besser fährt, irrt sich. Obwohl man noch nicht ganz genau weiß, wo das Problem liegt, wurde in vielen Studien immer wieder gezeigt, dass Menschen, die auf Süßstoffe ausweichen, nicht besser abnehmen. Eine mögliche Erklärung ist, dass der Geschmack bereits so viele Stoffwechselvorgänge in Gange bringt, die dann aber aufgrund der fehlenden Kohlenhydrate gar nicht gebraucht werden, dass der Körper sie irgendwann einstellt. Darunter auch die Verdauungstätigkeit und die Regulation der Körpertemperatur.