Eine Sorge, die man immer wieder in Ernährungskreisen und Facebook-Gruppen hört und liest, ist, dass eine ketogene Ernährung auf Dauer zu einer Übersäuerung des Körpers führen könnte. Ich weiß nicht ganz genau woraus diese Befürchtungen entstehen, aber ich denke es hat mit einigen Missverständnissen zu tun, die sowohl die Zusammensetzung einer ketogenen Ernährung betrifft als auch mit dem Prozess der pH-Wert Regulation im Körper selber.

Bevor ich loslege, möchte ich darauf hinweisen, dass ich auf meinem eigenen Blog schon einmal einen ausführlichen Artikel zur Säure-Basen Hypothese geschrieben habe. Wer sich da also etwas mehr vertiefen möchte, kann das dort tun.

Wie reguliert der Körper den pH-Wert?

Chemisch gesehen, können Nahrungsmittel in sauer, basisch oder neutral eingeordnet werden. Diese Einordnung richtet sich danach, wie viele säureformende Komponenten in Form von Schwefel, Chlor oder Phosphat bzw. wie viele basenformende Komponenten in Form von Magnesium, Kalium oder Calcium, enthalten sind. Alle tierischen Produkte und Getreide zählen somit zu den säureformenden Nahrungsmitteln, während Gemüse und Obst zu den basenformenden Lebensmitteln gezählt werden. Reiner Zucker, reines Fett und reine Stärken sind neutral, da sie weder Eiweiß (Protein), Schwefel noch Mineralstoffe enthalten[1] [2].

Es ist auch richtig, dass Nahrung den Urin-pH-Wert beeinflusst[3]. Allerdings ist der pH-Wert unseres Urins kein guter Marker für den Gesamt-pH-Wert oder überhaupt ein aussagekräftiger Marker für den allgemeinen Gesundheitszustand. Der pH-Wert im Urin unterliegt starken Schwankungen und wird durch viele Faktoren beeinflusst, wie Ernährung, Medikamente, Nierenerkrankungen, Harnwegsinfektionen und nicht zuletzt davon, wie viel man getrunken hat. Der pH-Wert im Blut weist kaum Schwankungen auf. Er wird in sehr engen Grenzen gehalten und größere Schwankungen sind mit dem Leben nicht vereinbar.

Der Körper hat mehrere Möglichkeiten wie er mit überschüssigen Säuren umgeht[4].

  • Puffer: Es gibt körpereigene Puffer, wie zum Beispiel Bicarbonat (HCO3), um Säuren zu puffern.
  • Abatmen von CO2 über die Lunge
  • Ausscheiden von Säuren über die Niere und in weiterer Folge dem Urin

Was sind Ketonkörper

Unter dem Sammelbegriff Ketone oder Ketonkörper werden drei Verbindungen zusammengefasst: Aceton, Acetoacetat und β-Hydroxybutyrat. Ketonkörper werden aus Fettsäuren oder einigen wenigen Aminosäuren synthetisiert, d.h. vom Körper selbst hergestellt. Ketonkörper sind wasserlöslich und können daher problemlos im Blut transportiert werden und so alle Gewebe und Organe mit Energie versorgen.

Alle Zellen, die Fettsäuren verstoffwechseln können, können auch Ketonkörper nutzen. Es erfolgt die Umwandlung von beta-Hydroxabutyrat zu Acetyl-CoA. Acetyl-CoA wir dann in den Citratzyklus eingeschleust und zur Synthese von ATP genutzt.

  • Ketonkörper sind wasserlöslich
  • Ketonkörper können durch die innere Mitochondrienmembran transportiert werden.
  • Sie können die Blut-Hirn Schranke überwinden: Ist man ketoadaptiert benötigt das Gehirn nur noch 40 g Glucose, anstatt 120 g. Der Rest wird über Ketone gedeckt.
  • Ketonkörper können von einer Vielzahl von Geweben im Körper genutzt werden inkl. Zentralnervensystem und Gehirn.
  • Ketonkörper können unabhängig von Insulin in die Zelle transportiert werden und so auch bei einer Insulinresistenz der Zellen, eine ausreichende Energieversorgung sicherstellen.

Ketose ist ein natürlicher Zustand

Der Stoffwechselzustand der Ketose, ist für uns Menschen nichts unbekanntes. Wie sicherlich den meisten bekannt sein wird, beginnt der Körper Ketone zu produzieren, wenn die Nahrung knapp wird. Die Ketose allerdings einzig und alleine als „Hungerstoffwechsel“ zu bezeichnen ist falsch. Auch während Zeiten in denen Kohlenhydrate natürlicherweise eher knapp sind, werden unsere Vorfahren zumindest zeitweise in Ketose gewesen sein. Ohne diese Anpassung wäre wohl eine Besiedelung der gemäßigten Breiten und das Überleben während der Eiszeit kaum möglich gewesen.

Dass die Nutzung von Ketonen „natürlicher“ für unseren Körper ist, als viele annehmen, zeigt sich auch noch aus anderen Fakten.

  1. Das Herz bevorzugt Fettsäuren und, wenn vorhanden, Ketonkörper als Energiequelle.
  2. Säuglinge sind in Ketose[5]. Die menschliche Brustmilch ist zwar relativ süß, enthält aber auch viel Fett und vor allem MCTs (mittelkettige Fettsäuren) wie man sie auch in Kokosöl findet.[…]“Striking changes in the fuel supply to the tissues occur during the perinatal period because the transplacental supply of nutrients ends with a period of postnatal starvation (presuckling period) followed by adaptation to a fat-rich diet.“ „Ketone bodies are a major fuel for the brain during the suckling period and hence the stimulation of ketogenesis at birth is an important metabolic event in adaptation of the newborn to extrauterine life. […]“
  3. Ketone und Fett spielten eine besonders wichtige Rolle in der Gehirnentwicklung von Säuglingen. Wir sind die einzigen Primaten mit „dicken“ Neugeborenen. Der Babyspeck ist das ein wichtiges Fettdepot um das rapide Wachstum des jungen Gehirns zu ermöglichen.
  4. Das Gehirn kann 70% seines Energiebedarfs über Ketone decken.

Der Unterschied zwischen Ketose und Ketoazidose

Ein weiteres Missverständnis, das die Angst einer Übersäuerung schürt, ist, dass Ketose und Ketoacidose verwechselt wird.

Die Ketoacidose ist ein lebensbedrohlicher Zustand, den NUR Typ-1 Diabetiker und insulinpflichtige Typ-2 Diabetiker erreichen können. Man spricht auch von einem entgleisten Diabetes.

Hierzu die Definition aus der Wikipedia:

Bei der Entstehung einer Ketoazidose häufen sich Ketonkörper im Blut an und vermindern dessen pH-Wert, verursacht durch einen langanhaltenden absoluten Insulinmangel. Durch den Insulinmangel können die Körperzellen kaum mehr Glucose aus dem Blut aufnehmen. Dies führt zu einem unzureichend gedeckten Energiehaushalt der Zellen.

Der Insulinmangel seinerseits führt dazu, dass in der Leber vermehrt Fett abgebaut wird und dadurch vermehrt Acetyl-CoA gebildet wird, aus dem wiederum Ketonkörper produziert werden. Bei einer Ketoacidose finden wir hohe Ketonwerte UND hohe Blutzuckerwerte.

Am häufigsten ist für die Anhäufung organischer Säuren im Blut die katabole Stoffwechselsituation bei Insulinmangelzuständen im Rahmen eines entgleisten Diabetes mellitus ursächlich (diabetische Ketoazidose). Als weitere typische Ursache gilt die massive Erhöhung der β-Hydroxybuttersäure im Blut infolge Alkoholkonsums (alkoholische Ketoazidose). Alkohol hemmt die Gluconeogenese und die Oxidation freier Fettsäuren in der Leber[6].

Bei einer manifesten Ketoazidose findet man Ketonkörperkonzentrationen von 15 -20 mmol/l oder mehr. Solche Werte sind bei gesunden Menschen mit einer nahrungsinduzierter Ketose, nicht erreichbar. Die nahrungsinduzierte Ketose bewegt sich in Bereichen von 0,5 – 7 mmol/l.

Abschließende Gedanken

Ich hoffe ich konnte mit diesem Artikel, die Missverständnisse rund um „Übersäuerung“ allgemein und die ketogene Ernährung im Speziellen klären. Eine richtig formulierte ketogene Ernährung ist nicht nur nicht gefährlich, sondern biete viele gesundheitliche Vorteile und auch therapeutische Anwendungsmöglichkeiten.


Referenzen

[1] http://ajph.aphapublications.org/doi/pdf/10.2105/AJPH.26.11.1113

[2] http://www.ncbi.nlm.nih.gov/pubmed/11842946

[3] http://www.ncbi.nlm.nih.gov/pubmed/7797810

[4] http://journals.cambridge.org/action/displayAbstract?aid=9016507&fileId=S0007114513000962

[5] Medina, José M., and Arantxa Tabernero. „Lactate utilization by brain cells and its role in CNS development.“ Journal of neuroscience research 79.1‐2 (2005): 2-10.

[6] https://de.wikipedia.org/wiki/Ketok%C3%B6rper