Ein paar Worte vorab

Nahrungsmittel tierischer Herkunft spielen eine wichtige Rolle in der Paleo- und Low-Carb Ernährung. Allerdings, ist sie keinesfalls eine eiweißreiche Diät. Es gibt also nicht jeden Tag Steak und Hühnerbrust. Heute lebende Jäger-Sammler Gesellschaften beziehen 45–65% ihrer Energie von tierischen Produkten. Diese hohe Aufnahme von tierischen Lebensmitteln kombiniert mit dem relativ niedrigen Kohlenhydratgehalt wilder Pflanzen ergibt folgendes Makronährstoffverhältnis: Protein 19–35%,  Kohlenhydrate 22–40%  und der Rest muss natürlich aus Fett kommen.

Man weiß, dass Jäger-Sammler die fetten Teile wie Innereien und Knochenmark bevorzugen und besonders magere Stücke verschmähen[1]

Und genau das ist der Punkt: bei einer gut formulierten Paleo-Ernährung werden alle Teile vom Tier gegessen und dadurch reduziert sich die tatsächliche Fleisch- bzw. Eiweißportion auf dem Teller.

Aber nun zum eigentlichen Thema…

Vorteile von ausreichend Protein in der Ernährung

Bevor wir auf die Frage eingehen, ob eine proteinreiche Ernährung eine Gefahr für unsere Nieren darstellt, möchte ich kurz aufzeigen, welche wichtigen Funktionen Proteine in unserem Körper ausführen.

Protein ist lebensnotwendig

Proteine werden auch als die „Bausteine des Lebens“ bezeichnet. Proteine bestehen aus mehreren langen Ketten von Aminosäuren, die äußerst kompliziert gefaltet werden. Diese Faltung ist charakteristisch für das jeweilige Protein und wie ein Fingerabdruck. Es gibt einige Aminosäuren, die wir nicht selber herstellen können, sondern über die Nahrung aufnehmen müssen. Diese Aminosäuren werden als „essentiell“ bezeichnet.

Proteine erfüllen viele Aufgaben im Körper. Muskeln und anderes Gewebe sind aus Proteinen aufgebaut. Aber auch unsere DNS besteht aus Aminosäuren. Wir brauchen Proteine um die DNS zu verdoppeln, um Enzyme zu machen, um Nährstoffe durch die Zellmembran zu transportieren. Manche Aminosäuren wirken als Neurotransmitter oder als Vorstufe (Prä-Cursor) für Neurotransmitter.

Wir sehen also, Proteine und ihre kleinste Einheit, die Aminosäuren, sind lebensnotwendig.

Protein verbessert die Aufnahme von Kalzium aus dem Darm

Der Darm und in weiterer Folge die Absorption von Kalzium über die Darmzellen, ist das einzige Eintrittstor für Kalzium in den Körper. Ein Kalziummangel wird mit vielen Krankheiten in Verbindung gebracht, unter anderem Osteoporose, Bluthochdruck, Nierensteinen und einigen Krebsarten. Neben einigen Medikamenten, die die Kalziumaufnahme aus dem Darm deutlich behindern, sehen wir das Lactose und Präbiotika, aber auch tierisches Protein die Kalziumaufnahme aus dem Darm signifikant verbessern[2].

Protein verbessert den Knochenstoffwechsel und ist mit höherer Knochendichte assoziiert

Tatsächlich ist es so, dass bei erhöhter Proteinaufnahme, mehr Kalcium über den Urin ausgeschieden wird. Bei weiterer Analyse zeigt sich aber, dass jedoch auch gleichzeitig eine erhöhte Aufnahme von Kalcium in den Knochen stattfindet. Misst man die Kalcium-Balance (also Aufnahme minus Ausscheidung), so fanden Forscher keinen negativen Effekt bei einer säureformenden Diät[3].

Zusammenfassend kann man also sagen, dass eine proteinreiche Ernährung, auch wenn sie grundsätzlich säureformend ist, keine negativen Auswirkungen auf die Knochengesundheit hat. Grundsätzlich findet man in der Literatur eher das Gegenteil. Gerade bei älteren Menschen ist eine erhöhte Proteinaufnahme immer mit besserer Knochengesundheit und erhöhter Muskelmasse assoziiert. Klinische Studien, zwei Meta-Analysen und ein Review-Paper, kommen geschlossen zu dem Ergebnis, dass kontrollierte randomisierte klinische Studien, die Hypothese, dass säureformende Diäten den Verlust von Knochenmasse begünstigen und zu Osteoporose beitragen, nicht unterstützen[4] [5] [6].

Protein und die Nieren – was sagt die Wissenschaft?

Man hört oft, das Protein schlecht oder gar schädlich für die Nieren sein könnte. Also, was steckt dahinter? Vorab möchte ich darauf hinweisen, dass  bei Menschen mit bereits geschädigten Nieren, zu viel Protein tatsächlich eine Gefahr darstellt und diese Personen von einer proteinarmen Ernährung profitieren.

Das heißt allerdings nicht, dass Protein zu Nierenerkrankungen führt. Studien zeigen, dass große Mengen an Protein keine schädigende Auswirkung auf die Nieren gesunder Menschen hat[7] [8].

Eine proteinreiche Ernährung hat messbare Effekte auf die Nierenfunktion. Diese Effekte sind zum Beispiel eine erhöhte glomeruläre Filtrationsrate und eine Erhöhung der Größe und Volumen der Glomeruli (Glomeruli = Filtrationseinheiten der Niere)[9]. Und hier liegt auch der viel zitierte „Hund begraben“. Sehen einige Forscher dies als Zeichen für erhöhten Stress, der auf den Nieren lastet, sehen andere dies als eine einfache physiologische Adaption[10]. Ein Argument, dass hier eher das Zweite der Fall ist, kommt aus der Transplantationsmedizin.

Bei Patienten, die eine Niere spenden und somit nur noch mit einer Niere weiterleben, sehen wir, dass die verbleibende Niere mit einer Erhöhung der glomerulären Filtrationsrate reagiert. Was wir nicht sehen ist, dass dies zu einem erhöhten Risiko für Nierenerkrankungen führen würde. Nicht einmal nach bis zu 20 Jahren nach der Spende.

Fazit

Bekommt man von einer proteinreichen Ernährung kranke Nieren? Die Studien sagen wohl eher nein. Sollte man dauerhaft mehr als 2g / kg Körpergewicht aufnehmen? Wohl eher nicht, da der Körper nur eine gewissen Menge an Protein pro Mahlzeit wirklich nutzen kann und der Rest einfach zu Zucker (Glucose) umgewandelt wird. Es scheint jedoch auch so, dass der Körper gute Regulationsmechanismen besitzt, die die Aufnahme von Protein steuern[11]. Wer außerdem die Prinzipien einer richtig formulierten Paleo oder Low-Carb Ernährung in sein Leben integriert hat, der wird kaum eine proteinreiche Ernährung haben.

 


Referenzen

[1] Loren Cordain , et al. Plant-animal subsistence ratios and macronutrient energy estimations in worldwide hunter-gatherer diets. Am J Clin Nutr March 2000 vol. 71 no. 3 682-692.

[2] Areco, Vanessa, et al. „Dietary and pharmacological compounds altering intestinal calcium absorption in humans and animals.“ Nutrition research reviews (2015): 1-17.

[3] Fenton, Tanis R., et al. „Meta‐Analysis of the Effect of the Acid‐Ash Hypothesis of Osteoporosis on Calcium Balance.“ Journal of Bone and Mineral Research 24.11 (2009): 1835-1840.

[4] Fenton, Tanis R., et al. „Meta‐Analysis of the Effect of the Acid‐Ash Hypothesis of Osteoporosis on Calcium Balance.“ Journal of Bone and Mineral Research 24.11 (2009): 1835-1840.

[5] Fenton, Tanis R., et al. „Causal assessment of dietary acid load and bone disease: a systematic review & meta-analysis applying Hill’s epidemiologic criteria for causality.“ Nutr J 10.2011 (2011): 41.

[6]http://journals.cambridge.org/action/displayAbstract?fromPage=online&aid=8878808&fulltextType=RV&fileId=S0007114513000962

[7] Manninen AH. High-Protein Weight Loss Diets and Purported Adverse Effects: Where is the Evidence? Journal of the International Society of Sports Nutrition, 2004.

[8] Martin WM, et al. Dietary protein intake and renal function. Nutrition & Metabolism, 2005.

[9] Landau, Daniel, and Ralph Rabkin. „Effect of nutritional status and changes in protein intake on renal function.“ Nutritional Management of Renal Disease (2012): 197.

[10] Martin, William F., Lawrence E. Armstrong, and Nancy R. Rodriguez. „Dietary protein intake and renal function.“ Nutrition & metabolism 2.1 (2005): 25.

[11] Morrison, Christopher D., Scott D. Reed, and Tara M. Henagan. „Homeostatic regulation of protein intake: in search of a mechanism.“ American Journal of Physiology-Regulatory, Integrative and Comparative Physiology 302.8 (2012): R917-R928.