Es gibt Phasen im Leben eines jeden Menschen, in denen alles zu viel wird. Der Stress ist allgegenwärtig und wir wissen nicht, wo uns der Kopf steht. Hält dieser Zustand über längere Zeit an und kommen eventuell noch andere unerwartete Ereignisse dazu, kann uns das vollständig lahm legen. Unser Körper spielt dann an ganz vielen Ecken verrückt, wir laufen von Arzt zu Arzt, aber niemand kann uns helfen. Mit der Diagnose machen es sich manche Ärzte einfach: Burn-Out. Aber was tun? Bei den meisten Menschen gibt es aber eine ganz eindeutige physische Ursache für das Leid, das sich dann einstellt. Leider ist diese vielen Ärzten nicht bekannt, weswegen auch nicht danach gesucht wird.

Mich erreichen immer wieder Anrufe und E-Mails von zumeist jungen Frauen, die klassische Symptome einer physischen Überlastung aufweisen. Ärzte, mit denen sie in Kontakt stehen, können allerdings nicht helfen. Sie haben zu wenig Zeit und kennen sich tatsächlich mit Erschöpfungserscheinungen nicht gut aus.

Was ist eine Nebennierenschwäche oder Nebennierenerschöpfung?

Die Nebennieren sind winzig kleine, etwa traubengroße Organe, die auf unseren Nieren sitzen. Sie sind verantwortlich für die Bildung von Kortisol, ohne das wir nicht lebensfähig wären. Kortisol hat einen Einfluss auf die wichtigsten Stoffwechselvorgänge in unserem Körper. Es spielt eine Rolle in unserem Kohlenhydrate- und Fettstoffwechsel, bei der Energiegewinnung aus Aminosäuren, bei der Verteilung unseres Fettes und bei der Blutzuckerregulation. Außerdem wirkt es entzündungshemmend und verringert Allergien.

Bei der Nebennierenschwäche ist die Produktion des Kortisols durch die Nebennieren eingeschränkt, was zu einer ganzen Reihe von Problemen im Alltag führen kann.

Die Nebennierenunterfunktion wurde bereits zu Beginn des 20. Jahrhunderts in der medizinischen Literatur ausreichend beschrieben. Bereits seit den 1930er Jahren gibt es wirkungsvolle Behandlungsmethoden. Trotzdem kennen viele Ärzte diese Erkrankung nicht. Einzig die Addison-Krankheit, die ein Totalversagen der Nebennieren bezeichnet, ist einigen Ärzten bekannt.

Symptome einer Nebennierenschwäche

Bei den meisten Menschen mit einer eingeschränkten Funktion der Nebennieren steht Erschöpfung und andauernde Müdigkeit im Vordergrund der Beschwerden. Je nach Stadium der Erkrankung, ist es Betroffenen nur noch schwer möglich den Alltag zu bewältigen.

Typische Anzeichen für eine verminderte Produktion von Kortisol im Körper sind:

  • Schwierigkeiten, morgens aufzustehen
  • anhaltende Müdigkeit, auch wenn genug geschlafen wurde
  • starkes Verlangen nach Salz oder salzigen Lebensmitteln
  • anhaltender Energiemangel
  • das Gefühl der Überforderung bei der Bewältigung täglicher Aufgaben
  • nachlassende sexuelle Lust
  • Reizbarkeit und höhere Stressanfälligkeit
  • lange Genesungsphasen bei Krankheit oder Verletzung
  • Schwindelgefühl beim schnellen Aufstehen aus dem Sitzen
  • depressive Phasen
  • kaum Glücksgefühle und keine Freude, das Gefühl der Leere
  • bei Frauen: stärkere Beschwerden während der Menstruation
  • fehlende Konzentration
  • schlechtes Gedächtnis
  • verminderte Leistungsfähigkeit
  • ausgeprägtes Nachmittagstief zwischen 15 und 16 Uhr
  • verstärkte Symptome, wenn Mahlzeiten ausgelassen wurden oder nicht ausreichend sind

Keines der Symptome, die hier aufgelistet sind, steht für sich allein. Wenn jedoch mehrere zusammenkommen, kann das zu einer Schwächung der Hormonproduktion führen. Je mehr der aufgezählten Symptome auf dich zutreffen, desto wahrscheinlicher ist es, dass du unter einer Nebennierenschwäche leidest.

Neben den beschriebenen Symptomen gibt es auch andere Krankheiten, die besonders eng mit der Funktion der Nebennieren verknüpft sind. Dazu gehören chronische Müdigkeit/chronische Erschöpfung, Fibromyalgie (chronische Schmerzen), Alkoholismus, Hypoglykämie, rheumatoide Arthritis und ständig wiederkehrende Infektionen der Atemwege.

Wie kommt es zu einer Erschöpfung der Nebennieren?

Einer der wesentlichen Auslöser für eine Nebennierenschwäche ist Stress. Menschen, die

  • sich nie richtig entspannen können oder zur Ruhe kommen,
  • perfektionistisch veranlagt sind,
  • über einen längeren Zeitraum unter Druck stehen oder
  • das Gefühl haben hilflos in der Falle zu sitzen,
  • sich von Schwierigkeiten und Problemen überfordert fühlen oder auch
  • akute emotionale oder physische Traumata (Unfälle, Todesfälle etc.) oder Krankheiten erleben,

können an einer mehr oder weniger ausgeprägten Form erkranken. Es ist dabei vollkommen unerheblich, in welcher gesellschaftlichen Position man sich befindet. Ärzte, Studenten, Hausfrauen, Bauern, Lokführer, aber auch Schüler können ausreichend Auslöser in ihrem Alltag haben, die zu einer Erschöpfung der Nebennieren führen kann.

Neben den physischen und emotionalen Schwierigkeiten, gibt es auch Lebens- oder Verhaltensweisen, die die Nebennieren belasten und sie daran hindern sich wieder vollständig zu erholen. Ein wesentlicher Faktor, der leider heutzutage immer weiter verbreitet ist, ist eine vitalstoffarme Ernährung. Die Nährstoffe die notwendig sind, um unsere Hormonproduktion, sowohl in den Nebennieren als auch in anderen Drüsen aufrechtzuerhalten, werden von vielen Menschen heute nicht mehr mit der Nahrung aufgenommen.

Schlussendlich kann die Hormonproduktion der Nebennieren auch von Geburt an bereits sehr schwach sein. Kinder von Müttern, die während der Schwangerschaft hohem Stress ausgesetzt waren, können eine schwächere Nebennierenfunktion haben.

Wie kann eine Nebennierenschwäche diagnostiziert werden?

Wenn du an mehreren der oben genannten Symptome leidest, ist eine eingeschränkte Funktion der Nebennieren bereits sehr wahrscheinlich. Manche spezialisierte Ärzte sagen, dass die Historie des Patienten bereits ausreicht um eine Diagnose zu treffen. Es gibt aber noch weitere Diagnosemethoden, die du zum Teil auch problemlos zuhause durchführen kannst.

Der Pupillentest

Diesem Test kannst du zu zuhause selbst durchführen. Du brauchst dafür einen Stuhl, eine kleine Taschenlampe, ein Spiegel, eine Uhr mit Sekundenanzeiger oder eine Stoppuhr und einen Raum, den du abdunkeln kannst. Setze dich in dem abgedunkelten Raum auf den Stuhl vor den Spiegel. Halte die Taschenlampe seitlich neben dein rechtes Auge und beobachte deine Pupille im rechten Auge. Bei gesunden Menschen bleibt die Pupille zusammengezogen. Bei einer Schwächung der Nebennieren ist die Pupille nicht in der Lage die Kontraktion aufrechtzuerhalten, sondern wird sich trotz des Lichtes innerhalb von 2 Minuten wieder erweitern. Die Erweiterung hält normalerweise 30-45 Sekunden an, bevor sich die Pupille wieder zusammenzieht. Lies auf der Uhr ab, wie lange die Erweiterung anhält und notiere dir die Dauer und das aktuelle Datum. Den Test kannst du jeden Monat wiederholen um den Fortschritt einer Genesung zu beobachten. Dieser Test funktioniert vor allem bei mittleren bis schweren Fällen. Bei leichteren Fällen ist die Pupille nicht betroffen.

Niedriger Blutdruck

Menschen, die von einer Nebennierenschwäche betroffen sind, leiden häufig unter niedrigem Blutdruck. Interessanterweise fällt der Blutdruck ab, wenn diese Menschen aus einer liegenden Position aufstehen. Wenn du ein Blutdruckmessgerät zuhause hast (gibt es in der Apotheke) kannst du den Verlauf selbst messen. Suche dir einen Tag aus, an dem du ausreichend Flüssigkeit zu dir genommen hast um auszuschließen, dass der niedrige Blutdruck mit einer Dehydrierung zusammenhängt. Leg‘ dich 10 Minuten ruhig hin und miss dann deinen Blutdruck. Stehe dann auf und miss den Blutdruck nochmal. Bei gesunden Menschen erhöht sich der Druck allein dadurch, dass er aufsteht, um 10-20 Einheiten. Fällt er und du bist nicht dehydriert, liegt vermutlich eine Nebennierenerschöpfung vor.

Der Hauttest

Der dritte Schnelltest der allerdings nur bei 40 % aller Patienten wirklich wirksamen ist, ist der Hauttest, der im Jahr 1917 von dem französischen Arzt Emile Sergent entwickelt und beschrieben wurde. Er besteht darin, dass du mit sanftem Druck mit dem Fingernagel oder einem stumpfen Gegenstand (z.B. Kugelschreiber mit eingefahrener Miene) eine ca. 10-20 cm lange Linie auf die Bauchhaut zeichnest. Normalerweise ist diese Linie zuerst weiß und wird dann sehr schnell rot. Bei einer gestörten Funktion der Nebennieren bleibt die Linie ungefähr 2 Minuten lang weiß und wird sogar noch dicker.

Der Speichel-Hormontest

Der sicherste Nachweis für die Anwesenheit von Hormonen der Nebennieren ist der Speichel-Hormontest. Im Speichel lässt sich ein getreues Abbild der Hormonmenge in den Zellen nachweisen. Auch Blut und Urintests können die Hormone im Körper nachweisen, liefern aber keinen guten Nachweis über das Vorhandensein der Hormone in den einzelnen Körperzellen. So einen Speicheltest kann man beim ausgebildeten Arzt oder Heilpraktiker machen lassen. Die Speichelhormontests dienen dem Nachweis von Kortisol im Tagesverlauf. Auch Steroidhormone wie DHEA können mit dem Speicheltest gemessen werden. Die Menge an DHEA-S-Hormonen liefert einen direkten Hinweis darauf, ob die Produktion von Geschlechtshormon in der Nebennierenrinde noch ausreichend funktioniert.

Das Vorhandensein von Testosteron und DHEA-S kann auch ein zuverlässiges Indiz für das biologische Alter sein. Wenn die Menge im Vergleich für dein Alter zu gering ist, kann das ein Hinweis darauf sein, dass du zu schnell alterst. Ist die Menge an Kortisol ebenfalls verringert, ist dies ein verhältnismäßig eindeutiges Indiz für eine chronisch geschwächte Nebenniere.

Was kann man bei einer Nebennierenerschöpfung tun?

Für Betroffene einer Nebennierenschwäche ist es besonders wichtig das eigene Leben und den eigenen Lebensstil zu hinterfragen. Sofern die Nebennierenschwäche nicht durch ein traumatisches Ereignis hervorgerufen wurde, sind häufig die Art und Weise der Lebensführung der Grund für ein physisches Versagen dieser wichtigen Hormondrüsen.

Das wichtigste ist der Abbau von Stress. Jeder Mensch hat andere Faktoren, die ihn in Stress versetzen. Ängste, Sorgen, Verluste, Krankheiten und vieles mehr können unseren Körper in andauernde Alarmbereitschaft versetzen. Dieser Zustand muss schnellstmöglich beendet werden. Gehe Menschen aus dem Weg, die dir Energie rauben. Manchmal ist das leichter gesagt als getan. Dann kann dir ein psychosoziales Coaching helfen, konstruktiver mit der Situation umzugehen.

Darüber hinaus ist es wichtig, dass Betroffene ihren Tagesablauf penibel strukturieren.

Du solltest nicht später als 22:30 Uhr zu Bett gehen und versuchen bis mindestens 8:00 Uhr zu schlafen.

Kaffee und koffeinhaltige Getränke sind ebenso tabu, wie Süßigkeiten, Schokolade oder andere zuckerhaltige Lebensmittel, Alkohol und Weißmehlprodukte.

Entspannungsübungen tagsüber und am Abend vor dem Schlafengehen unterstützen dich bei der Reduktion von Stress. Außerdem ist es unwahrscheinlich wichtig, an den eigenen Gedanken zu arbeiten. Selbstmitleid und übertriebene Ansprüche an die eigene Leistung verhindern eine Verbesserung des Zustandes.

Sofern du einen guten Endokrinologen oder Arzt gefunden hast, der dich bei der Behandlung der Nebennierenerschöpfung begleiten kann, kann eine Hormonersatztherapie mit DHEA, Progesteron, Testosteron oder Aldosteron sinnvoll sein. Die Hormonersatztherapie ist jedoch kein Ersatz für die Veränderung einer gesundheitsschädlichen Lebensweise und ein Abstellen der wichtigsten Stressoren – auch, wenn die im eigenen Kopf zu finden sind.

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