In den letzten Beiträgen habe ich bereits erzählt, welche Rolle eine kohlenhydratreiche Ernährung, Serotonin und Dopamin, Histamin und Nahrungsmittelunverträglichkeiten bei der Entstehung von Depressionen und anderen psychischen Störungen spielt. In den nächsten Beiträgen möchte ich nochmal einen genaueren Blick auf die notwendigen Nährstoffe werfen. Zum einen, um zu verdeutlichen, wie wichtig eine möglichst nährstoffreiche Ernährung mit frischen, unverarbeiteten Lebensmitteln ist und zum anderen, um dir im Gespräch mit deinem Therapeuten eine Hilfestellung zu geben.

Was der Körper braucht

Grundlegend brauchen wir selbstverständlich alle Vitamine, Mineralstoffe und Spurenelemente um einwandfrei psychisch und physisch funktionieren zu können. Ohne diese Stoffe in unserer Ernährung kann eine Vielzahl von Krankheiten durch eine Mangelversorgung entstehen. Der Bedarf an diesen Nährstoffen ist von einer ganzen Reihe von Faktoren abhängig und kann keineswegs für alle Menschen einheitlich bestimmt werden. Wenn also davon die Rede ist, dass wir in Deutschland keinen Mangel haben, dann basiert das immer auf der Annahme, dass wir alle gesund und stressfrei leben und dass wir alle die gleichen Nährstoffe brauchen – egal, ob wir 1,50m klein und schlank oder 2,10m und übergewichtig sind. Darüber hinaus beeinflusst der aktuelle Gesundheitszustand den Bedarf ebenso wie unsere genetische Mitgift, unsere Krankheits- und Medikamentengeschichte, die Art und Weise wie wir leben, wieviel Stress wir haben, wieviel Sport wir treiben und wieviel Schlaf wir bekommen; wieviel Zeit wir in der Natur verbringen und wieviel Lärm und Licht wir ausgesetzt sind, ob wir Rauchen, Alkohol trinken oder hormonelle Verhütungsmittel benutzen, ob wir Muskeln aufbauen wollen, schwanger oder in den Wechseljahren sind, wieviele Giftstoffe (Abgase, Chemikalien etc.) uns täglich umgeben und vieles, vieles mehr.

All‘ diese Dinge haben einen Einfluss auf den individuellen Bedarf nach einzelnen oder allen Nährstoffen und in meinen Augen ist es heute eben nicht mehr selbstverständlich, dass wir das, was unser Körper benötigt so ohne weiteres über eine „gesunde und ausgewogene Ernährung“ bekommen – selbst wenn diese für mich in Form der Paleo/Primal-Ernährung die Grundlage eines gesunden Lifestyles bildet.

Weston A. Price hat in seinen Forschungen eindrucksvoll beschrieben, dass die indigenen Völker für Frauen vor der Ehe (lies: Zeugung) zum Teil eine bestimmte Ernährungsform vorsahen. Dieses jahrhundertealte, überlieferte Wissen und das Wissen darüber, was unser Körper bei zunehmender Belastung braucht, sind heute kaum noch vorhanden. Das Wissen ist verloren, aber die Funktionsweise des menschlichen Körpers bleibt.

Ein Wort zu Nahrungsergänzungsmitteln

Auch wenn es in dieser Artikelserie so aussieht, als wäre ich ein Verfechter von Nahrungsergänzungsmitteln (NEM). Ich bin es nicht. Ich halte sie jedoch in einigen Fällen für die bessere und effektivere Option im Vergleich zu Medikamenten. NEMs sind ein therapeutischer Weg, der in meinen Augen mehr Sinn ergibt, als Medikamente. Warum?

Es ist nicht einfach die Nährstoffe, die wir für die Erholung aus einem Krankheitszustand brauchen, aufzunehmen. Körper und Seelen in Krankheit weisen im Prinzip immer einen erhöhten Nährstoffbedarf auf. Egal, ob du mit einer Grippe kämpfst oder mit Depressionen, Angstzuständen oder Panikattacken.

Hinzu kommt, dass sowohl unser Lebensstil als auch die Ernährung der westlichen Welt, Medikamente etc. einen spürbaren Einfluss auf unseren Verdauungstrakt und unsere Darmgesundheit haben, sodass es für einige Menschen trotz guter, natürlicher Ernährung nicht unbedingt möglich ist alle Nährstoffe aus der Nahrung aufzunehmen. Von ausgelaugten Böden und artfremder Fütterung in der Tierhaltung, die zu gänzlich neuen Zusammensetzungen unserer Lebensmittel führen, möchte ich hier gar nicht sprechen. Das gilt übrigens auch für pflanzliche Lebensmittel, die längst nichts mehr mit dem zu tun haben, was vor fünfzig Jahren geerntet wurde.

Fakt ist, dass die Erholung aus Krankheit in vielen Fällen mit Medikamenten behandelt werden kann. Das ist jedoch eine Option, die nicht die natürliche Funktionsweise des Körpers unterstützt, sondern eher bestimmte Prozesse blockiert. Während wir diesen Chemikalien das Überleben bei Infektionskrankheiten aller Couleur verdanken, so sind sie jedoch nicht in allen Fällen sinnvoll und so sicher, wie Ärzte und Pharmazie uns das oft weißmachen wollen. Es gibt keinen Körper, der einen Mangel an SSRI, künstlichen Hormonen, Schlafmitteln oder ähnlichem hat. Es gibt aber durchaus Bedarfe an Vitaminen, Mineralstoffen, essentiellen und nicht-essentiellen Aminosäuren sowie essentiellen Fettsäuren, die die Grundlage für unsere natürlichen Stoffwechselprozesse bilden. (Andere Sprachen sind da übrigens viel präziser. In der finnischen Sprache werden beispielsweise auch Medikamente gegessen und nicht genommen.)

Basierend auf dieser Idee hat der doppelte Nobelpreisträger Linus Pauling im letzten Jahrhundert die Grundlagen für die sogenannte orthomolekulare Medizin geschaffen. Er und viele andere, die seiner Idee des Einsatzes von Nährstoffen statt Medikamenten folgten, haben in zahlreichen Experimenten die therapeutische Wirksamkeit von Nährstoffen untersucht. Die orthomolekulare Medizin, die sich daraus entwickelt hat, ist keinesfalls nebenwirkungsfrei, allerdings im Vergleich zur pharmazeutischen Medizin sehr, sehr nebenwirkungsarm. Als Beispiel werden immer wieder die gängigen Schmerzmittel, die wohl in so mancher Schreibtischschublade schlummern, angeführt.

„Eine Aspirin pro Tag ist einer US-Studie zufolge für einen Mann mittleren Alters fast genauso gefährlich wie Autofahren. Durch regelmäßiges Einnehmen der Schmerztabletten ergebe sich für 50-jährige Männer ein zusätzliches Todesrisiko von 10,4 Fällen pro 100.000 Menschen im Jahr, berichteten Forscher des Tufts-New England Medical Center in Boston.“ schreibt beispielsweise Die Welt. Eine Hypervitaminose, d.h. eine tödliche Vitaminüberdosierung, ist durch Ernährung und „normal“ dosierte Präparate im Prinzip nicht zu erreichen. Dennoch sollte immer ein erfahrener Therapeut zu Rate gezogen werden. Auch und vor allem weil eine umfassende Diagnostik vor dem Beginn der Supplementierung und eine Beratung in Sachen Qualität der Supplemente sinnvoll ist (hier wird ebenfalls viel Schindluder getrieben).

Der natürliche Weg braucht Zeit

Selbstverständlich sind mit Nahrungsergänzungsmitteln keine radikalen Veränderungen zu erwarten – jedenfalls nicht in den meisten Fällen. Meiner Erfahrung nach sind diese „symptomfrei-in-15-Minuten“-Erlebnisse nur mit Aminosäuren zu erzielen. Der unmittelbare Effekt, den Phenylalanin oder Tyrosin (je nach Bedarf und Symptomatik) sublingual hat, ist enorm. Vitamine und Mineralstoffe entfalten ihre Wirkung deutlich langsamer und es braucht etwas mehr Zeit, bis man etwas „spürt“.

Ähnlich verhält es sich bei einer Umstellung der Lebensgewohnheiten. Mehr Schlaf, mehr Bewegung, weniger Arbeit und eine naturbelassene Ernährung haben Effekte auf unsere seelische und körperliche Gesundheit, aber nicht immer ist der Effekt sofort zu spüren, wie das bei Medikamenten der Fall ist. Manche Beschwerden brauchen ein oder zwei Jahre. Aber dann gehen sie langfristig, wenn du bei einem bewussten Lebensstil bleibst. Es ist selten die Entscheidung darüber, ob du jetzt etwas änderst, weil du jetzt ein Problem hast. Vielmehr entscheidest du darüber, ob du jetzt etwas änderst, weil vor dir noch 30 oder 40 Jahre liegen, die du deine Probleme weiter mit dir rumschleppen wirst, wenn du jetzt nichts änderst. Meistens kommen noch weitere hinzu. Das ist eine lange Zeit. Mit wieviel Gesundheit und Lebensqualität willst du die verbringen? Und wieviel Zeit in der Küche, beim Kochen lernen, beim Einkaufen usw. ist dir das wert? Für mich stellte sich die Frage nie. Wenn ich mit Veränderungen langfristig gute Ergebnisse erzielen kann, dann nehme ich sie früher oder später in Angriff. Nicht alles sofort, aber eins nach dem anderen und mit manchen Schritten kann man schon sehr viel bewegen.

So, diese Worte wollte ich gern vorab loswerden, bevor ich in den nächsten Beiträgen näher auf die Nährstoffe eingehe und sich für euch vielleicht Optionen der Supplementierung und Therapie ergeben.