Vorletzte Woche habe ich schon einmal über die Geschichte der Ernährungspyramide geschrieben, die im Wesentlichen seit den 1980er Jahren ihren Lauf nimmt.

Die Geschichte der öffentlichen Ernährungsempfehlungen begann jedoch viel früher und ist so gut wie überhaupt nicht bekannt. Für die DGE beginnt ihre eigene Geschichte erst mit der Gründung 1953. Damit fällt ein wesentlicher Teil der Geschichte unserer offiziellen Ernährungsempfehlungen unter den Tisch, denn sie sind tief verwurzelt im Nationalsozialismus.

Wie auch in vielen anderen Bereichen des öffentlichen Lebens haben die Menschen, die ihr Fähnchen um der Karriere und des Überlebens Willen in den jeweiligen Wind hängten, nach Ende des Nazi-Regimes keinesfalls ihre Plätze geräumt, sondern Wege gesucht ihre (wissenschaftlichen) Karrieren zu retten. Einen Teil der Geschichte, die uns zu unseren heutigen Vollkornbrot-Empfehlungen führt, möchte ich dir in diesem und im nächsten Artikel vorstellen. Denn nur wer weiß, warum Vollkornbrot historisch und politisch so eine große Rolle spielt, kann es guten Gewissens einfach weglassen. 😉 (Oder denen, die meinen, dass deine Großeltern froh gewesen wären, wenn sie so viel tolles Brot gehabt hätten, etwas über deutsche Geschichte erzählen.)

Wie wir zu unseren brotlastigen Ernährungsempfehlungen kamen

Ernährung war im Nationalsozialismus vor allem ein Instrument, das der sozialen Hygiene und der Durchsetzung politischer Interessen diente. Gesundheit spielte für die Nazis nur eine periphere Rolle. Mit dem Gedanken der sozialen Hygiene und Erhaltung der Leistungsfähigkeit, gründete Hans Conrad Julius Reiter, Leiter des Reichsgesundheitsamtes und Präsident der Reichsarbeitsgemeinschaft für Volksernährung, im Jahr 1935 die „Deutschen Gesellschaft für Ernährungsforschung“ (DGEF), die sozusagen als Vorläufer der heutigen „Deutschen Gesellschaft für Ernährung“ (DGE) die Interessen der verschiedenen ernährungswissenschaftlichen Institutionen bündelte und nicht ganz zufällig fast den gleichen Namen hat wie unsere heutige DGE.

Als Aufgabe der Gesundheitspolitik begriff Reiter die „Sicherstellung und Optimierung der physiologischen Leistungsfähigkeit mit Hilfe der Wissenschaft.“ Diese Wissenschaft im dritten Reich lässt sich von der Politik kaum trennen. Besonders deutlich wird das durch die 1939 gestartete „Vollkornbrotaktion“. Mit der Vollkornbrotaktion verfolgte die Reichsanstalt für Getreideverwertung zusammen mit dem eigens gegründeten „Reichsvollkornbrotausschuss“ ganz wesentlich das Ziel von ausländischen Rohstoffimporten jeglicher Art unabhängig zu werden, den einheimischen Roggen und Kartoffeln zu stärken und die Ernährung der Deutschen aus Mangel an Alternativen auf eine vegetabile Kost umzustellen.

Die Historikerin Ulrike Thoms hält fest, „dass die Ernährungsforscher politische Wissenschaft betrieben, indem sie einen Beitrag zur Ernährung des „Volks ohne Raum“ leisteten“ [1].

Aber wie kam es dazu?

Die Fettlücke

Zu Beginn des Naziregimes gelang es Deutschland noch, den Nahrungsmittelbedarf der Bevölkerung weitgehend selbst zu decken. Das änderte sich jedoch verhältnismäßig schnell. Schon 1936 konnte nur noch rund 70% des Pro-Kopf-Fettverbrauchs für die Ernährung erwirtschaftet werden, 1939 gelang es nur noch 57% des Fettbedarfs für Ernährung und Industrie sicherzustellen. Die Reichsstelle für Fette und Öle konnte hier nicht viel tun. Sie regulierte den Preis und damit auch die Nachfrage, aber zusätzliches Fett zu beschaffen wurde immer schwerer. Was also tun?

So wie es heute die Werbung, Verbände und auch die Politik tut, betrieben auch die Nazis „Verbrauchslenkung“ und weiteten ihre politische Propaganda auf den Bereich der Ernährung aus: Brot, Kartoffeln und Zucker sowie Marmelade wurden empfohlen und sogar subventioniert. Der Eintopfsonntag sollte den Verbrauch an Fleisch und damit Fett senken und das Vollkornbrot die Nation ernähren. Aber die „Fettlücke“ war nicht zu schließen. Goebbels schreibt in sein Tagebuch: „Die Schlangen vor den Läden sind Brutstätten der Sabotage”. – „Butter und Fettknappheit. Wir müssen nun Maßnahmen treffen. Und zwar rigorose.” [2]. Ein Ablieferungszwang für Milch wurde eingeführt, für den Eigenbedarf zu buttern wurde verboten. Ab November 1935 wurden Kundenlisten geführt, um Hamsterkäufen von Butter zu begegnen. Der Verzicht auf Butter zu Gunsten von Kanonen wurde propagiert. (Deine (Ur-)Großeltern dürften also über ein Stück Butter sehr erbaut gewesen sein.)

Reichsfettkarte

Ab 1939 gab es nicht nur Lebensmittelkarten, sondern getrennt davon „Fettkarten“. Hier eine Fettkarte für Jugendliche. Quelle: Bundesarchiv, Bild 183-H26799 / CC-BY-SA 3.0 [CC BY-SA 3.0 de (http://creativecommons.org/licenses/by-sa/3.0/de/deed.en)], via Wikimedia Commons

Die Propaganda des Vollkornbrots

Was heute kaum jemand weiß, ist, dass das gute alte Vollkornbrot erst durch diese Propaganda der Nationalsozialisten zum deutschen Nationalheiligtum wurde und deshalb heute aus unserer Ernährung kaum noch wegzudenken ist. Es war bis dahin außerhalb der Lebensreformbewegung weder beliebt, noch besonders bekannt. Zwar aßen die ärmsten Menschen man auch im Mittelalter oft Vollkornbrot, aber dies verlor sich weitgehend mit steigendem Wohlstand bis zum 19. Jahrhundert.

(Wiki: „Lebensreform ist der Oberbegriff für verschiedene Reform­bewegungen, die seit Mitte des 19. Jahrhunderts insbesondere von Deutschland und der Schweiz ausgingen. Gemeinsame Merkmale waren die Kritik an Industrialisierung beziehungsweise Materialismus und Urbanisierung und ein Streben nach dem Naturzustand. Nach 1933 wurde die „Deutsche Lebensreform-Bewegung“ gleichgeschaltet und ging in der Reichsarbeitsgemeinschaft der Verbände für naturgemäße Lebens- und Heilweise der NSDAP auf.“)

„Esskultur und Versorgung der Nation wurden bereits in der frühen NS-Zeit zur nationalen Aufgabe erklärt. Der Reichsparteitag 1936 formulierte die „Nahrungs- und Wehrfreiheit“ als vorrangiges Ziel des Vierjahresplans. Ein wesentliches Mittel zur Durchsetzung dieses Ziels bestand in einer staatlich gelenkten Brotpolitik, die um die Verbreitung des damals kaum bekannten Vollkornbrotes bemüht war.“ schreibt der Buchautor Gunther Hirschfelder 2002 in der TAZ [3].

Dafür wurden alle möglichen Medien genutzt. In einer Zeitschrift der Deutschen Mittelstandskrankenkasse Volkswohl Versicherungsverein a.G. aus dem Jahr 1940, die mir neulich auf dem Flohmarkt in die Hände fiel, fand ich folgende Zeilen [4].

Eßt Volkornbrot – es verbürgt Gesundheit und Leistungsfähigkeit

Im Juli 1939 wurde im Auftrag des Reichgesundheitsführers von Prof. Wirz der Reichsvollkornbrotausschuß gegründet, der die Erfahrung eines Jahres praktischer Vorarbeit in Sachsen auf das gesamte Reichsgebiet übertrug. Eine tatkräftige Schulung der Bäcker ist durch die Deutsche Arbeitsfront und den Reichsinnungsverband des Bäckerhandwerks eingeleitet worden. „Vollkornbrot backen ist die hohe Kunst des Bäckers“ sagte der Direktor des Institutes für Bäckerei vor einiger Zeit, aber diese hohe Kunst ist durch den Einfluß der Zeit nach und nach zum großen Teil verloren gegangen. In Verbindung mit sechs Prüfungsinstituten sorgt der Reichsvollkornbrotausschuß für ständige Qualitätsüberwachung; denn Vollkornbrot ist nicht gleich Vollkornbrot. Allein die Gütemarke des Hauptamtes für Volksgesundheit mit der Gesundheitsrune bietet Gewähr, daß der Käufer auch richtiges Vollkornbrot erhält: herzhaft, wohlschmeckend, knusperig und vor allem gesund!

HJ. voran.

Wie wir durch die Deutsche Lebensreform e.V. erfahren, hat das Amt für Gesundheitsführung der Hitler-Jugend in Gemeinschaft mit dem Reichskassenverwalter der HJ angeordnet, daß in Zukunft mindestens 50 %, nach Möglichkeit mehr, des gesamten Brotbedarfs in der Verpflegung der Hitler-Jugend in Lagern, Schulen, Jugendherbergen, Landdienstheimen usw. durch anerkanntes Vollkornbrot zu decken ist. Hier kann man mit Fug und Recht sagen, daß die Jugend an erster Stelle marschiert. Es gibt in ganz Deutschland noch keine andere Einheit oder sonstige Vereinigung, die ihren Angehörigen einen 50-prozentigen Vollkornbrot Verzehr zur Pflicht gemacht hat. Die gesundheitspolitische Parole, Vollkornbrot vor allem für die Jugend, ist damit auf glücklichste Weise in die Tat umgesetzt worden.

Die Reichsleitung des Reichsarbeitsdienstes, Bezirksstelle Sudetengau, hat angeordnet, daß an die Arbeitsmänner nur noch Vollkornbrot zu verausgaben ist.

Aber den Nazis ging es zu Beginn nicht nur um Vollkornbrot, sondern vor allem um einen kraftvollen Bauernstaat. Richard Walther Darré, Reichsbauernführer und Reichsminister für Ernährung und Landwirtschaft in Personalunion – und damit Herr über das gesamte deutsche Agrarwesen – verfolgte in seiner Amtszeit von 1933 bis ’38 das Ziel aus Deutschland einen Agrarstaat zu machen. Die Industrialisierung und die zunehmende Verstädterung war ihm ein Dorn im Auge; den Bauern wollte er zum „Bluts-Adel“ machen – und sich selbst zu deren König. Natürlich hatte dieses Gebaren nicht nur ernährungspolitische Gründe. Bauern und ihre Arbeiter machten ein Fünftel der Erwerbsfähigen aus und wählten schon 1932 zu fast 90 Prozent die NSDAP.

„Das Brot ist ein heiliger Begriff, in ihm lebt der Geist vom Urquell der Kultur und der Urkraft unserer Rasse.“ ist in einer der Schriften des Reichvollkornbrotausschusses im Jahr 1939 zu lesen [5].

Doch nicht nur Brot und ein freiwilliger Fettverzicht standen im Zentrum des Interesses. Die vegetarische Kost, die die Lebensreformbewegung bekannt machte, sollte ein weiterer Baustein auf dem Weg in die Unabhängigkeit von Nahrungsmittelimporten sein. Es folgten Experimente an Häftlingen in Mauthausen, die an der sogenannten Biosyn-Vegetabil-Wurst (aus Pilzprotein) zwischen 1943 und ’44 verhungerten. Die Bevölkerung wurde derweil von der Propaganda-Maschinerie zum freiwilligen, weil notwendigen Eintopf-Sonntag – dem Veggie-Day der Nazis – angehalten. Das dürfte übrigens auch der Grund für Hitlers Vegetarismus gewesen sein. Die Liebe zum Leben stand da wohl eher nicht im Vordergrund.

Fehlender Bruch mit dem Nazi-Regime nach dem Krieg

Auch wenn wir heute augenscheinlich nichts mehr mit der Ideologie des Nationalsozialismus zu tun haben, so waren klare Brüche mit dem Regime und seinen Getreuen nach dem Krieg selten.

Personell wurde jedenfalls nach Kriegsende kaum etwas verändert und so flossen auch die Ergebnisse von Ernährungsexperimenten an Zwangsarbeitern nach dem Krieg in die ersten Ernährungsempfehlungen der 1953 neu gegründeten „Deutschen Gesellschaft für Ernährung“ (DGE) ein. Über 20 Jahre besteht das Leitungsgremium der DGE weitgehend aus den gleichen Leuten, die bereits zu Zeiten des Nationalsozialismus wesentlichen Einfluss in diesem Fachbereich hatten. Und auch am Ziel der Erhaltung und Förderung der Leistungsfähigkeit wird festgehalten. Erst 1977 wurden der Zweck der DGE in die Sammlung ernährungswissenschaftlicher Forschungsergebnisse umgewandelt [1].

An der viel gelobten Vollwertkost, die aus der Feder des regimetreuen Werner Kollath stammt, wurde ebenfalls kaum gerüttelt. Nach dem Krieg verlegte Kollath zahlreiche Ratgeber neu, strich den Begriff Rassenhygiene und ersetzte Goebbels durch Goethe [5].

„Same same, but different“ (Immer das Gleiche, aber anders.) würden die Engländer sagen.


Referenzen

[1]: U. Thoms, “Learning from America? The travels of German nutritional scientists to the USA in the context of the Technical Assistance Program of the Mutual Security Agency and its consequences for the West German Nutritional Policy.,” Food Hist., vol. 2, no. 2, pp. 117–152, Jan. 2004.

[2]: E. Fröhlich, Die Tagebücher von Joseph Goebbels, Teil I 3/1, München 2005, ISBN 3-598-23744-8, S. 323/324 (5. November 1935).

[3]: G. Hirschfelder, “Walfleisch fürs Volk,” taz.de, 2002. [Online]. Available: http://www.taz.de/1/archiv/?dig=2002/10/05/a0250. [Accessed: 14-Jan-2016].

[4]: Aus: Vollkornbrot, Brot aus echtem Schrot und Korn, von Hanns G. Müller. zweite Juniausgabe der Zeitschrift „Arbeitertum“, veröffentlicht in „Der gesunde Mensch“, Nr. 8/9 – August/September 1940 – Jahrgang 14, Deutsche Mittelstandskrankenkasse Volkswohl Versicherungsverein a.G., Dortmund

[5]: J. Grossarth, “Ernährung im Nationalsozialismus: Heil Kräuter – Menschen & Wirtschaft – FAZ,” FAZ, 2013. [Online]. Available: http://www.faz.net/aktuell/wirtschaft/menschen-wirtschaft/ernaehrung-im-nationalsozialismus-heil-kraeuter-12561165.html. [Accessed: 14-Jan-2016].

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