Eigentlich schreibe ich in diesem Blog nichts politisches. Eigentlich. Ich habe in der letzten Zeit aber mehr und mehr das Gefühl, das ändern zu wollen, also fange ich einfach mal an. Politik und Gesellschaft geht uns schließlich alle an, denn diese Themen bestimmen, wie wir in Zukunft leben wollen.

Das Münsteraner Memorandum

In den letzten Tagen kursieren in einigen Medien Artikel zu einem Memorandum des Münsteraner Kreises, einem Fach-Gremium bestehend aus dem Medizinjuristen und Ethikratmitglied Jochen Taupitz, der ehemaligen Homöopathin Natalie Grams, der Ärztin und Medizinethikerin Bettina Schöne-Seifert – die das Papier initiiert hat – einem Mitglied der Arzneimittelkommission und vielen anderen. Die Expertengruppe scheint einhellig der Meinung zu sein, dass es eine gute Idee wäre, den Heilpraktikerberuf zu reformieren oder sogar ganz abzuschaffen. Das Ausbildungsniveau sei in vielen Heilpraktikerschulen zu gering, die Prüfung sei mit gesundem Menschenverstand zu absolvieren. Eine gute medizinische Grundausbildung ist das ihrer Ansicht nicht. Solche Menschen kann man nicht einfach auf die Bevölkerung loslassen, noch dazu, wenn sie mit Globuli, Bach-Blüten und Co. vorgeben irgendwelche Erkrankungen heilen zu können. Wo kommen wir denn da hin. „Um es deutlich zu sagen: Wir wollten den gegenwärtigen Irrsinn nicht länger hinnehmen.“ sagt Bettina Schöne-Seifert.

Einer der Fälle, der für viele Publikumsmedien offenbar den letzten Beweis liefert, dass dieser „Irssinn“ ein Ende haben muss, ist der Prozess um einen Brüggener Heilpraktiker, der drei Krebspatienten ein nicht-zugelassenes Mittel injizierte, an dessen Folgen sie wohl starben. Wenn man davon ausgeht, dass die Schulmedizin alle diese Patienten geheilt entlassen hätte und sie nicht bereits als unheilbar eingestuft gewesen sind, kann man sich selbstverständlich wunderbar über diesen Scharlatan aufregen, aber das ist – so nehme ich an – mit ziemlich hoher Wahrscheinlichkeit nicht der Fall. Ob der Heilpraktiker fahrlässig gehandelt hat, sei mal dahin gestellt. Er ist in meinen Augen auf jeden Fall nur ein negatives Beispiel gegen viele positive Behandlungsverläufe in den deutschen Heilpraxen.

Beim Lesen der Artikel der „Leitmedien“ (z.B. hier und hier) fiel mir auf, dass es für diese gar nicht so sehr um eine Reform, sondern vor allem um eines geht: die weitgehende Abschaffung der in Deutschland traditionell tief verwurzelten Naturheilkunde, die keinesfalls eine alternative Medizin ist. Die Naturheilkunde ist die Form der Medizin, die vor Hexal, Böhringer Ingelheim, Pfizer und Co. durchaus ein hohes Ansehen genoss. Sie war nämlich das einzige, was man kannte. Und das soll heute nichts mehr wert sein, ja „Irrsinn“?

Versteht mich nicht falsch: ich plädiere durchaus für eine höhere Zulassungsvorraussetzung für Heilpraktiker-Schüler. Den Hauptschulabschluss finde ich zu wenig, Abitur – und auch das ist nicht mehr das, was es mal war – darf es ruhig sein. Man könnte auch ein längeres Pflichtpraktikum in einer etablierten Praxis hinzufügen oder ein einheitliches Curriculum entwerfen – das gibt es nämlich auch nicht, denn die Zulassung der Ausbildung an den Schulen ist Ländersache. Man könnte die durchaus nicht so ganz einfache amtsärztliche Prüfung – hier prüft der Amtsarzt (!), kein Heilpraktiker – auf ein entsprechendes Niveau heben. Oder, oder, oder.

Aber abschaffen? Zugunsten von wem? Zugunsten der Menschen, die von den ach so wissenschaftlich praktizierenden Schulmedizinern binnen 6 Minuten – so viel Zeit muss für ein gutes Gespräch drin sein – mit einer Packung Tabletten oder einer Salbe aus der Tür geschickt werden? Im Ernst? Zum Vergleich: ich bin „nur“ Ernährungsberaterin, aber das Erstgespräch dauert bei mir mindestens 60 Minuten, es gibt einen langen Fragebogen vorab usw. Nicht, weil Ernährung so kompliziert ist, sondern weil Gesundheit auf vielen Säulen ruht – nicht nur auf dem Verzicht auf Wurst und Weißbrot.

Wie viele Menschen finden heute Hilfe bei Heilpraktikern, die Ihnen vielleicht sogar „nur“ zuhören, ihnen eine gesunde Ernährung ans Herz legen, ihnen vielleicht ein paar „Zuckerkügelchen“ mitgeben und ansonsten vor allem eines Geben: menschliche Zuneigung und Hoffnung. Zu behaupten, dass die Heilkraft menschlicher Nähe nicht evidenzbasiert ist, halte ich für absoluten Humbug, wenn ihr mir den Begriff erlaubt. An was ich glaube und an was ich genese, möchte ich persönlich auch in Zukunft selbst bestimmen – ganz unabhängig davon, dass viele naturheilkundliche Verfahren mittlerweile sehr wohl eine gute wissenschaftliche Grundlage haben, wenn man denn mal anfängt die Scheuklappen abzulegen und sich die Studien durchzulesen, liebe Schulmediziner.

Tod durch Schulmedizin ausgeschlossen?

Wir sollten außerdem nicht vergessen, dass in den USA und in Europa jährlich mehr als 200.000 Menschen an der ordnungsgemäßen Einnahme verschreibungspflichtiger Medikamente sterben. Das Magazin RP Online schreibt in einem Beitrag aus dem Jahr 2013, dass jährlich allein in deutschen Kliniken zwischen 25.000 und 58.000 Menschen an den Nebenwirkungen verordneter Medikamente sterben. So der Leiter des Instituts für Allgemeinmedizin der Universität Witten/Herdecke, Prof. Andreas Sönnichsen: „Fast ein Drittel der Medikamente werden ohne Evidenzbasis verschrieben. Das heißt, dass es keinen Wissenschaftlichen Nachweis für den Nutzen gibt“.

Da staunt der Laie und der Fachmann wundert sich – war das nicht das, was wir den Heilpraktikern vorwerfen? Der Unterschied ist, dass Globuli, Bachblüten und Akupunktur-Nadeln im Zweifel nichts ausrichten – chemisch produzierte Wirkstoffe aber immer in die Regelkreisläufe des Körpers eingreifen und dort Schaden anrichten können. Nochmal: an was ich glaube, möchte ich selbst bestimmen.

Übrigens gibt es neben der falschen Medikamentengabe auch noch die schulmedizinischen Behandlungsfehler, sei es bei Operationen, Therapieverfahren usw. Seit 2011 untersucht der medizinische Dienst der Krankenkassen diese. Von 14.828 Vorwürfen blieben im Jahr 2015 nach gutachterlich bestätigter Kausalität noch 3.156 schadensersatzpflichtige Fälle übrig. Nur diese 3.156 Fälle sollen begründet gewesen sein.

Auch hier wollen wir nicht vergessen, dass gerade die großen Klinikbetreiber Heerscharen von Anwälten beschäftigen, die sich dieser Vorwürfe annehmen. Sich mit Asklepios, Fresenius und Co. anzulegen, kann einen Privatmann ziemlich schnell in die Knie zwingen, denn die Kosten für ein solches Verfahren sind nicht zu verachten. Zudem bleibt wohl nur wenigen Geschädigten überhaupt die Kraft, sich mit den übermächtigen Klinikverbänden anzulegen, wie selbst die öffentlich-rechtlichen hin und wieder berichten. Zwischen 2007 und 2015 ist die Anzahl der gemeldeten Vorfälle übrigens um 50% angestiegen. Klingt nach einer sicheren Alternative, die Sache mit der Schulmedizin. Wissenschaftlich fundiert und völlig fehlerfrei, wenn ich mir das so genau überlege.

Mein Fazit

Schauen wir der Wahrheit ins Gesicht: auf Heilung gibt es keinen Anspruch – in keinem System. Kein Arzt und kein Heilpraktiker „macht“ uns gesund, das können wir nur selbst. Diesen Prozess nennt man Selbstheilung und er ist das, wofür unser Körper gebaut ist, wenn wir ihm die Ressourcen zur Verfügung stellen, die er dafür braucht.

Wir Deutschen neigen dazu die Verantwortung für unsere Gesundheit abzugeben, alles mit einer Pille jetzt heilen zu wollen. Wir wollen die Signale des Körpers nicht hören und dabei das Leben mit einer Bratwurst in der einen und einem Bier in der anderen Hand „genießen“. Wir wollen uns nicht anstrengen, zwei- oder besser dreimal pro Woche Sport treiben und uns bewusst gegen das Stück Kuchen und für die Gemüsepfanne entscheiden. Wir wollen alles, was uns die Industrie und die Werbung anbietet, aber – und es tut mir leid, wenn ich dir den Zahn ziehen muss – so läuft das nicht.

Ich persönlich möchte auch in Zukunft zu meinem Heilpraktiker gehen können und mir lieber eine Stunde meine Trauer von der Seele heulen, als mit einer Kortisonsalbe nach 6 Minuten aus der Tür geschickt zu werden. Ich weiß, dass es immer mehr Menschen so geht. Ich kann mir vorstellen, dass das für unser derzeitiges Gesundheitssystem ein Problem darstellt. Big Pharma und Asklepios lassen grüßen.

Übrigens sind im September Wahlen. Vielleicht möchtest du dich mal mit dem ein oder anderen Parteiprogramm zum Thema Gesundheit vertraut machen. Es könnte ja sein, dass jemand eine bessere Idee für die Zukunft hat.

Bildquelle: Björn Wylezich – fotolia.com

Mein neues Buch ist da!