Wer diesen Blog schon länger verfolgt, dem ist vielleicht aufgefallen, dass es hier seit einiger Zeit besonders ruhig ist. Seit mehr als 3 Wochen habe ich nun keinen Artikel veröffentlicht und meine Liste mit Ideen für Blogposts starrt mich jeden Tag etwas bedrohlicher an. Ich finde zur Zeit einfach nicht in den Blog-Modus. Kohlenhydrate, Eiweiße und Fette haben in dieser Phase meines Lebens gerade ihren Reiz verloren. Das bedeutet natürlich nicht, dass ich nicht schreibe. Im Gegenteil. Ich kaue immer noch an der Sortierung und Bereinigung meines nächsten Buches, das auch schon längst überfällig ist – jedenfalls angesichts meines Jahresplanes.

Aber was hilft es zu jammern. Nichts. Stattdessen möchte ich euch lieber an dem teilhaben lassen, was mich zur Zeit bewegt, weil ich glaube, dass es dem ein oder anderen nützlich sein könnte darüber nachzudenken: das Alleinsein.

Wer mich kennt, wird sagen, dass ich gut reden habe. Ich gehe jeden morgen in meine Bürogemeinschaft, am frühen Abend ins Fitnessstudio und danach nach Hause zu meinem Mann. Was bin ich schon allein? Aber darum geht es nicht. Es geht hier nicht so sehr um das physische Alleinsein, sondern um das Alleinsein mit sich, mit seinen Gedanken und auch mit seinen Gefühlen. Es geht um das „bei-sich-sein“.

Wenn ich in meiner Heimatstadt Hamburg durch die Straßen radel, sehe ich Menschen bei jeder Gelegenheit in die Hosen- oder Handtasche greifen und das Smartphone zücken. Ampel rot? Handy raus. Wenn es zwischendurch überhaupt in die Tasche zurück gesteckt wird. Ich sehe Paare, die mit gesenktem Kopf nebeneinander her laufen; Kinder, die verzweifelt um die Aufmerksamkeit der in das Telefon vertieften Eltern betteln. Ich sehe Fahrradfahrer mit Eistüte und Smartphone in der Hand – und einem Hund an der Leine am Lenker (Gott, lass den Hund nicht einen Artgenossen treffen!). Ich sehe LKW-Fahrer, die während der Fahrt Nachrichten tippen oder Facebook checken – ich wohne in der ersten Etage an einer großen Straße, da sieht man viel in die Fahrerkabinen – und neulich sah ich eine Mutter mit Kind auf dem Rücksitz, Zigarette und Telefon in der Hand auf mich zurasen, als ich eine Fußgängerampel überqueren wollte. Wahre Himmelfahrtskommandos, die nicht nur das eigene Leben gefährden, sondern vor allem andere mit sich ins Unglück stürzen.

Für alle, die nicht in der Stadt wohnen, hier eine Idee der Situation:

 

Ja, ich habe bewusst ein Video mit Kind gewählt, denn die leiden ja bekanntlich am meisten unter dem, was die „klugen“ Erwachsenen tun. (siehe Stefanie Stahl – Das Kind in dir muss Heimat finden). Das Video ist gespielt, entspricht aber durchaus der Realität hier in Hamburg.

Und ich frage mich, warum das so ist? Was gibt es in diesen Geräten zu sehen, das wichtiger ist, als die körperliche und seelische Unversehrtheit unserer Mitmenschen und unserer selbst.

Check yourself, not Facebook, WhatsApp oder Instagram!

Vor einigen Wochen habe ich bereits über die Beweggründe zu einem digitalen Entzug geschrieben und mein eigenes Verhalten seither gründlich beobachtet, hinterfragt und verändert. Meine Facebook-Seite und Instagram liegt seither brach. Manchmal denke ich „ich müsste aber…“, und dann wieder: „was soll’s“. Ich muss gar nichts. Es passt einfach nicht mehr.

Fragen, die mich bewegen sind eher diese: Was treibt uns dazu wie gebannt in diese Geräte zu starren? Und was treibt uns dazu alles andere komplett auszublenden? Welchen Einfluss hat das digitale Leben auf unser Miteinander, auf unsere Denk- und Konzentrationsfähigkeit, auf unsere psychische Gesundheit und vor allem auf die Kontrolle über unser eigenes Leben? Ja, auf das bewusste Wahrnehmen der eigenen Wünsche und Bedürfnisse?

Im Prinzip ist es ganz einfach:

1. Wir ersticken unsere (negativen) Emotionen und das Verständnis dafür, wie wir selbst als Individuum funktionieren. Wer sich ablenkt, muss nichts fühlen. Seelische Schmerzen? Unzufriedenheit mit der eigenen Situation? Was juckt’s: es gibt einen tollen Aufreger über den Kasper Donald, ein lustiges Katzenvideo oder einen lachenden Smiley per WhatsApp.

2. Wir fragmentieren unsere Gedanken auf phänomenale Art und Weise. Wer sich im Sekundentakt mit „News“ versorgt, muss nicht selber über etwas nachdenken, das in seinem Leben passiert. Nein, er oder sie kann gar nicht selbst in einem größeren Zusammenhang über irgendetwas nachdenken! Weder darüber, was er oder sie sich heute Abend zu essen kocht – auch das braucht etwas Hirnschmalz- , noch darüber, wie die eigenen Kinder zu psychisch und physisch gesunden Menschen heranwachsen; darüber, wie man ihnen ein Elternhaus statt einer Bude mit WLAN bietet oder darüber, was wir eigentlich an falschen und selbstzerstörerischen Glaubenssätzen in uns tragen.

Er (oder sie) kann auch nicht darüber nachdenken, was für ihn wichtig ist in diesem Leben und welchen Beitrag er selbst zu dieser Gesellschaft leisten möchte; was ihn zufrieden macht in seinem Dasein; wie seine Beziehungen wirklich aussehen und welchen Beitrag er dazu leistet, dass es vielleicht hier und da nicht so gut läuft. Versteht mich nicht falsch: nicht alle Menschen werden Superhelden, aber wir alle können unser bestes geben, uns selbst entwickeln und wachsen, uns erkennen und wir selbst werden. Mit dem Telefon in der Hand ist das allerdings ziemlich unwahrscheinlich, denn das, was darin geschieht, hat mit uns selbst überhaupt nichts zu tun.

3. Wir verlieren die Verbindung. Angesichts der Dauerbeschallung durch alle möglichen Kanäle klingt das unwahrscheinlich, aber seien wir ehrlich: In einem persönlichen Treffen liegt immer mehr, als in stundenlangen WhatsApp-Chats. Ganz klar, sie sind ein Geschenk für bestimmte Situationen. Ich führe sie selbst von Zeit zu Zeit, über Stunden und über tausende Kilometer, aber Mimik, Gestik, Zuneigung, Abneigung, Humor, eine Umarmung zur Begrüßung oder zum Abschied, gemeinsames Schweigen, gemeinsames Lachen, sich in die Augen sehen und fühlen, was der andere ohne Worte kommuniziert – das alles kann einfach kein Emoticon der Welt transportieren.

Was passiert, wenn du abschaltest?

Hast du schonmal alle deine Social Media Apps vom Smartphone gelöscht und die Benachrichtigungen deiner E-Mails ausgestellt? Hast du Angst davor?

Das Gefühl, das sich für viele einstellt, wenn die sozialen Medien nicht permanent triggern, ist eine Art Schockstarre. Keine Anerkennung (Herzchen und Likes) von außen über den Tag am Strand, keine vermeintlich bewegenden Infos über die neuen Terrassenmöbel oder Turnschuhe des Freundes aus der Grundschule. Es gibt auch keinen Hinweis auf die letzte schlecht gemachte Studie, die zum aktuellen Interessensthema publiziert ist und die letzte Tagesschau-Kontroverse geht auch an einem vorbei. Ja, selbst der letzte Terroranschlag in London hat mich persönlich um 4 Tage verfehlt. War da was? Ich stecke in einem Informationsloch. Die Welt da draußen ist plötzlich da draußen und ich sitze hier auf meiner Terrasse, es ist kein Krieg und ich lasse mir ganz ohne Anerkennung von 749 Freunden die Sonne auf den Bauch scheinen.

Aber was passiert stattdessen? Ich komme in Kontakt mit mir. Ich muss dem ganzen Chaos in meinem Kopf, all meinen Selbstzweifeln, meinen Ängsten, meinen Schwächen, meinen negativen (und positiven) Gedanken und Gefühlen ins Auge sehen. Das ist manchmal schmerzhaft und zwingt mich, mich damit auseinanderzusetzen. Schmerzen? Oh je, die wollen wir natürlich nicht.

Das alles habe ich mit den sozialen Medien und dem ständigen Geplapper von außen wunderbar ausblenden können. Und jetzt ist es da. Ich glaube, dass das der Grund ist, warum ich immer mehr Smartphone-Zombies durch die Straßen laufen sehe; im Flieger das Handy gezückt wird, sobald die Räder der Maschine den Boden berühren.

Im Ernst: was kann auf Facebook so wichtig sein, dass man in dieser Situation als erstes die App öffnet? (Hab ich jetzt mehrfach beobachtet. Es ist absurd.)

Ganz einfach: Wir können uns selbst einfach keine einzige Minute mehr aushalten. Unser Chaos im Inneren ist so groß, dass eine 1-minütige Ampelphase danach schreit es zum Schweigen zu bringen. Wo soll das hinführen? Wie krank wollen wir als Gesellschaft noch werden? Wir wissen doch, dass unsere Psyche auch unseren Körper krank macht, oder?

Das Problem ist, dass es nicht besser wird, wenn wir es nicht bewusst versuchen zu tun. Vielleicht bietet dein bevorstehender Sommerurlaub die perfekte Gelegenheit für einen Anfang. Stell dir vor du liegst am Strand und keinem außer dir gefällt das…

 

P.S. Es gibt einige ganz großartige Methoden mit den negativen Gefühlen umzugehen, die dann auftauchen. Mehr dazu in den nächsten Wochen.

Mein neues Buch ist da!