In der vergangenen Woche erhielt ich die Frage, die in der Überschrift dieses Beitrages steht, mit der Bitte meine Meinung dazu zu äußern. Nun könnte ich – und das habe ich in dem Moment auch getan – eine sehr kurze Antwort darauf geben: ja, selbstverständlich ist das möglich. Die meisten, die diesen Blog regelmäßig lesen, haben mit dieser Antwort überhaupt kein Problem. Sie wissen, dass Abnehmen möglich ist, haben vielleicht sogar wie ich, selbst die Erfahrung gemacht, dass sich der eigene Körper auch ohne Sport positiv verändern kann.

Dem, der die 60kg (oder 20, 30, 40…) zu viel auf den Hüften hat, erscheint diese kurze Antwort vielleicht dennoch etwas banal. Wie soll das denn gehen? Schließlich muss man vor allem mehr verbrauchen, als man zu sich nimmt. Sport ist dabei ein probates Hilfsmittel, um mehr zu verbrauchen. Wenn wir aber über eine Gewichtsmasse von 140 oder 160kg sprechen, dann müssen wir uns weder über Cardio-Training, olympisches Gewichtheben oder Cross Fit unterhalten. Dann geht es vor allem erst einmal darum, eine Vielzahl von Körperfunktionen (Hormone, Fettstoffwechsel etc.) wieder zu regulieren, die Gelenke zu entlasten und den Körper überhaupt wieder bewegungsfähig zu machen.

Wir haben in der westlichen Welt in den letzten Jahrzehnten eine solche Gehirnwäsche darüber erhalten, wie abnehmen funktioniert, dass es da draußen Menschen gibt, die sich dieses anstrengende, stressige und limitierende Unterfangen in ihrem Leben nicht mehr vorstellen wollen. Weniger essen und dann auch noch mehr bewegen. Das klingt nicht nur nach Stress, das ist Stress. Aber die Wahrheit ist: das ist nicht die Essenz des Abnehmens.

Gewicht loszulassen hat so viele Aspekte und ich möchte in diesem Artikel gern einen wesentlichen Punkt näher beleuchten, der meiner Meinung nach die Grundlage eines gesunden Gewichts ist und in vielen Ernährungsblogs nicht allzu häufig betrachtet wird. Gesund zu essen – was auch immer das für den einzelnen bedeutet – passiert, wenn man diesen Faktor auf der Kette hat, fast von ganz allein.

Die mentale Grundlage des Abnehmens, oder: Abnehmen beginnt im Kopf

Der Satz, dass abnehmen im Kopf beginnt, ist für mich mittlerweile gefühlt so ausgelutscht, dass er fast wie eine Selbstverständlichkeit daher kommt. Aber das ist er nicht, denn was genau bei jedem einzelnen im Kopf passieren muss, damit das Abnehmen funktionieren kann, ist genau so wie die „richtige“ Ernährung höchst individuell. Allein gern schlank sein zu wollen, reicht oft eben nicht aus. Oft stehen ganze Werte- und Glaubenssysteme im Weg und halten den Menschen davon ab, tatsächlich abnehmen zu können. Das gilt insbesondere für schwer Übergewichtige, aber meiner Ansicht nach auch für Menschen, die sich mit langanhaltenden Plateaus rumärgern. Auch hier lohnt es sich genauer hinzuschauen, was da einen weiteren Erfolg auf mentaler Ebene eventuell verhindert.

Für manche Menschen, die lange übergewichtig waren oder vielleicht sogar nie schlank waren, kommt der Prozess des Gewicht verlierens einer Persönlichkeitsveränderung gleich. Ihre Identität, ihr Selbstverständnis, ist eng mit der Masse verknüpft, die sie mit sich herum tragen. Allein die Vorstellung schlank zu sein, löst eine ganze Kaskade an unangenehmen Gefühlen und inneren Bildern aus, dass das Abnehmen selbst nicht mehr als attraktives Ziel wahrgenommen wird. Ja, es kann tatsächlich unbewusst dazu führen, dass es um jeden Preis vermieden werden muss, schlank zu sein. Bei manchen Menschen geht es um eine Einschränkung der Vielfalt (an Essen oder Leben), um Unabhängigkeit, um Attraktivität, um Liebe, um Zuneigung, um … you name it – ja, im wahrsten Sinne des Wortes um das eigene Selbstbild und das eigene Weltbild.

Wenn jemand die Erfahrung gemacht hat, dass die Ehe der Eltern in die Brüche ging, als die Mutter begann sich in der Mitte des Lebens um sich zu kümmern und sich optisch zum positiven zu verändern, dann wird es vielleicht allein aus Angst um die eigene Partnerschaft schwer sein, diesen Schritt zu machen. Jemand, der die Erfahrung gemacht hat, dass er geliebt und umsorgt wird, wenn er selbst aufgrund einer Reihe von körperlichen Einschränkungen, die mit dem Übergewicht einhergehen, nicht mehr dazu in der Lage ist, befürchtet vielleicht, diese Form der Zuneigung und Liebe zu verlieren, wenn er oder sie Gewicht loslässt. Vielleicht steht dahinter auch die Befürchtung selbst Verantwortung übernehmen zu müssen und die Erfahrung, dass das anstrengend und schwierig ist – wer will das schon? Diese wohligen Abhängigkeiten können ein sehr starkes Hindernis sein. Ich kenne auch einige Menschen, die die Erfahrung gemacht haben, dass der Tod eines nahen Angehörigen zusätzliche Kilos mit sich bringt. Hier geht es vielleicht um den Konflikt zwischen Loslassen und Festhalten, um Einsamkeit, Erwachsen werden usw. Vielleicht bist du auch mit Glaubenssätzen groß geworden, die das Essen zu einem Sinn an sich machen. Wer von klein auf den wunderschönen Satz integriert, dass ein Leben ohne Schokolade möglich, aber sinnlos ist, für den kann das Leben ohne Süßigkeiten ziemlich sinnlos werden. Dann geht es darum auf einer anderen Ebene Sinn zu schaffen.

Die Wahrheit ist, dass wir in die Geschichten, die sich unser Gegenüber bewusst oder unbewusst tagein und tagaus erzählt, nicht so ohne weiteres hinein schauen können. Wir lösen solche Dinge nicht auf Facebook. Wir kennen die Päckchen nicht, die der nach außen „nur“ übergewichtige Mensch mit sich herum trägt.

Ich selbst hatte nie Probleme mit dem Abnehmen. Ich sehe ganz klar ein leichteres und attraktiveres Selbst vor Augen und weiß aus Erfahrung, dass sich das gut anfühlt. Für mich ist klar, dass ich mit einem geringeren Gewicht ein angenehmeres Leben führe. Es ist für mich immer einfacher gewesen, den Kuchen abzulehnen, als das Muffintop und den Bauch auszuhalten, den ich in manchen Zeiten hatte. In meinem Elternhaus war schlank sein immer positiv assoziiert und in meinem persönlichen Umfeld ist es völlig normal – auch das ist nicht überall so. Wer einen runden Freundeskreis hat, hat vielleicht Hemmungen anders zu sein, als „alle anderen“, ja, wird vielleicht sogar kritisiert. Auch sowas machen Menschen miteinander, die sich Freunde nennen.

Ich persönlich habe als schlanker Mensch nichts zu befürchten, im Gegenteil. Aber das ist meine Geschichte. (Was übrigens nicht bedeutet, dass ich nicht meine eigenen Päckchen hab. Sie haben lediglich nichts mit meinem Gewicht zu tun.)

Die absolute Grundlage des Abnehmens, vor allem bei starkem Übergewicht, ist für mich deshalb eindeutig nicht das Abzählen von Kohlenhydraten und auch nicht der Sport, sondern ganz klar die Arbeit am eigenen Mindset, am Selbstbild, an der Idendität und am eigenen Weltbild. Hier sehe ich den größten Hebel und glaube, dass sich hier vor allem bei großem Übergewicht am allermeisten bewegen lässt, wenn es mit Willensstärke einfach nicht klappen will. Und die Wahrscheinlichkeit ist sehr groß, dass Willensstärke hier absolut nichts schafft.

Erst wenn der Kopf und das Gefühl ganz eindeutig zu verstehen geben, dass ein schlankeres Selbst die angenehmere Option ist, dann können wir anfangen mit unseren Fakten über gesunde Ernährung um die Ecke zu kommen. Dann können wir von mir aus auch anfangen Kohlenhydrate penibel abzuzählen und uns über die Notwendigkeit von Fett in der Ernährung zu unterhalten. Dann können wir auch über die Funktion von Bewegung beim Abnehmen sprechen, oder darüber, dass Muskulatur ein grundsätzlich sinnvolles Feature in unserem Körper ist, das uns nicht nur dabei hilft im Ruhezustand Energie zu verbrauchen, sondern uns vor allem auch Haltung verleiht – im Innen, wie im Außen.

Bis dahin ist das eigene Glaubens- und Wertesystem aber die erste Baustelle in Sachen Veränderung.

Stell dir die richtigen Fragen

Vielleicht fragst du dich jetzt, was man denn tun kann, um hier weiter zu kommen. Zum einen kann man sich natürlich einen Coach nehmen. Das ist schonmal eine gute Idee, denn sich selbst die richtigen Fragen zu stellen, ist nicht immer einfach. Die Selbstbeobachtung ist meist lückenhaft und man nimmt nicht immer alles wahr, was  wichtig sein kann, um die Veränderung anzustoßen.

Zum anderen kannst du natürlich auch selbst anfangen dich mit dir und deinem Gefühls- und Gedankenkonstrukt, deinen Glaubens- und Wertesystemen zu beschäftigen. Du könntest zum Beispiel mit folgenden Fragen beginnen, wenn Blockaden beim Abnehmen für dich ein Thema sind:

  • Was würde es für dich bedeuten, wenn du dein Wunschgewicht erreicht hast?
  • Wie würde dein Leben aussehen, wenn du schlank wärst? Stell es dir möglichst detailliert vor.
    • Wie fühlst du dich dabei?
    • Wie siehst du aus?
    • Welche Menschen sind bei dir?
    • Was machst du in deiner Freizeit?
    • Wie sieht dein Alltag aus?
    • Achte dabei vor allem auf die nicht so guten Gefühle. Sie sind das, was dich davon abhält dein Ziel zu erreichen.
  • Warum kannst du nicht abnehmen? Schränkst du dich mit Glaubenssätzen a.k.a. Ausreden ein? Jeder Satz, der mit „weil“ beginnt, ist ein Glaubenssatz, den man genauer betrachten sollte.
  • Was würde es für dich bedeuten, wenn du dein Ziel erreichst?
  • Welche positiven Dinge könntest du damit erreichen?
    • Finde etwas Positives, das stärker ist, als die Hemmnisse, die du oben identifiziert hast.

Wenn du jemanden brauchst, der dir weitere zielführende Fragen stellt, helfe ich dir auch gern im Einzelcoaching.


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