Als ich heute Morgen ins Büro geradelt bin, schossen mir sofort zwei Vorträge von der Paleo Convention am letzten Wochenende in den Kopf. Anja Wagner (Paleo360) und Sascha Fast (ME Improved) haben beide das Thema Kälte und ihren gesundheitlichen Nutzen thematisiert. (Letzteren habe ich leider nicht hören können, aber ich habe die Folien gesehen und fand sie knorke. Ich freue mich sehr auf die Aufzeichnung.) Am Rande der Vorträge hatte ich noch ein paar interessante Unterhaltungen dazu und schließlich tauchen ja auch immer mal wieder live Reporte von winterlichen Badeaktionen auf. Das Thema Kälte scheint das new kid on the paleo block – kalt duschen ist das Minimum. Das Planschbecken der Kinder mit Eiswürfeln von der Tankstelle zu füllen deren seltsame, überhaupt nicht nachhaltige und artgerechte Auswüchse. (Der Mensch hat schon komische Ideen.)

Warum mir das Thema auf dem Weg zur Arbeit heute Morgen aber in den Kopf kam, war ein anderer. Es ist Anfang August und der Sommer macht eine Pause – Hamburg, 13°C. Die Stadt in Funktionsjacken und halbhohen Stiefeln. Ich in Shorts und leichtem Blüschen auf dem Fahrrad. Es ist kalt – zumindest den anderen. Für mich ist Sommer. Während ich so dahin radele denke ich an die Nächte im Camper bei -20°C, meine Zeit in Irland, die mir ein ganz anderes Kälteempfinden beschert hat (weil es einfach immer „kalt“ ist), an unsere Nachtspeicherheizung, die quasi nie an ist (auch nicht im Winter), weil sie Unmengen Strom frisst und an Sebastian Kneipp. Kneipp? Ja, Sebastian Kneipp, der alte Pfarrer aus dem Bad Wörishofen des 19. Jahrhunderts, der rückblickend guten Gewissens als sehr solider Naturheilkundler bezeichnet werden kann. In der Kirche war das ja durchaus ein Thema, das sehr weit verbreitet war. Stichwort: Hildegard von Bingen. Und nicht umsonst gehören auch heute noch über 160.000 Menschen den Kneipp-Gesellschaften an.

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Kurze Hosen bei 13°C? Wo ist das Problem? Es ist Sommer!

Den meisten Menschen ist Sebastian Anton Kneipp (1821-1897) ein Begriff – und sei es nur aufgrund der sprudelnden Badezusätze, die ein Unternehmen mit dem gleichen Namen vertreibt. Kneipp wusste natürlich noch nicht, dass Kälte unser Mikrobiom verbessert [1] oder die Leistung der Mitochondrien erhöht [2]. Kneipp wusste aber, dass Kälte notwendig ist, um gesund zu bleiben und starke Abwehrkräfte zu erhalten oder wieder zu entwickeln, Leiden zu lindern und den Körper zu stärken. Und weil ich so ein Geschichtsfreak bin und mich fasziniert, was die Menschheit auch ohne Pubmed schon wusste, möchte ich euch heute mal einen Teil dessen vorstellen, was Sebastian Kneipp zum Thema Kälte zu sagen hatte.

Kneipp schrieb in seinem Leben so einige Bücher über die Erhaltung der Gesundheit durch eine natürliche und bewusste Lebensweise. Ganz Pfarrer, war sein Ansinnen  natürlich ein Leben im Einklang mit der Schöpfung. Sein umfangreichstes Werk schrieb Kneipp aber erst zum Ende seines langen Lebens mit 69 Jahren (er wurde 76). Sein Buch „So sollt ihr leben!“ gehört für mich heute noch zu den Standardwerken der natürlichen Lebensweise, das jeder, der sich für ein möglichst gesundes, naturnahes Leben interessiert mal durchstöbert haben sollte.

So sollt ihr leben!
  • Sebastian Kneipp
  • Jazzybee Verlag
  • Kindle Edition

1889: In Europa breitete sich langsam die Industrialisierung aus und Kneipp beobachtet Veränderungen in der Lebensweise der Menschen, die durchaus zum gesundheitlichen Nachteil sind. Eine der Veränderungen, die ihn beschäftigten, war die zunehmende Verweichlichung des Menschen, für die er unterschiedliche Ursachen sah, die aber alle im Lebensstil begründet waren.

„In dem ungeheuren Luftkörper, der unsere Erde umgibt, hausen zwei Riesen, der eine noch mächtiger als der andere; beide ringen in beständigem Kampfe um die Herrschaft; bald siegt der eine, bald der andere. Diese zwei Riesen heißen Wärme und Kälte. Unter dem Einfluss beider steht der Mensch. […] Gelingt es mir, Anleitung zu geben, wie man sich vor der nachtheiligen Einwirkung von Kälte und Hitze schützen kann, so glaube ich damit der Menschheit einen Dienst zu erweisen, weil gerade in diesem Punkt oft große Unwissenheit herrscht, und so manche Gesundheit zu Grunde gerichtet wird.“

Nahrung als Schutz vor Kälte

Im Kern der Erwärmung des Körpers und seiner Resistenz gegen Kälte steht für Kneipp eine stärkende Ernährung, die das Blut stark macht und so dafür sorgt, dass der gesamte Körper gut durchblutet und kräftig wird.

„Wer stickstoffreiche Nahrung wählt, der wird einen kräftigen und ausdauernden Körper bekommen. Wer aber Speisen genießt, die wenig Stickstoff enthalten, der kann nicht darauf rechnen, daß sein Körper so fest und ausdauernd ist, wie im ersteren Falle. Wer aber solche Nahrung wählt, die gar keinen Stickstoff enthalten, der kann vernünftiger Weise nicht erwarten, daß sein Körper gesund, fest und ausdauernd sein werde. Er wird vielmehr bald wie ein nicht gut gebautes Haus morsch werden und in Trümmer zerfallen. “

Stickstoffreiche Nahrung ist eiweißreiche Nahrung und mit dieser Ansicht macht Kneipp sich ähnlich wie der ein oder andere auch heute sicher keine Freunde. Zum Ende des 19. Jahrhunderts breitet sich in Deutschland und der Schweiz die Lebensreformbewegung aus, aus der die weitere Verbreitung des Vegetarismus hervorging. Pfarrer Kneipp sah Fleisch aber als ebenso vom Schöpfer dargeboten an, wie Feldfrüchte und allein dadurch begründet sich sein Vertrauen darauf, dass wir auch „darauf rechnen können, daß wir uns dadurch nicht schaden. Ich bin der Überzeugung, daß die Leute noch mehr fehlen durch die Bereitung der Speisen als durch die Wahl derselben.“ Dabei spricht sich Kneipp keinesfalls für großen Fleischkonsum aus, auch, weil es schlicht keine Kühlmöglichkeiten gab und viele Menschen wohl 10 Tage altes, ungekühltes Fleisch verzehrten, was sicher der Gesundheit nicht zuträglich war. Des Weiteren stehen für ihn Milch, Käse, Fische und Hülsenfrüchte auf der Liste der stickstoff- also eiweißreichen Lebensmittel, die es dem Menschen ermöglichen mit Kälte gut umzugehen.

Abhärtung durch weniger Kleidung

Der zweite Punkt ist für Kneipp die Kleidung, die zu Abhärtung beiträgt oder dieser eben schadet. In Kneipps Augen wird hier noch mehr gefehlt als bei der Wahl der richtigen Nahrung. (Heute kann man sicher die Nahrung an die erste Stelle setzen.)

„Um bei der Kleidung das richtige zu treffen, diene folgendes zur Beachtung. Einige Theile am menschlichen Körper bleiben unbedeckt und können so abgehärtet werden, daß ihnen die Kälte keinen Schaden bringt; dahin gehören das Gesicht und gewöhnlich auch die Hände. Das Gesicht bleibe stets unbedeckt, und die Bedeckung des Kopfes entwickle nicht zu große Wärme. […] Der Hals wurde einst bei den Armen im Winter mit einem kleinen Baumwolltüchlein umbunden, die Reichen hatten seidene Tüchlein; sonst bekam der Hals keine weitere Hülle, und für einen Weichling wäre der gehalten worden, der mehr gethan hätte. Gerade der Hals ist aber der Sitz so vieler Krankheiten. […] Ich könnte mit Allen, die graue Haare tragen wie ich, versichern, daß man früher nichts oder nur wenig wusste von so vielen Hals-Krankheiten und –Leiden, welche jetzt unzählige unglücklich machen und recht Vielen das Leben kosten. Ich weiß noch recht gut die Zeit, in welcher die größern Baumwolltücher aufgekommen sind, die man zwei-, ja dreifach um den Hals wand, womit die Verweichlichung angefangen hat.“

Ich kenne eine Reihe von Menschen, die das ganze Jahr Schals tragen und aus irgendeinem bescheidenen Grund habe ich mir das in den letzten Jahren auch angewöhnt – noch nicht einmal, weil mir kalt ist, sondern weil es Teil unserer Mode ist. Das werde ich wohl auch mal wieder hinterfragen müssen. Kneipp sieht in der Mode, die Hals und Kopf mit dicken Wolltüchern verhüllt, einen der wesentlichen Gründe für die Ausbreitung von Katarrhen,  Erkrankungen des Atmungsapparates, Kopfschmerzen sowie Rheumatismus. Nur die Abhärtung der Körperteile durch Kälte könne dem entgegen wirken.

„Wer seinen Hals am wenigsten bedeckt und der Luft den vollen Zugang gibt, der hat den besten Schutz vor den meisten Halsgebrechen und Krankheiten.“

Ja, auch so einfach kann man sich Kälte aussetzen. Einfach nicht so dick einpacken und im August die Multifunktionsskijacke und die halbhohen Stiefel ruhig mal im Schrank lassen.

Das Gleiche gilt laut Kneipp natürlich für die Füße.

„Wie das Gesicht nicht am warmen Ofen abgehärtet wird, sondern dadurch, daß man der Luft stets freien Zugang läßt, so müßen auch die Füße eben dadurch abgehärtet werden, daß man sie der freien Luft aussetzt. Wer dies im Sommer häufig tut, dessen Füße werden leicht die verschiedenen Witterungen aushalten.“

Kneipp spricht sich also auch vor 130 Jahren schon für das Barfußlaufen aus und regt dazu an, weder Hausschuhe zu tragen, noch Schuhe, die der natürlichen Fußform widersprechen. Gerade das war zu seiner Zeit modisch im Kommen und wenn man die Schuhe heute sieht, fragt man sich tatsächlich, was sich Menschen dabei nur gedacht haben. (Nicht, dass sich daran bis heute etwas geändert hätte.)

Abschließend regt Kneipp an, doch auch die Wohnräume einigermaßen kühl zu halten.

„Wie verderblich wirkt es aber erst auf die Natur, wenn man das Bett vor dem Schlafengehen wärmt oder warme Bettflaschen &c. benützt!“

Fazit

Lace Up Boots um 1890 - dazu trug man enge Korsetts und hohe Kragen

Lace Up Boots um 1890 – dazu trug man enge Korsetts, Lagenröcke mit Wollstrümpfen und hohe Kragen (Quelle: Pinterest)

Dass Kneipp für Wechselduschen, kalte Wechselbäder, barfuß im Bach stapfen und Abhärtung steht, ist weithin bekannt. Auch 1889 wusste man bereits, dass es der Gesundheit durchaus zuträglich ist, wenn man nicht komplett verweichlicht, sondern eher etwas weniger als etwas mehr Kleidung trägt, Zeit in der Natur verbringt, sich ausreichend bewegt und sich nicht in enge Kleider und Schuhe zwängt.

Abhärtung und eine Stärkung des Immunsystems durch Kälte ist keine neue Erkenntnis. Fragt sich nur, wie wir das heute umsetzen. Ob wir Normalos Eisbäder nehmen müssen, wage ich vorsichtig zu bezweifeln. Vor allem dann, wenn das Eis durch Strom erzeugt werden muss. Im Winter am See spricht sicher nichts dagegen.

Dass wir die Heizung eher mal aus, die Schuhe im Schrank und den Schal immer öfter mal zu Hause lassen sollten, steht sicherlich außer Frage. Für den ein oder anderen bedeutet das sicher eine Phase von Schmerz und Unwohlsein. Wir lieben es warm und kuschelig. Aber es macht sich bezahlt. Ein abgehärteter Körper ist ein fitter Körper, hat ein stärkeres Immunsystem und hält mehr aus. Und da spricht im Grunde nichts dagegen.


Referenzen

[1] Chevalier C, Stojanović O, Colin DJ, Suarez-Zamorano N, Tarallo V, Veyrat-Durebex C, et al. Gut Microbiota Orchestrates Energy Homeostasis during Cold. Cell [Internet]. Elsevier; 2015 Dec 3 [cited 2016 Aug 9];163(6):1360–74. Available from: http://www.ncbi.nlm.nih.gov/pubmed/26638070

[2] Liang H, Ward WF. PGC-1alpha: a key regulator of energy metabolism. Adv Physiol Educ [Internet]. American Physiological Society; 2006 Dec [cited 2016 Aug 9];30(4):145–51. Available from: http://www.ncbi.nlm.nih.gov/pubmed/17108241