Dieser Artikel erschien in ähnlicher Form im Winter 2016 im LCHF Magazin.

In diesem Beitrag möchte ich mich damit beschäftigen, was uns denn eigentlich Stress bereitet. Dabei geht es mir nicht so sehr um die offensichtlichen Stressoren, die jeder von uns kennt, sondern um das, was wir in unserem Inneren erleben.

Was sind Stressoren?

Laut Lexikon ist ein Stressor etwas, das Stress bewirkt oder ein Faktor, der Stress auslöst. In der Medizin versteht man darunter einen inneren oder äußeren Einfluss auf den Organismus, der eine Anpassung des Organismus erfordert. Der Stressor führt also dazu, dass wir uns anpassen und das tun wir über die Stressreaktion, die ich Ihnen das letzte Mal vorgestellt habe.

Die äußeren Stressoren sind den meisten von uns oft klar. Termindruck, ein cholerischer Chef, Auseinandersetzungen mit dem Partner, den Eltern oder den Kindern – all das ist ganz klar Stress für uns. Ebenso ein instabiler Blutzucker, Chemikalien, wie Medikamente, Putzmittel und Kosmetika; oder schlicht Lärm, Hitze, Kälte, Hunger.

Was ist aber, wenn wir all dem nicht ausgesetzt sind, diese Probleme längst erkannt und einige gebannt haben, unser Körper aber trotzdem Stress meldet? Zum Beispiel, indem er uns zu vermehrtem Suchtmittelkonsum (Zucker, Tabak, Kaffee, Alkohol etc.) treibt oder wir müde und erschöpft sind, obwohl eigentlich „nichts los“ ist? Dann geht es tatsächlich ans Eingemachte, denn dann müssen wir auf die Suche nach unseren inneren Stressoren gehen. Ich erfahre in der Praxis immer wieder, dass dieser Punkt abgetan wird. „Ich bin doch kein Psycho, der Arzt guckt nur nicht richtig. Irgendwas habe ich.“ höre und lese ich leider nicht allzu selten. Aber das ist ein grundlegendes Missverständnis, denn wir sind alle „Psychos“ – Menschen mit einer Psyche, d.h. mit Gefühlen und Gedanken. Und die können für uns den stärksten chronischen Stress bedeuten.

Der Feind in unserem Kopf

Sicher kennen Sie das Beispiel vom Säbelzahntiger, unserem Ur-Stressor, wie wir ihn uns heute vorstellen. Der Säbelzahntiger ist längst ausgestorben und auch die meisten, unmittelbar tödlichen, äußeren Gefahren sind für uns hier in Europa gebannt. Das ist keineswegs eine Selbstverständlichkeit auf der Erde und wir können sehr dankbar dafür sein.

Das bedeutet aber leider nicht, dass wir stressfrei leben, denn an die Stelle der realen Bedrohungen von außen setzen mehr und mehr Menschen ihre eigenen Gedanken. Gedanken, die so viel Stress auslösen, dass Ihnen gesundheitliche Probleme daraus erwachsen. Vor allem Frauen sind dafür sehr anfällig und leiden unter dem, was es den ganzen Tag in ihrem Kopf vor sich hindenkt. Und das ist eine ganze Menge, denn ein erwachsener Mensch hat täglich rund 60.000 Gedanken. In Bücher gedruckt, ließen sich damit in einer Woche ganze Regalreihen füllen. Da Problem ist nur eins: wir denken keine romantischen oder lustigen Romane, sondern wir denken immer und immer wieder das Gleiche; vieles davon unbewusst und das Meiste davon tatsächlich bereits seit Jahrzehnten. Unser Regal würde also für fremde Leser ziemlich schnell langweilig werden. Für uns selbst ist es jedoch der Schlüssel zum Glück, denn in unseren Gedanken liegt ein unglaubliches Potential für ein zufriedeneres, glücklicheres, stressfreieres Leben.

Gedanken und Gefühle: Ihre persönliche Wirklichkeit

Was sind eigentlich Gedanken? Gedanken sind unsere angeborene Fähigkeit die Realität wahrzunehmen. Aus der Wahrnehmung entsteht in unserem Gehirn eine äußere und eine innere Welt, die wir sehen, hören, schmecken und riechen können. Gedanken sind per se höchst individuell, denn wir sehen nur durch unsere eigenen Augen. Sie sind wie eine Brille, durch die wir das sehen, was wirklich ist. Medizinisch und biochemisch wissen wir noch nicht genau, was Gedanken eigentlich sind, sie gelten deshalb immer noch als eine Art Meta-Ebene; etwas, das da ist, aber keiner Materie zugeordnet wird.

 

 

Gedanken bilden also unsere individuelle Interpretation der Realität ab. Die Sache, die wir sehen, ist neutral. Die Bewertung – gut, schlecht, schön, hässlich – passiert in unserem Kopf. Und es kommt noch komplexer, denn unsere Gedanken haben einen Partner. Unsere Gefühle. Sie sind eine Art Messgerät, ein Tachometer für unsere Gedanken. Bewerten wir unsere Umwelt oder uns selbst negativ, fühlen wir uns schlecht. Finden wir etwas gelungen oder sind stolz auf uns, sind wir glücklich, fühlen wir uns gut. Unsere Gefühle sagen uns also letztlich etwas über die Gedanken, die wir haben. Sie sagen uns, welche Farbe die Brille hat, die wir aufhaben. Sie sagen uns nichts darüber, was wirklich ist.

Die Dinge um uns herum sind neutral. Unser Denken gibt ihnen erst eine Bedeutung.

Lass mich das an einem Beispiel erläutern: Kinder bekommen oft einen Teddy oder eine Kuscheldecke, die ihnen in den ersten Jahren beim Einschlafen hilft. Der Teddy selbst ist neutral, er ist nichts als etwas Stoff und Schaumstoff. Zumindest für uns Erwachsene. Hat das Kind sich aber mit dem Teddy „angefreundet“, dann ist er viel mehr als das. Er ist ein Beschützer, der dafür sorgt, dass das Kind in Ruhe und Frieden schlafen kann. Geht der Teddy verloren, liegt das Kind lange wach und ist lange nicht zu beruhigen. Dabei macht der Teddy nichts. Alles, was der Teddy ist, findet im Kopf des Kindes statt. Du und ich, wir sehen den Teddy nicht als Beschützer. Er gibt uns nichts. Der Teddy ist neutral. Für das Kind bedeutet er jedoch Sicherheit und Frieden, sprich: die Erfüllung essenzieller Grundbedürfnisse.

Sicherlich fragst du dich jetzt, was das mit dir zu tun hat? Ganz einfach. Der Teddy ist ein Synonym. Erwachsene projizieren ihre Bedürfnisse auf andere Dinge. Geld, Arbeit, Süßigkeiten, Alkohol, Kaffee, Sport – alles, was uns kurzfristig das Gefühl der Sicherheit bietet, obwohl es als Sache eigentlich neutral ist.

Was für die Wahrnehmung von Sicherheit gilt, trifft selbstverständlich auch für Unsicherheiten zu. Auch hier gibt es gänzlich neutrale Dinge, die wir so bewerten können, dass wir unsicher werden und uns in der Folge Stress entsteht. Fangen wir einmal bei Ihnen selbst an. Was genau denkst du heute eigentlich über dich selbst? Gehen dir noch Dinge durch den Kopf wie „Ich bin zu dick.“, „Ich bin nicht (schön) genug.“, „Ich bin dumm.“, „Ich werde nicht geliebt.”? Spricht dir einer der Sätze aus der Seele oder hast du einen eigenen, negativen Glaubenssatz, der in deinen Augen etwas über dich sagt?

Nutze den Augenblick und fühlen einmal in dich hinein, wie sich dein Gedanke über sich selbst so anfühlt. Gut? Oder eher nicht so gut? Erinnerst du dich? Deine Gefühle sagen nur etwas über deine Gedanken, nicht über die Realität. Die amerikanische Bestseller-Autorin Byron Katie würde dem hinzufügen, dass du dich nur schlecht fühlst, weil deine Gedanken über dich selbst (oder etwas Anderes) in Konflikt zur Realität stehen. Wäre wahr, was du denkst, würdest du dich gut fühlen. Und du hättest deutlich weniger Stress, denn du wärst da, wo du sein willst und nicht in irgendeinem Phantasieland.

„Sie sind mutiger, als Sie denken; stärker, als Sie scheinen und cleverer, als Sie glauben.“ A.A. Milne, Autor von Winnie Puh

Unsere negativen Glaubenssätze sind die Ursache für alle Probleme, die wir in unserem Leben haben (ausgenommen Schicksalsschläge). Es spielt keine Rolle, ob du Probleme mit deinem Partner hast oder deine Lebensgestaltung nicht dem entspricht, was für dich gesundheitlich empfehlenswert wäre. Alles geschieht, weil du dir Tag und Nacht erzählst, dass das so sein muss und nicht anders geht. Auch bei Ängsten, Depressionen und Zwängen spielen diese negativen Glaubenssätze, die Tag für Tag in unserem Inneren kreisen, eine sehr wichtige Rolle.

Viele der Gedanken sind unterbewusst, vermutlich sogar bis zu 98%. Suchen wir sie nicht aktiv, finden wir sie nie. Wenn du dein Stresslevel reduzieren und gesund sein willst, dann solltest du auf die Suche gehen. Viele Dinge, die uns ausmachen und die wir als selbstverständlich und real wahrnehmen sind einfach nur Gedanken, die wir schon viele, viele Jahre mit uns herumtragen. Das heißt aber noch lange nicht, dass Sie ein sinnvolles Bild der Realität sind. Suche also danach und mach dich frei davon, wenn es für dich nicht nützlich ist. Du wirst erleben, wie du mit der bloßen Veränderung deiner Gedanken Ketten sprengst.

Verändere deine Wirklichkeit – lebe stressfreier

Du bist, was du über dich denkst – warum nicht schön, klug und wertvoll?

Willst du ausprobieren, ob ein anderer Gedanke wirklich hilft? Nimm dir doch jetzt mit mir einen Moment Zeit, um einmal zu fühlen, was passiert, wenn du deine Realität anders gestaltest. Bleiben wir am besten bei dir selbst. Suche dir eine deiner „Überzeugungen“ über dich selbst aus. Viele Menschen glauben tatsächlich, dass sie nicht genug seien, nicht wertvoll, nicht liebenswert so, wie sie sind. Eigentlich glaubt das so gut wie jeder Mensch. Sie würden staunen, wie wenige Menschen sich für gut genug halten.

Wir drehen den Satz jetzt einmal um. Aus „Ich bin nicht genug.“ wird „Ich bin genug.“ oder, was mir persönlich besser gefällt: „Ich bin wertvoll.“ Schließe deine Augen und fühle einmal in diesen Satz hinein. Sage ihn ein paar Mal laut oder leise auf, drehe und wende ihn vor deinem inneren Auge. Vielleicht magst du ihn auch handschriftlich aufschreiben, um ihn anders wahrzunehmen. Oder deine innere Stimme deiner Gedanken etwas liebevoller und sanfter sprechen lassen, als sonst.

Wie fühlt sich dieser Gedanke an? Kannst du dich entspannen? Wird dir warm ums Herz? Fühlst du dich gut? Was spricht dagegen, dass du diesen Gedanken jetzt immer abrufst, wenn du dich unsicher fühlst oder Angst hast, dass du etwas nicht schaffst?

Warum klebst du dir den Satz nicht über deinen Spiegel? Ich bin sicher, du wirst ihn schon morgen früh mit ganz anderen Augen lesen. Und was wäre wenn dieser Satz langsam auch Einzug in deine Gefühlswelt erhält? Was meinst du, wie schnell der Stress nachlässt…

Diagnose Nebennierenerschöpfung: Wie chronischer Stress die Hormon-Balance stört, Vitalität und Lebensfreude zurück gewinnen
  • Julia Tulipan, Nadja Polzin
  • Herausgeber: CreateSpace Independent Publishing Platform
  • Taschenbuch: 236 Seiten

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