Kaum etwas begegnet mir heute so oft, wie ein schwache Verdauung, die zudem täglich mit den falschen Lebensmitteln auf die Probe gestellt wird. Durchfall, Verstopfungen, Sodbrennen – für viel zu viele Menschen sind diese Beschwerden an der Tagesordnung. Unsere westliche Ernährung trägt hier natürlich einen wesentlichen Anteil. Daran gibt es keinen Zweifel. Aber selbst die, die auf Paleo oder eine natürliche Low Carb Ernährung umstellen, überschauen selten alle Zusammenhänge zwischen der Nahrung und den Funktionen ihres Körpers.

Selbstverständlich kann man das niemandem verdenken, denn das Wissen um eine gesundheitsförderliche Ernährung und ihre wichtigen Komponenten wurde von unseren Vorfahren über Jahrzehnte an die nächste Generation weiter gegeben und will heute oft in wenigen Wochen aus leicht verdaulichen Büchern oder Blogs erlernt werden. Da bleibt ganz natürlich so einiges auf der Strecke.

Eines der Nahrungsbestandteile, dem die meisten Menschen mit Vorliebe aus dem Weg gehen, sind die Bitterstoffe. So wenig du sie mögen wirst, so wichtig sind sie für eine funktionierende Verdauung und allem, was daran hängt.

Was bitter im Mund, ist dem Magen gesund

Geschmack: bitter

Die menschliche Zunge ist in der Lage fünf Geschmacksrichtungen zu unterscheiden, die für uns evolutionär mit ziemlicher Sicherheit sinnvoll waren: süß, salzig, sauer, umami und bitter. Der süße Geschmack zeigt uns Nahrung an, die schnell verfügbare Energie liefert; salziges benötigen wir für einen gesundes Flüssigkeitshaushalt; saures warnte uns vermutlich vor verdorbenen oder unreifen Früchten; umami (herzhaft, fleischig, wohlschmeckend) weist uns auf den wichtigsten Baustein des Lebens hin: Eiweiß und bitter, ja bitter schützt uns vor so allerlei Gefahren.

Der Mensch verfügt nach aktuellem Stand der Wissenschaft über 25 verschiedene Rezeptoren für Bitterstoffe. Dabei schmeckt längst nicht jeder den gleichen Grad bitter. Manche Menschen haben aufgrund ihrer genetischen Disposition ein deutlich sensibleres Geschmacksempfinden und eine Abneigung gegen bitter, während andere den Geschmack sogar bevorzugen. Primär hilft uns der bittere Geschmack dabei Stoffe zu erkennen, die in hohen Dosen giftig sind. Auch deshalb ist sie wahrscheinlich der Geschmackssinn, der neben süß bis ins hohe Alter erhalten bleibt, während wir den Sinn für so manch andere Speise mit dem Fortschreiten der Jahre verlieren. Hier liegt auch der Grund, warum Kinder sich gern gegen die bittere Medizin wehren. Sie schmecken bitter deutlich intensiver als Erwachsene.

Erstaunlicherweise zeigt die Forschung der letzten Jahre, dass wir in vielen Körperteilen Bitterrezeptoren aufweisen. Sie finden sich nicht nur im Mund, sondern auch in der Nase, im Darm, in den Bronchien, im Gehirn und sogar in den männlichen Hoden. Während Bitterrezeptoren im Darm dazu führen könnten, dass ein vermehrter Wassereinfluss und damit Durchfall zur Entsorgung giftiger Substanzen ausgelöst werden kann, ist bisher unklar, welche Bedeutung Bitterrezeptoren in den Hormondrüsen des Mannes haben könnten. Eine Theorie, die derzeit im Raum steht, besagt, dass diese Bitterrezeptoren Bitterstoffe binden, die durch Pathogenese oder Pilze im Körper abgesondert werden. Sie wären somit ein Bestandteil unseres Immunsystems.

Für die Schamanen der Indianer sollen Bitterstoffe aber auch geeignet gewesen sein, um Dämonen aus dem Darm zu vertreiben. Und genau auf diese Funktion der Bitterstoffe möchte ich in diesem Beitrag hinaus. Denn die Indianer sind mit der Nutzung von Bitterstoffen zur Förderung der Verdauungsleistung keinesfalls allein. Die traditionelle chinesische Medizin, Hildegard von Bingen und auch das Ayurveda kennen Bitterstoffe als nützliches Mittel für eine gesunde Verdauung.

Die Wirkung von Bitterstoffe im Verdauungstrakt

Im Wesentlichen wirken Bitterstoffe bereits beim Geschmack im Mund. Sobald wir bitter schmecken, wird Magensäure produziert, die Leber angeregt Gallensäfte zu produzieren und die Gallenblase wird dazu bewegt Gallensäfte auszuschütten. Gleichzeitig werden Enzyme aus der Bauchspeicheldrüse abgegeben, die die Verdauung verbessern. So sollen die Bitterstoffe der Bitterartischocke die Ausschüttung von Gallensäften um bis zu 150 Prozent steigern. Der Stil dieser im Mittelmeerraum beheimateten Pflanze wird vor allem bei Übelkeit, Oberbauchschmerzen, Blähungen und Verstopfungen eingesetzt. Neben der Anregung von Verdauungssäften und -enzymen regen Bitterstoffe auch die Mobilität des Darms, das heißt seine Bewegung zum Transport des Speisebreis, an.

Während diese Wirkung von Bitterstoffen in der traditionellen Pflanzenheilkunde als gesichert gilt, ist die Wirkung auf unseren Appetit offenbar derzeit noch unterschiedlich bewertet. Wer an Appetitlosigkeit leidet – was eine häufige Nebenwirkung einiger Medikamente ist – kann mit Bitterstoffen dem Appetit auf die Sprünge helfen. Schon eine Tasse Ingwertee kann nach einer halben Stunde den Appetit spürbar steigern.

Bitterstoffe und unser Gewicht

Gleichzeitig gehen manche Forscher davon aus, dass Bitterstoffe auch als natürliche Fressbremse wirken. Das wurde vor allem bei Wildtieren deutlich, die sich unkontrolliert fett gefressen haben, nachdem in Zuchtpflanzen wie Raps die Bitterstoffe weggezüchtet wurden. Auch das Vernichten von Wildkräutern auf Weideflächen hat damit durchaus System, denn eine Kuh, die viel frisst, ist schneller schlachtreif.

Ähnlich scheint die genetische Disposition beim Menschen zu funktionieren, wie unter anderem eine eine Studie der Rutgers University, New Brunswick, USA, zeigt. Hier wurden 75 junge, schlanke Frauen an einem Buffet sich selbst und ihrem Appetit überlassen. Die Forscher stellten fest, dass die Frauen, die weniger empfindlich auf Bitterstoffe reagieren, sogenannte Nontaster und Mediumtaster, im Durchschnitt 246/kcal pro Tag mehr verzehrten, als die Damen, die einen ausgeprägteren Sinn für Bitterstoffe haben (Supertaster).

Wer sich jetzt auf seine genetische Disposition zurückzieht, liegt allerdings falsch. Geschmack lässt sich durchaus trainieren und zwar sowohl bei Kindern, als auch bei Erwachsenen. Einen wesentlichen Anteil daran soll die Verknüpfung von Geschmack mit dem Gefühl des Wohlbefindens haben. Wer den verhassten Rosenkohl also mit einem entspannten Candle-Light-Dinner mit dem Liebsten in Verbindung bringt, könnte in Zukunft überrascht sein, wie gut das bittere Gemüse ihm schmeckt 😉

  • grünes Blattgemüse, wie Blattkohl, Spinat, Löwenzahnblätter, Rucola usw.
  • Radicchio
  • Sauerampfer
  • Auberginen
  • Artischocken
  • Chicorée
  • Rosenkohl
  • Bittermelone
  • Grapefruit
  • Sternfrucht
  • Kreuzkümmel
  • Safran
  • Kurkuma
  • Ingwer
  • Galgant
  • Dill
  • Bockshornklee
  • Enzian
  • Wermut
  • Sesam
  • Kaffee
  • Kakao

Referenzen

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