Brot und Milchprodukte gehören in Deutschland zu den wichtigsten Grundnahrungsmitteln überhaupt. In der Paleo- oder Steinzeitkost haben diese für uns heute so wichtigen Lebensmittel allerdings eher eine untergeordnete Rolle gespielt. Wilde Tiere lassen sich schließlich nicht melken und auch Getreide wächst ohne systematischen Anbau selten in ausreichenden Mengen auf einem Fleck, dass daraus eine Nahrungsgrundlage entstehen könnte. Trotzdem kann man rückblickend sagen, dass der Anbau von Getreide und die Nutzung von Milchprodukten den Grundstein für unsere Zivilisation gelegt haben. Daran besteht eigentlich kein Zweifel. Interessant ist die Frage, warum ausgerechnet diese beiden, für den Menschen eher minderwertigen Lebensmittel, eine ganze Revolution in Gange setzten, die aus dem jagenden und sammelnden Menschen eine sesshafte Spezies machten? Und warum verteidigen viele Menschen ihr „täglich Brot“, als könnten sie ohne es nicht leben?

Die Antwort finden wir wie so oft in den Bestandteilen unserer Nahrung und unserer biochemischen Reaktion auf diese Bestandteile. Denn der Grund, warum ausgerechnet Brot und Milch uns glücklich machen, sind sogenannte Exorphine, die in beiden Lebensmitteln enthalten sind.

Exorphine sind Peptide, die bei der Verdauung von Eiweißen entstehen. Sie sind sozusagen kurze Aminosäurenketten, die in der Nahrung in langen Eiweißketten eingebunden sind.

Peptide und Aminosäuren

Allgemein kann man sagen, dass Eiweiße entweder durch Zubereitungsprozesse wie kochen, backen etc. in Peptide zerlegt werden, oder unsere Magensäure diese Aufgabe übernimmt. Dieser Prozess wird auch als Denaturierung von Eiweiß bezeichnet. Erst im Dünndarm werden diese Peptide durch Enzyme in die einzelnen Aminosäuren zerlegt – sofern der Mensch denn Enzyme für diese Zerlegung besitzt. Letzteres ist nicht für alle Peptide der Fall.

Exorphine sind nun also solche kurzen Aminosäurenketten, die in unserem Körper und vor allem in unserer Psyche eine ganz besondere Wirkung haben, denn sie üben eine ähnliche Funktion aus wie Endorphine – unsere schmerzstillenden Neurotransmitter bzw. Neurohormone. Die Vorsilbe Ex- deutet darauf hin, dass diese Peptide nicht in unserem Körper hergestellt werden (also endogen), sondern von außen (ex) zugefügt werden.

Exorphine wirken in unserem Gehirn wie Opioide und können an unseren Opioid-Rezeptoren wirksam werden. Sie verursachen dort nicht etwa ein „high“, wie wir das bei Drogen erwarten, aber sie verändern dennoch unser Befinden. Stattdessen tragen sie eher zu einem Gefühl der Behaglichkeit und des „behütet seins“ bei. So wie Endorphine dienen sie als Schmerzstiller oder Trostspender und geben uns das Gefühl, dass „alles gut“ ist und wir gut aufgehoben sind. Übrigens sind Exorphine in ganz unterschiedlichen Lebensmitteln enthalten. Neben Getreide, das in der Eiweißstruktur von Gluten verschiedene Exorphine versteckt hält, enthält Milch das Exorphin Kasomorphin; Soja enthält Sojamorphin und auch in Kaffee und Kakao (Schokolade) finden sich Exorphine. Das erklärt auch die Rolle von Schokolade als „comfort food“, also als Lebensmittel nach dessen Genuss wir uns besonders wohl und getröstet fühlen.

Exorphine als Erklärungsmodell für die neolithische Revolution

Selbstverständlich sind Exorphine per se nichts Schlechtes. In der Muttermilch tragen sie zur Bindung zwischen Baby und Mutter bei. Und auch bei Kühen und allen anderen Säugern ist die Funktion der Exorphine in dem jeweiligen Milchen durchaus sinnvoll. Sie fördern nicht nur das Trinkverhalten, sondern wirken auch beruhigend auf das neugeborene, meist hilflose Geschöpf. In Pflanzen haben Exorphine allerdings eine andere Aufgabe. Hier dienen sie vermutlich der Verteidigung der Pflanze vor Fraßfeinden.

Sowohl Kasomorphin als auch das im Gluten enthaltene Gliadorphin haben allerdings nicht nur positive Wirkungen auf uns. Die Exorphine aus Milch und Getreide werden heute auch mit Schizophrenie, Autismus und anderen psychischen Erkrankungen in Verbindung gebracht [1]–[3]. Menschen die aufgrund anderer physischer Umstände (wie z.B. Leaky Gut, Genetik etc.) besonders intensiv auf Exorphine reagieren, können sie am schlechtesten aus ihrer Ernährung streichen, denn letztlich verursachen sie auch ein kurzes Wohlgefühl, das nicht so leicht zu ersetzen ist. Gleiches scheint zu gelten, wenn der Konsum unnatürliche Ausmaße annimmt, wie das heute oft der Fall ist. Es handelt sich also im wahrsten Sinne um ein natürliches Suchtmittel, wenn auch für die meisten Menschen in abgeschwächter Form.

Stellt sich die Frage, warum genau diese Lebensmittel einen wichtigen Beitrag zur Zivilisation des Menschen und seiner Sesshaftwerdung geleistet haben. Zahlreiche Wissenschaftler haben sich darüber bereits den Kopf zerbrochen, aber eine der interessantesten Thesen stellten vor rund 20 Jahren die beiden Wissenschaftler Greg Wadley und Angus Martin in einem Beitrag im „Australian Biologist“ auf. Ihre Theorie ist heute als Exorphin-Theorie bekannt. Ihrer Meinung nach sind Exorphine als Substanzen, die das Belohnungssystem ansprechen, einer der Gründe, warum sich die Landwirtschaft letztlich als System der Nahrungsbeschaffung durchgesetzt hat[4]. Nur weil diese Substanzen unsere Psyche auf angenehme Art und Weise verändern und deshalb einen gewissen Suchtfaktor haben, hat der Mensch vor 10.000 Jahren all die Mühen auf sich genommen, die die Landwirtschaft im Vergleich zur Jagd und zum Sammeln bedeutete.


Referenzen

[1]      P. Bressan and P. Kramer, “Bread and Other Edible Agents of Mental Disease.,” Front. Hum. Neurosci., vol. 10, p. 130, 2016.

[2]      F. C. Dohan, E. H. Harper, M. H. Clark, R. B. Rodrigue, and V. Zigas, “Is schizophrenia rare if grain is rare?,” Biol. Psychiatry, vol. 19, no. 3, pp. 385–99, Mar. 1984.

[3]      F. C. Dohan, “Genetic hypothesis of idiopathic schizophrenia: its exorphin connection.,” Schizophr. Bull., vol. 14, no. 4, pp. 489–94, 1988.

[4]      Greg Wadley and Angus Martin, “The origins of agriculture: a biological perspective and a new hypothesis,” Aust. Biol., vol. 6, pp. 96–105, 1993.