In der letzten Woche hat Julia euch schon die Darm-Hirn-Achse vorgestellt. Die Verbindung zwischen unserem Verdauungstrakt und unserem Gehirn ist in den letzten Jahrzehnten auf wissenschaftlicher Ebene ein kontroverses Thema.

In der Mitte des 20. Jahrhunderts waren Allergien oft als psychosomatische Erkrankung angesehen. Sozusagen als physische Manifestation psychologischer Probleme [1]. Aber unsere Psyche kann von unserem Körper nicht getrennt gesehen werden.

In den letzten Jahren ändert sich das Verständnis davon in der Öffentlichkeit, vor allem auch dank der Paleo-Bewegung. Für mich waren meine eigenen Erfahrungen 2013 der ausschlaggebende Punkt meine Ernährung mehr in Richtung Paleo zu bewegen, glutenfrei zu leben und meine Unverträglichkeiten und meine Darmgesundheit ins Visier zu nehmen. Der Weg hat nicht nur mein Leben verändert, sondern – und davon bin ich fest überzeugt – auch viele Probleme verhindert, die sich mit Ende 20 bei mir immer mehr anbahnten. Psychische Probleme belasten häufig ja nicht nur einen selbst, sondern zu einem großen Teil auch die Umwelt – Partner, Kinder, Freundschaften – all das leidet darunter und das Verständnis dafür, dass der Betroffene „nichts tun kann“ ist nur selten gegeben. Gute Ratschläge sind meist auch nicht weit her. Er oder sie müsste ja nur anders sein. Aber genau das ist nicht so einfach, denn unserem Denken, Fühlen und Handeln liegt ein permanenter bio-chemischer Mechanismus zu Grunde, gegen den wir nicht ohne weiteres ankommen, wenn wir ihn nicht grundlegend ändern. Und dabei ist Ernährung ein wichtiger Baustein.

Ich nehme mal ein Beispiel: viele Eltern kennen das vom Kindergeburtstag. Am Anfang der Party ist noch alles entspannt, aber spätestens nachdem die kleinen Körper mit Torte, Saft, Limo und einem Berg Süßigkeiten vollgestopft sind, gerät die Party außer Kontrolle, die kleinen werden wild und die Eltern sind im Höchststress. Nicht, dass ich den Kindern den Süßkram nicht gönne – schließlich gehört es ja dazu (?) – aber sie können schlicht nicht anders als danach hibbelig durch die Gegend zu springen. Zucker übt einen derart starken bio-chemischen Reiz – schnelle Energie für alle Zellen und Nerven, Dopamin-Flut im Hirn usw. – aus, dass selbst die hundertste Ermahnung zu Ordnung und Ruhe ungehört verhallt. Was sollen die Kinder tun? Sie wurden durch Zucker aufgezogen wie der Duracell-Hase. Da ist eben erst Pause, wenn die Glucose-Flut nach einigen Stunden verarbeitet ist.

Aber nicht nur Zucker macht uns physisch und psychisch „anders“. Sondern alles, was wir essen wird ein Teil von uns – und damit auch unserer Psyche.

Besonders deutliche Reaktionen erhalten wir auf Lebensmittel, die wir nicht vertragen. Sei es aufgrund von Allergien und Unverträglichkeiten oder, weil die Menge, die wir konsumieren den Körper belastet und reizt. Denn jedes Lebensmittel löst immer eine Immunreaktion aus. Lediglich die Stärke ist abhängig von der Dosis.

Psychische Symptome unverträglicher Lebensmittel

Den wenigsten Menschen ist bewusst, dass unsere Lebensmittel überhaupt zu psychischen Beschwerden, Depressionen, Hyperaktivität, Schizophrenie und vielem mehr führen können. Die Symptome sind nicht immer direkt nach dem Genuss der Lebensmittel ersichtlich, sondern können Stunden oder sogar bis zu 2 Tage später erst deutlich werden.

  • Stimmungsschwankungen,
  • Reizbarkeit,
  • Aggressionen,
  • Müdigkeit,
  • Verwirrtheit,
  • Konzentrationsschwierigkeiten,
  • Ängste,
  • Phobien und
  • Schlaflosigkeit

All das können Zeichen dafür sein, dass du Sachen isst, die du nicht verträgst.

Meist gehen die psychischen Symptome mit anderen Erkrankungen des Immunsystems einher: Allergien auf Hausstaub, Heuschnupfen, ständig verstopfte Nase, geschwollene Augen und atopische Erkrankungen wie Asthma oder Neurodermitis sind typische Begleiterscheinungen, die bereits auf ein instabiles Immunsystem hinweisen. Einige Menschen leiden auch unter einem unterdrückten Immunsystem mit wiederkehrenden Infekten, Pilzbefall, Autoimmunerkrankungen, Arthrose, Verdauungsbeschwerden usw. Aber auch rein mentale Beschwerden können mit dem Immunsystem zusammenhängen.

Im Prinzip können Unverträglichkeiten und Allergien überall sichtbar werden und nicht allzu selten ist im Zusammenhang damit auch das Gehirn ein Ziel von unbestimmten Entzündungsreaktionen und einem Überfluss oder Mangel bestimmter Botenstoffe.

Histamin als Botenstoff und seine Wirkung auf das Gehirn

Einer der wichtigsten Botenstoffe, wenn es um Immunreaktionen geht, ist der Botenstoff Histamin. Histamin sorgt dafür, dass bestimmte Zellen in unserem Körper ein Signal an unser Abwehrsystem übermitteln können, damit eine Immunreaktion ausgelöst werden kann.

Je mehr wir einem Allergen oder auch einem Pseudoallergen in Kontakt treten, desto mehr Histamin ist in unserem Körper unterwegs. Ich möchte hier gar nicht so sehr auf die Grundlagen zum Histamin eingehen, die kannst du hier nachlesen. Vielmehr möchte ich zeigen, dass Histamin eben nicht nur für eine laufende Nase oder dicke Augen sorgt, sondern auch für psychiatrische Veränderungen im Hirn.

Unser Gehirn verfügt über histaminerge Neuronen ausschließlich in einem Teil des Hypothalamus, dem tuberomammillary nucleus. Dieser Teil des Gehirns ist die einzige Stelle im Gehirn, in der Histamin freigesetzt wird und von wo aus Signale in das gesamte Gehirn weiter geleitet werden. Das histaminerge System des Gehirns spielt eine Rolle bei vielen physiologischen Funktionen, wie dem Schlaf-Wach-Rhythmus, unserem Energielevel, dem Gleichgewicht unseres Hormonsystems, unseren Sinnen, motorischen Funktionen sowie Wahrnehmung und Aufmerksamkeit [2]. Besonders letztere sind bei einigen neuropsychatrischen Erkrankungen, von Parkinson und Alzheimer bis hin zu Depressionen, beeinträchtigt.

Histaminrezeptoren (H3) finden sich aber nicht nur im histaminergen System, sondern auch im serotonergen und dopaminergen Nervensystem. Darüber hinaus reguliert Histamin auch die Ausschüttung verschiedener Neurotransmitter, die unmittelbar unsere Stimmung beeinflussen [3].

Um die Histaminfreisetzung, insbesondere im Gehirn, zu regulieren, führt die Aktivierung von H3-Rezeptoren in diesen Nervensystemen zu einer verminderten Ausschüttung verschiedener Neurotransmitter, namentlich Acetylcholine (Hunger), Glutamat, GABA (Entspannung), Serotonin („Glück“), Noradrenalin (Stressreaktion) und Dopamin (auch „Glück“). Hier wird auch die Verbindung zwischen Allergien, Unverträglichkeiten und Sucht deutlich, denn Sucht steht im engen Zusammenhang mit einer Verringerung genau dieser Neurotransmitter, insbesondere Dopamin.

Nahezu jedes Suchtmittel (inkl. Schokolade) führt zu einer erhöhten Ausschüttung von Dopamin und stellt so das seelische Gleichgewicht und das „Wohlgefühl“ wieder her. Menschen, die unter Allergien und Unverträglichkeiten leiden, neigen deshalb auch vermehrt zu Suchtverhalten. Bei Alkoholikern konnte gezeigt werden, dass eine Blockierung der H3-Rezeptoren mit Anti-Histaminika zu einem verringerten Verlangen nach Alkohol führt [4], aber Behandlungskonzepte sind hier noch nicht weit genug fortgeschritten und vielleicht auf dieser Ebene auch nicht sinnvoll, denn auch der dauerhafte Einsatz von Antihistaminika wird mit Alzheimer in Verbindung gebracht. Orthomolekulare Behandlungskonzepte, die die Senkung des Histaminspiegels durch therapeutische Vitamin C-Gaben beinhalten, scheinen da auf den ersten Blick sinnvoller.

Histamin ist außerdem einer der wenigen Neurotransmitter im Gehirn, der für eine dauerhafte Öffnung der Blut-Hirn-Schranke sorgen kann und damit auch den Weg zu Entzündungsprozessen im Gehirn frei macht. Die Funktion dient natürlich nicht der Krankheit, sondern scheint eigentlich ein Weg der Kommunikation des zentralen Nervensystems mit dem Immunsystem.

An dieser Stelle sei auch noch kurz erwähnt, dass auch Stress zu einer Freisetzung von Histamin aus den Mastzellen führen kann! Klingelts? 

Genau: einseitige Ernährung und ein stressiger Lebensstil öffnen Tür und Tor für alle hier beschriebenen psychischen Veränderungen, Sucht und kognitiven Probleme.

Allergene und Sucht

Einige Lebensmittel können auch beides: sie lösen sowohl eine erhöhte Histaminsekretion im Körper aus, wenn eine Allergie oder Unverträglichkeit vorliegt, und liefern gleichzeitig die Bausteine für bestimmte Neurotransmitter, die uns „glücklich“ machen. Ein Beispiel dafür wären v.a. Milchprodukte und Getreide, die sowohl in der Menge, die heute üblich ist, Probleme bereiten, jedoch gleichzeitig Tryptophan für die Synthese von Serotonin liefern und damit glücklich machen.

Das erklärt, warum es so schwer ist, von ihnen los zu kommen, obwohl sie vielleicht sogar bekannter Weise Probleme an den verschiedensten Stellen des Körpers verursachen. Sie machen einfach kurzfristig „glücklich“, auch wenn das Gehirn den Rest des Tages durch sie „deprimiert“ ist.

Es erklärt aber auch den Erfolg der Paleo-Lebensweise, die ohne Getreide und Milchprodukte auskommt, Stress-Management und Entspannung zu einem wichtigen Thema macht und damit den Körper von so allerlei belastenden Faktoren befreit.

Allergene und Unverträglichkeiten meiden

Aus ernährungsphysiologischer Sicht scheint es in all diesen Zusammenhängen zwischen unserem Immunsystem und unseren bio-chemischen Abläufen im Gehirn sinnvoll,  Allergene und Pseudoallergene zu identifizieren und – zumindest vorübergehend – strikt zu meiden. Nicht alle Pseudoallergien sind mit entsprechenden Tests zu identifizieren. Manchmal hilft nur austesten.

Dabei sollte der Zusammenhang zwischen der Darmgesundheit, dem Stress-Level und dem Bestehen von Allergien und Unverträglichkeiten nicht außer Acht gelassen werden. Ein gesunder Darm kann durch eine vorübergehende Eliminationsdiät, z.B. mit dem Paleo Autoimmunprotokoll, soweit ausheilen, dass einige Lebensmittel in Zukunft auch wieder vertragen werden können. Nicht in allen Fällen ist eine dauerhafte Elimination nötig.

Die Erfolge für die Psyche zeigen sich übrigens sehr schnell. Ist das Immunsystem entlastet können sich schon nach wenigen Tagen deutliche Veränderungen im Wohlbefinden und/oder Verhalten bemerkbar machen.

Mehr über Histamin und die typischen Symptome einer übermäßigen Histaminbelastung findest du hier.

Leseempfehlung

Darmgesundheit, Ängste und Panikattacken (My Free Mind Blog von Monika)


 

Referenzen

  1. Smith MPD. Not All In the Mind | Psychology Today. psychologytoday.com. 2012. https://www.psychologytoday.com/blog/short-history-mental-health/201211/not-all-in-the-mind. Accessed February 23, 2016.
  2. Jung SB, Nagaraja V, Kapur A, Eslick GD. Association between vitamin B12 deficiency and long-term use of acid-lowering agents: a systematic review and meta-analysis. Intern Med J. 2015;45(4):409-416. doi:10.1111/imj.12697.
  3. Tashiro M, Yanai K. [Molecular imaging of histamine receptors in the human brain]. Brain nerve = Shinkei kenkyū no shinpo. 2007;59(3):221-231. http://www.ncbi.nlm.nih.gov/pubmed/17370648. Accessed February 23, 2016.
  4. Ellenbroek BA. Histamine H₃ receptors, the complex interaction with dopamine and its implications for addiction. Br J Pharmacol. 2013;170(1):46-57. doi:10.1111/bph.12221.