Getreide gehört in Deutschland zu unseren Grundnahrungsmitteln. Morgens schnell ein Brötchen beim Bäcker, mittags Nudeln beim Italiener oder einfache ein Pausenbrot und abends das gute alte Abendbrot. So sieht der Tag bei vielen Menschen aus. Viele Jahre glaubte man auch, dass daran nichts auszusetzen sei. Schließlich empfiehlt die Deutsche Gesellschaft für Ernährung Getreide als Nahrungsgrundlage. Immer mehr wird jedoch aus Forschung und Wissenschaft bekannt, dass das keine gesundheitsfördernde Wirkung hat. Im Gegenteil: bei einem so kohlehydratreichen Ernährungsplan entsteht nicht nur Übergewicht, sondern auch eine Vielzahl anderer gesundheitlicher Probleme.

Besonders Getreide trägt ein Schadpotential in sich. So führt der übermäßige Konsum von glutenhaltigem Getreide auch zu einer Beeinträchtigung der Darmgesundheit.

Was ist Gluten?

Gluten ist ein Protein, das in vielen Getreidesorten wie Weizen, Roggen, Gerste, Dinkel, Emmer, Kamut aber auch Einkorn enthalten ist. Dieses Protein, das auch als Klebeeiweiß bezeichnet wird, sorgt dafür, dass unser Brot zusammenhält, nach dem Backen seine Form behält und nicht bröckelt. Gluten besteht aus den zwei Osborne-Fraktionen Prolamin und Glutelin. Das sind Proteingruppen, in denen sich die Proteine der glutenhaltigen Getreide einordnen lassen. Im Weizen sind beispielsweise Gliadine (aus der Fraktion der Prolamine) und Glutenine (aus der Fraktion der Gluteline) enthalten.

Gluten im Verdauungstrakt

No human can digest gluten now, we can’t break down that protein, none of us can. And whether or not it stimulates an immune response, is determined by how overwhelmed our immune system is.”

Dr. Alessio Fasano, Clinical Professor University of Maryland

Dr. Alessio Fasano gilt als einer der Pioniere der Forschung im Bereich der Zöliakie und Glutensensitivität. Seine Forschungen haben ergeben, dass kein Mensch Gluten verdauen kann. Wir können das Protein schlicht nicht in seine Einzelteile zerlegen. Ob das jedoch eine Antwort des Immunsystems auslöst, ist davon abhängig, wie belastet unser Immunsystem schon ist (siehe Zitat). Der Konsum von Gluten löst in unserem Körper die Produktion eines spezifischen Eiweißes aus, das die natürliche, ganz enge Verbindung zwischen den Zellen in unserer Darmschleimhaut zerstört. Dieses Eiweiß heißt Zonulin und ist derzeit die wesentliche bekannte Einflussgröße auf die Zerstörung der engen Verbindung („tight junctions“) zwischen den Zellen in der Darmschleimhaut durch Gluten.

Die Gleichung ist einfach: zuviel Gluten = zuviel Zonulin = Auflösung der Verbindungen zwischen den Zellen = „leaky gut“

Ein übermäßiger Getreidekonsum, der in unserer heutigen Ernährungskultur nicht allzu selten vorkommt, kann über diese Funktion des Körpers dann zu einem durchlässigen Darm (leaky gut) führen [1]. Ist dieser erst einmal eingetreten, ist vielen Antigenen, wie unverdauten Eiweißen, aber auch Viren und Parasiten Tür und Tor zu unserem Organismus geöffnet, denn der Verdauungstrakt ist mit seiner Absorptionsfläche von rund 500m² unsere größte Kontaktfläche nach außen.

Darstellung übernommen und ins Deutsche übersetzt, Original von Sarah Ballantyne

Dringt das Antigen (Eiweiße, Viren etc.) erstmals in unseren Organismus ein, werden sie von Zellen unseres angeborenen Immunsystems (Makrophagen) eingesammelt und den Kollegen vom erworbenen Immunsystem vorgestellt. Diese Kollegen (Thymus-Helfer-Zellen) merken sich genau, wer da rein wollte und bekämpfen es mit Entzündungsreaktionen und zellzerstörenden Substanzen. Dabei kann es schon mal Kollateralschäden an umliegenden Zellen geben. Die Entzündungsboten können dann außerdem über die Blutbahn und die Lymphe im gesamten Organismus verteilt werden. So kann eine getreidereiche Ernährung an vielen Stellen des Körpers zu Problemen führen.

Was passiert bei Zöliakie?

Anders sieht es bei Zöliakie-Patienten aus. Bei der genetisch bedingten Gluten-Unverträglichkeit führt der Konsum von glutenhaltigem Getreide zu einer Entzündung der Darmschleimhaut im Dünndarm. Der Dünndarm ist mit einer Schicht kleiner Zotten belegt, die normalerweise dafür sorgen, dass die Nahrung in seine Bestandteile zerlegt wird. Die Entzündung bei Zöliakie-Patienten sorgt jedoch dafür, dass die Zotten sich zurück bilden und die Nährstoffaufnahme durch die fehlenden Zotten erschwert bzw. verhindert wird. Auch hier können die fehlenden Nährstoffe und die Entzündungen im Körper zu ganz unterschiedlichen Symptomen im Körper führen.

zöliakie-dünndarm Auswirkungen von Gluten bei Zöliakiepatienten

Für wen ist Gluten problematisch?

Gluten ist für die meisten Menschen in geringen Mengen unproblematisch. Dennoch löst es immer auch die oben beschriebene Reaktion aus, d.h. wenn ein Immunsystem bereits angegriffen ist, sei es durch eine Autoimmunerkrankung oder auch „nur“ eine Allergie, dann trägt Gluten nicht gerade zu einer Verbesserung bei, sondern kann weitere Probleme provozieren.

Bisher glaubte man, dass einzig Menschen, die unter einer Zöliakie (auch: einheimische Sprue) leiden, glutenhaltiges Getreide vollständig meiden sollten. In Deutschland sind laut aktueller Studienlage zwischen 0,3 und 1% der Bevölkerung davon betroffen (250.000-800.000 Menschen). Da Zöliakie eine Erkrankung ist, die eine große Vielzahl von Symptomen hervorrufen kann, wird sie häufig leider nicht diagnostiziert. Es wird derzeit davon ausgegangen, dass in Europa bis zu 5 Millionen Menschen darunter leiden, ohne eine Diagnose zu erhalten [2], [3]. Oder würdest du bei Unfruchtbarkeit an eine Getreideunverträglichkeit denken?

In letzter Zeit verzichten aber auch immer mehr Menschen auf glutenhaltiges Getreide ohne, dass eine Zöliakie bei ihnen nachgewiesen werden konnte. Trotzdem berichten sie, dass es ihnen ohne glutenhaltiges Getreide besser geht. Während es sicherlich auch einen Trendfaktor gibt, sucht die Wissenschaft nach weiteren Anhaltspunkten für eine Unverträglichkeit von Getreide.

Nicht-Zöliakie-Glutensensitivität

Die so genannte Nicht-Zöliakie-Glutensensitivität wurde das erste Mal in den 80er Jahren beschrieben, geriet aber zwischenzeitlich wieder in Vergessenheit. Mittlerweile gibt es wieder einige Studien zu dem Thema. Auch wenn die positiven Erfahrungsberichte vieler Menschen bei einer glutenfreien Ernährung sicher sind, weiß die Medizin derzeit noch nicht zuverlässig woran das liegt [4], [5] und ob Gluten die Ursache dafür ist oder ein anderer Bestandteil des Getreides (ATI) dafür verantwortlich zeichnet [2].

In Deutschland sind außerdem bis zu 200 Zusatzstoffe in unserem „täglich Brot“ zugelassen. Welche Auswirkungen sie alle in welcher Kombination und unter welchen Bedingungen auf uns haben, vermag wohl kaum jemand einzuschätzen.

Im Juni 2015 erschienen erstmals Vorschläge zur Diagnose einer Nicht-Zöliakie-Glutenunverträglichkeit, die eine Provokation der Symptome durch die Gabe von 8g Gluten/Tag in der ersten Woche, gefolgt von einer glutenfreien Ernährung in der zweiten Woche und einer weiteren Provokation in der dritten Woche vorsieht. Eine der Provokationsphasen sollte dabei übrigens eine Placebo-Phase sein. Die drei Hauptsymptome sollten nach Selbsteinschätzung des Patienten anhand eines Fragebogens mindestens zu 30% abweichen. Ein Biomarker, d.h. ein Blutwert oder auch ein genetischer Marker steht uns nach aktuellem Stand der Wissenschaft zu dieser Problematik noch nicht zur Verfügung [6].

 


Referenzen

[1]      A. Fasano, “Intestinal permeability and its regulation by zonulin: diagnostic and therapeutic implications.,” Clin. Gastroenterol. Hepatol., vol. 10, no. 10, pp. 1096–1100, Oct. 2012.

[2]      C. Catassi, J. C. Bai, B. Bonaz, G. Bouma, A. Calabro, A. Carroccio, G. Castillejo, C. Ciacci, F. Cristofori, J. Dolinsek, R. Francavilla, L. Elli, P. Green, W. Holtmeier, P. Koehler, S. Koletzko, C. Meinhold, D. Sanders, M. Schumann, D. Schuppan, R. Ullrich, A. Vecsei, U. Volta, V. Zevallos, A. Sapone, and A. Fasano, “Non-Celiac Gluten sensitivity: the new frontier of gluten related disorders.,” Nutrients, vol. 5, no. 10, pp. 3839–3853, Oct. 2013.

[3]      K. Mustalahti, C. Catassi, A. Reunanen, E. Fabiani, M. Heier, S. McMillan, L. Murray, M.-H. Metzger, M. Gasparin, E. Bravi, and M. Mäki, “The prevalence of celiac disease in Europe: results of a centralized, international mass screening project.,” Ann. Med., vol. 42, no. 8, pp. 587–95, Dec. 2010.

[4]      J. Molina-Infante, S. Santolaria, M. Montoro, M. Esteve, and F. Fernandez-Banares, “[Non-celiac gluten sensitivity: a critical review of current evidence].,” Gastroenterol. Hepatol., vol. 37, no. 6, pp. 362–371, 2014.

[5]      A. Fasano, A. Sapone, V. Zevallos, and D. Schuppan, “Non-celiac Gluten Sensitivity.,” Gastroenterology, Jan. 2015.

[6]      Catassi C, Elli L, Bonaz B, et al. Diagnosis of Non-Celiac Gluten Sensitivity (NCGS): The Salerno Experts’ Criteria. Nutrients. 2015;7(6):4966-4977. doi:10.3390/nu7064966.

Erstmals veröffentlicht am 19.02.2005
Überarbeitet und erneut veröffentlicht am 29.06.2015