Immer mehr Menschen in der westlichen Welt erhalten von ihrem Heilpraktiker oder vielleicht auch progressiven Gastroenterologen die Diagnose „leaky gut“. So viel, wie in den letzten Jahren darüber geschrieben und publiziert wurde, kann man fast annehmen, dass es sich um eine wahre Epidemie handelt. Und tatsächlich: die zahlreichen Unverträglichkeiten, diverse Schmerzen, Allergien, Migräne und einige psychische Beschwerden haben ihre Ursache im Darm und können mit einer Umstellung der Ernährung und einigen ordnungstherapeutischen Veränderungen der Lebensweise in kurzer Zeit kuriert werden.

Aber was ist eigentlich die Ursache für diese scheinbare Epidemie, die trotz zahlreicher wissenschaftlicher Arbeiten, von Schulmedizinern immer noch als Quacksalberei angesehen wird.

Stress

Einer der Hauptursachen für eine erhöhte Durchlässigkeit der Darmschleimhaut für Pathogene und unverdaute Eiweiße ist heute das Thema Stress. Studien an Tieren und Menschen legen nahe, dass die Durchlässigkeit der Darmschleimhaut durch das sogenannte Corticotropin-releasing Hormone (CRH) und die durch dieses Hormon ausgelöste Aktivierung der Mastzellen im Darm erhöht wird.[1] CRH ist ein Polypeptid, d.h. eine Aminosäureverbindung, das bei der Aktivierung des Sympathikus eine Rolle spielt. Dieser Teil unseres vegetativen Nervensystems wird vor allem als Reaktion auf äußere und innere Stressoren aktiviert.

Dieser Zusammenhang mit Stress macht auch deutlich, warum so viele Menschen mit einem durchlässigen Darm mit einer vorübergehenden Histaminintoleranz zu kämpfen haben. Denn in den Mastzellen ist Histamin gespeichert, das bei der Aktivierung derselben freigesetzt wird und uns vor allem bei akutem Stress zu erhöhter Wachsamkeit anregt. Bei chronischem Stress kann dieser Effekt jedoch zu einer übermäßigen Belastung des Körpers mit Histamin führen, sodass histaminreiche Lebensmittel, wie alter Käse oder Rotwein, scheinbar plötzlich schlechter vertragen werden und andere bereits bestehende Allergien, die ebenfalls eine Histaminausschüttung hervorrufen, sich verstärken. 

In einigen Fällen kann das so weit gehen, dass sämtliche Nahrung Probleme verursacht, denn Histamin wird auch bei der Ankunft von Nahrung im Magen ausgeschüttet.

darm hirn achse

Die Darm-Hirn-Achse übersetzt aus: Kennedy et al., „Irritable bowel syndrome: A microbiome-gut-brain axis disorder?“, World J Gastroenterol 2014 October 21; 20(39)

An dieser Stelle sei auch erwähnt, dass Stress viele Gesichter hat. Egal ob schwierige Beziehungen, innere Konflikte oder Übertraining. All das kann die Darmschleimhaut und ihre Durchlässigkeit über die oben genannten Mechanismen beeinträchtigen.[2]

Aktive Stressreduktion und regelmäßiger Schlaf mit mindestens 7-8 Stunden pro Nacht dürfte für die meisten leaky gut-Patienten im Zentrum stehen. Vor allem, weil die Beschwerden allein schon Höchststress bedeuten können.

Alkohol

Alkohol gehört zu den Dingen, über die man in unserer Gesellschaft kaum spricht. Ihn regelmäßig zu konsumieren gehört schon fast zum guten Ton. Laut der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung trinken 96,4% der Deutschen Alkohol, rund 1,77 Millionen sind abhängig und täglich sterben 202 Menschen an den Folgen ihres riskanten Alkoholkonsums (ohne Unfälle). Die jährlichen Kosten für die Behandlung alkoholbedingter Erkrankungen liegen in Deutschland bei rund 27 Milliarden Euro.[3]

Der durchschnittliche Alkoholkonsum liegt bei etwa 370ml Bier oder Wein am Tag oder anders ausgedrückt: zusammen trinken wir jeden Tag 22 Millionen Liter Bier und 423 Millionen Flaschen Sekt, hinzu kommen einige Millionen Flaschen Wein.[4] Erschreckend, oder?

Chronischer Alkoholkonsum kann zu einer Reihe von Erkrankungen führen, darunter auch „leaky gut“. Es ist längst bekannt, dass Alkohol die Durchlässigkeit der Darmschleimhaut bei einigen Menschen erhöht und Einflüsse auf die Zusammensetzung des Mikrobioms des Menschen hat [5]–[7]. Das kann fatal sein, denn wie sich in den letzten Jahren zeigt, sind genau die Menschen, die durch regelmäßigen Alkoholgenuss zu ihrem leaky gut kommen, besonders anfällig für eine spätere Leberzirrhose. Von dieser „typischen“ Alkoholikerkrankheit sind nur 30% der Abhängigen betroffen. Es scheint als öffne der leaky gut bei diesen Menschen den Weg für bakterielle Wanderungen durch die Darmschleimhaut und die Pfortader zur Leber, was wiederum zu einer Entzündung der Leber und damit auch zur Zirrhose führen kann [8]. Denselben Effekt gibt es übrigens auch bei der Nicht-alkoholischen Fettleber [9] bei Adipositas.

Der vollständige Verzicht auf Alkohol ist also neben der Reduktion von Stress einer der größten Hebel bei der Genesung von den Symptomen eines durchlässigen Darms.

Medikamente

Wie vielen Betroffenen bewusst sein dürfte, spielen auch Medikamente eine wesentliche Rolle bei der Entstehung eines durchlässigen Darms. Antibiotika töten nicht nur die schlechten Bakterien, sondern leider auch die guten. Ein vermehrter Einsatz von Antibiotika, sowohl bei der Behandlung bakterieller Infektionen, als auch in der Nahrungskette ist deshalb eine wichtige Ursache für die Verschiebung unseres Mikrobioms im Darm.

Aber nicht nur Antibiotika spielen eine wichtige Rolle, sondern auch die weit verbreiteten und viel zu häufig genutzten nicht-steroidalen Entzündungshemmer (lies: Schmerzmittel und Fiebersenker) wie Ibuprofen, Naproxen (auch in Dolormin®) und Diclofenac (Voltaren®) führen zu einer erhöhten Durchlässigkeit der Darmschleimhaut. Dieselben Medikamente können bei Langzeitnutzung auch Magengeschwüre und eine damit verbundene niedrige Produktion von Magensäure sowie eine große Anzahl anderer Verdauungsproblematiken hervorrufen[10], [11]. Es lohnt sich also vor allem bei ständigen Kopfschmerzen, Gelenksschmerzen und ähnlichem, auf Ursachensuche zu gehen und das Absetzen von Schmerzmitteln anzustreben.

Weitere Pharmazeutika, die zu einem leaky gut führen können sind die Anti-Babypille und Kortisonpräperate.

Zucker- und Weißmehlreiche Ernährung

Und zu guter Letzt spielt natürlich auch unsere getreide- und zuckerlastige Ernährungsweise im Westen eine wesentliche Ursache bei der Entstehung eines durchlässigen Darms. Insbesondere glutenhaltiges Getreide kann über die Freisetzung von Zonulin die engen Verbindungen („tight junctions“) zwischen den Zellen der Darmschleimhaut beeinträchtigen[12], [13].

Nach Ansicht einiger Naturärzte ist dieser Mechanismus lange nicht so ausschlaggebend, wie Stress, Alkohol- und Medikamentenkonsum, weshalb eine glutenfreie Ernährung nicht unbedingt für jeden notwendig ist. Eine starke Reduktion getreidehaltiger Produkte zugunsten nährstoffreicherer, entzündungshemmender und verdauungsfördernder Lebensmittel wie Gemüse, Kräutern und Gewürzen ist aber sicher sinnvoll.

Auch Zucker beeinträchtigt natürlich die Darmflora und die Durchlässigkeit der Darmschleimhaut. Vor allem Hefen und Pilze florieren unter einer zuckerreichen Ernährung besonders und können zu einer Vielzahl von Problemen des Verdauungstraktes und bakteriellen Dysbiosen führen. 

Besondere Vorsicht ist bei Fructose geboten, denn sie löst isoliert (nicht in Obst) in höheren Dosen eine erhöhte Schleimhautdurchlässigkeit aus [14]. Die oft als besonders gesund angepriesenen Zuckerersatzprodukte wie Agavendicksaft enthalten besonders viel davon, aber auch normaler Haushaltszucker besteht zu 50% aus Fructose. Auch Fertiglebensmittel und Süßigkeiten sind oft mit Fructose versetzt. 

Weitere Ursachen und Umstände

Die Liste der Auslöser für eine übermäßig durchlässige Darmschleimhaut und eine Verschiebung des Mikrobioms hin zu einer Fäulnisflora hört hier leider nicht auf. Es gibt noch einige andere Faktoren, die allein oder in Kombination mit den oben genannten Faktoren eine Rolle spielen können. Dazu gehören Pestizide, wie Glyphosat, in unserer Ernährung; Begasung von Getreide in Silos; Schimmel in Wohnräumen, Antazida, Protonenpumpenhemmer und eine einseitige (westliche) Ernährung, die nicht genug Verdauungssäfte und Enzyme fördert und damit die Entstehung einer Dünndarmfehlbesiedlung fördert, die in Folge auch zu einem leaky gut führen kann.

Fazit

Stress, Alkohol, Drogen und Medikamente und eine getreide- und zuckerreiche Ernährung sind die wesentlichen Auslöser einer durchlässigen Dünndarmschleimhaut, die in Folge zu einer Reihe von Unverträglichkeiten, verstärkten Allergien und damit verbundenen Erkrankungen wie Neurodermitis, Psoriasis usw. führen kann. Die strukturierte Bearbeitung dieser einzelnen Themen kann Betroffenen in kurzer Zeit eine deutliche Verbesserung der Symptome bieten. 

Nahrungsergänzungsmittel allein beseitigen das Problem nicht. 


Referenzen

[1]      T. Vanuytsel, S. van Wanrooy, H. Vanheel, C. Vanormelingen, S. Verschueren, E. Houben, S. Salim Rasoel, J. Tόth, L. Holvoet, R. Farré, L. Van Oudenhove, G. Boeckxstaens, K. Verbeke, and J. Tack, “Psychological stress and corticotropin-releasing hormone increase intestinal permeability in humans by a mast cell-dependent mechanism.,” Gut, vol. 63, no. 8, pp. 1293–9, Aug. 2014.

[2]      X. Li, E. M. Kan, J. Lu, Y. Cao, R. K. Wong, A. Keshavarzian, and C. H. Wilder-Smith, “Combat-training increases intestinal permeability, immune activation and gastrointestinal symptoms in soldiers.,” Aliment. Pharmacol. Ther., vol. 37, no. 8, pp. 799–809, Apr. 2013.

[3]      “Alkohol – Zahlen und Fakten.” [Online]. Available: http://www.aktionswoche-alkohol.de/hintergrund-alkohol/zahlen-fakten.html. [Accessed: 21-Feb-2016].

[4]      “Alkohol in Zahlen – Kenn dein Limit.” [Online]. Available: http://www.kenn-dein-limit.info/alkohol-in-zahlen.html. [Accessed: 21-Feb-2016].

[5]      W. Ying, T. Jing, C. Bing, W. Baifang, Z. Dai, and W. Bingyuan, “Effects of alcohol on intestinal epithelial barrier permeability and expression of tight junction-associated proteins,” Molecular Medicine Reports, vol. 9, no. 6. pp. 2352–2356, 2014.

[6]      S. Leclercq, S. Matamoros, P. D. Cani, A. M. Neyrinck, F. Jamar, P. Stärkel, K. Windey, V. Tremaroli, F. Bäckhed, K. Verbeke, P. de Timary, and N. M. Delzenne, “Intestinal permeability, gut-bacterial dysbiosis, and behavioral markers of alcohol-dependence severity.,” Proc. Natl. Acad. Sci. U. S. A., vol. 111, no. 42, pp. E4485–93, 2014.

[7]      V. Purohit, J. C. Bode, C. Bode, D. A. Brenner, M. A. Choudhry, F. Hamilton, Y. J. Kang, A. Keshavarzian, R. Rao, R. B. Sartor, C. Swanson, and J. R. Turner, “Alcohol, intestinal bacterial growth, intestinal permeability to endotoxin, and medical consequences: Summary of a symposium,” Alcohol, vol. 42, no. 5, pp. 349–361, 2008.

[8]      A. Keshavarzian, E. W. Holmes, M. Patel, F. Iber, J. Z. Fields, and S. Pethkar, “Leaky gut in alcoholic cirrhosis: a possible mechanism for alcohol-induced liver damage.,” Am. J. Gastroenterol., vol. 94, no. 1, pp. 200–7, Jan. 1999.

[9]      L. Miele, V. Valenza, G. La Torre, M. Montalto, G. Cammarota, R. Ricci, R. Mascianà, A. Forgione, M. L. Gabrieli, G. Perotti, F. M. Vecchio, G. Rapaccini, G. Gasbarrini, C. P. Day, and A. Grieco, “Increased intestinal permeability and tight junction alterations in nonalcoholic fatty liver disease.,” Hepatology, vol. 49, no. 6, pp. 1877–87, Jun. 2009.

[10]    A. Davies University of Calgary, Faculty of Medicine, Department of Pharmacology and Therapeutics, Intestinal Disease Research Unit, Calgary, “Review article: non-steroidal anti-inflammatory drug-induced gastrointestinal permeability,” Aliment. Pharmacol. Ther., vol. 12, no. 4, pp. 303–320, Apr. 1998.

[11]    E. Smecuol, J. C. Bai, E. Sugai, H. Vazquez, S. Niveloni, S. Pedreira, E. Mauriño, and J. Meddings, “Acute gastrointestinal permeability responses to different non-steroidal anti-inflammatory drugs.,” Gut, vol. 49, no. 5, pp. 650–5, Nov. 2001.

[12]    S. Drago, R. El Asmar, M. Di Pierro, M. G. Clemente, A. T. A. Sapone, M. Thakar, G. Iacono, A. Carroccio, C. D’Agate, T. Not, L. Zampini, C. Catassi, and A. Fasano, “Gliadin, zonulin and gut permeability: Effects on celiac and non-celiac intestinal mucosa and intestinal cell lines,” Aug. 2009.

[13]    A. Fasano, “Intestinal permeability and its regulation by zonulin: diagnostic and therapeutic implications.,” Clin. Gastroenterol. Hepatol., vol. 10, no. 10, pp. 1096–1100, Oct. 2012.

[14]  Johnson RJ, Rivard C, Lanaspa MA, et al. Fructokinase, Fructans, Intestinal Permeability, and Metabolic Syndrome: An Equine Connection? Journal of equine veterinary science. 2013;33(2):120-126. doi:10.1016/j.jevs.2012.05.004.