In den letzten Artikeln habe ich im Zusammenhang mit Depressionen und psychischen Störungen bereits die Notwendigkeit eines stabilen Blutzuckers, einer funktionierenden Serotonin– und Dopaminsynthese sowie die Rolle von Histamin in der Ernährung erläutert.

In diesem Artikel, der der Rolle von Histamin sehr nahe steht, geht es um Allergien und Unverträglichkeiten, die eine Auswirkung auf unsere psychische Gesundheit haben. Als ich meine Ernährung umgestellt habe, war das ein Faktor, der mich letztlich bei der glutenfreien Ernährung bleiben lies, denn ich hatte heftige psychische Reaktionen auf das bisschen Brot, das ich zuletzt noch gegessen habe. In den darauf folgenden Jahren machte mir das ein oder andere histaminreiche Lebensmittel zu schaffen. Meine Symptome reichten von Weinkrämpfen über komplett irrationales Verhalten, Wutausbrüche und Aggressionen. Ich muss dir nicht sagen, wie fassungslos meine Verwandtschaft manchmal vor mir stand, wenn ich aus heiterem Himmel weinende Wutausbrüche hatte. Und ich bin dankbar, dass das der Vergangenheit angehört.

Depressionen und Reizbarkeit stehen bei vielen Betroffenen im engen Zusammenhang. Auch Müdigkeit, Schwäche und vor allem radikale Stimmungsschwankungen begleiten depressive Personen nicht selten. Reizbarkeit und die starken Stimmungsschwankungen bringen eine Reihe sozialer Probleme mit sich, die es Betroffenen und auch dem Umfeld schwer macht „friedlich“ und „normal“ miteinander umzugehen. 

„Die Idee, dass Nahrung unseren Geist beeinflusst, ist ein absurdes Konzept für viele Menschen. Aber da das Gehirn das vielleicht zarteste Organ unseres Körpers ist, das bis zu 30 Prozent der gesamten Energie nutzt, die wir täglich aufnehmen, sollte das keine Überraschung sein. Allergien auf Lebensmittel können Hormonspiegel und andere wichtige Chemikalien in unserem Hirn durcheinander bringen, was zu Symptomen von Depressionen bis hin zu Schizophrenie führen kann.“ [1]

Konzentrationsschwierigkeiten und Hyperaktivität bei Kindern

Kinder reagieren besonders sensibel auf Lebensmittel, die sie nicht gut vertragen. Schon 1954 hat Dr. Frederic Speer das Phänomen beschrieben und mit Reizbarkeit, Hyperaktivität und verminderter Konzentrationsfähigkeit in Verbindung gebracht. Während man damals noch vermutete, dass das mit Lebensmittelzusatzstoffen in Verbindung stehen könnte, weiß man heute schon etwas mehr. Die bekanntesten Zusatzstoffe dürften die beiden Farbstoffe Cochenillerot A und Gelborange S sein, die als Azofarbstoffe E124 und E110 deklariert werden. Produkte, die diese Farbstoffe enthalten (Lachsimitat, Marmeladen, Softdrinks u.v.m.) können die Aktivität und Aufmerksamkeit von Kindern beeinflussen.

„Mehr noch: Das Bundesministerium für Ernährung und Landwirtschaft (BMEL) erläutert weiter, dass jene Farbstoffe auch „pseudoallergische Symptome an Haut und Atemwegen hervorrufen“ können. In den USA ist der Einsatz von Cochenillerot A in Lebensmitteln beispielsweise verboten. Er gilt als krebserregend und steht unter Verdacht, an der Auslösung von ADHS beteiligt zu sein.“ [2]

Jeffrey Bland schrieb in den 80er Jahren des letzten Jahrhunderts, dass es für die Jugend mittlerweile normal scheint leicht reizbar zu sein, sich auf nichts konzentrieren zu können und unruhig zu sein. „Die Straße ist ihre Apotheke und Dealer sind ihre Therapeuten. […] die moderne Werbung hat diese erhöhte Unruhe erkannt und setzt sie mit Energie und einem guten Leben gleich. Das kann in vielen Werbesport beobachtet werden, die „Lebensmittelartefakte“ bewerben. Es sind hyperaktive Werbesports mit Kindern, jungen Männern und Frauen, die in rasender Aktivität umher springen. Viele glauben, dass Hyperaktivität und „sich gut fühlen“ gleichzusetzen sind“[3]

Dass Lebensmittelzusatzstoffe als Chemikalien in Industrielebensmitteln weitgehend ungeahnte Auswirkungen haben können, sollte mittlerweile jedem klar sein. Aber um unruhig, aggressiv oder depressiv zu sein, braucht es gar nicht unbedingt die Chemikalien-Mixturen der Industrie, denn auch in natürlichen Lebensmitteln finden sich Stoffe, die das auslösen können. Lebensmittel, die einen hohen Salicylatwert aufweisen, gehören beispielsweise dazu. Sie können ebenfalls das Verhalten und die Konzentrationsfähigkeit von Kindern beeinflussen kann.

Lies auch hier: In drei Tagen vom unruhigen Trotzkind zum kooperativen Engel im Blog von Julia Gruber

Psychische Folgen von Unverträglichkeiten bei Erwachsenen

Ein ähnlicher Zusammenhang ist bei Erwachsenen zu beobachten, die auf bestimmte Lebensmittel zwar nicht mit einer klassischen Allergie reagieren, aber dennoch psychische Symptome aufweisen, die mit natürlichen Lebensmitteln in Verbindung stehen. Das Problem bei diesen, in der orthomolekularen Medizin als „brain allergy“ bezeichneten Unverträglichkeiten ist, dass die Unverträglichkeit oft maskiert ist. Zunächst fühlt man sich nach dem Genuss besser oder sogar richtig gut, aber nach einer Zeit tauchen unspezifische Symptome wie Kopfschmerzen, Depressionen, eine verstopfte Nase oder Müdigkeit auf.

Die verursachenden Lebensmittel gehören zur Gruppe der Allergene. Die Reaktion um die es hier geht, ist aber keine messbare Antwort des Immunsystems. Zu den potentiellen Verursachern gehören:

  • Kuhmilch
  • Hühnerei
  • Soja
  • Glutenhaltiges Getreide, insbesondere Weizen und auch Mais

Pfeiffer erwähnt auch Rindfleisch, Rübenzucker und Schokolade. (Anmerkung: im Allgemeinen ist Fleisch vor allem bei Allergien das am besten verträgliche Lebensmittel. Hinweise darauf, dass es allergische Reaktionen direkt hervorrufen könnte sofern es frisch und aus artgerechter Haltung stammt, kann ich nicht finden. Frische und Tierfütterung spielt jedoch sicher eine Rolle dabei, ob Fleisch verträglich ist. Getreide- und Sojagefütterte Tiere dürften eher schlecht vertragen werden; nicht ganz frisches Fleisch weist u.U. einen hohen Histaminwert auf.)

Das Hoch, das zunächst nach dem Genuss der Lebensmittel erlebt wird, ist dabei das wichtigste Problem, denn die Lebensmittel werden deshalb oft als Lieblingslebensmittel bezeichnet.

„Der Patient verhält sich also wie ein Süchtiger, der das nicht-verträgliche Nahrungsmittel isst, um ein psychologische Hoch zu erleben.“[1]

Was Pfeiffer im letzten Jahrhundert noch nicht direkt wusste, ist, dass Allergien jeglicher Art im Zusammenhang zu unserer individuellen Darmgesundheit stehen. Ähnlich scheint das mit den „brain allergies“ zu sein. Seiner Auffassung nach, sind vor allem chronische Darmerkrankungen wie Zöliakie eine Ursache für die erhöhte Empfindlichkeit gegenüber Allergenen. Heute wissen wir, dass auch industrielle Lebensmittel, Antibiotika-Therapien und andere Umweltgift dazu beitragen, dass unsere Darmschleimhaut und unser Mikrobiom negativ beeinflusst werden und Unverträglichkeiten entstehen können. Hier ist insbesondere der sogenannte Leaky Gut zu nennen, der als Ursache in den letzten Jahren immer mehr Beachtung findet.

In diesem Zusammenhang stehen auch alle Symptome, die Pfeiffer schon im letzten Jahrhundert identifiziert hat:

  • Tendenz zu Koliken als Kind
  • Tendenz zu Ekzemen/Neurodermitis als Kind
  • Zöliakie
  • Asthma, Ekzeme/Juckreiz oder Heuschnupfen
  • Beliebte Lebensmittel, die täglich gegessen werden
  • Starke Stimmungsschwankungen über den Tag
  • Häufige Erkältungen
  • Saisonale Allergien
  • Symptome verschwinden beim Fasten
  • Unverträglichkeit von Milch oder Weizen

Deshalb helfen auch bei diesen Unverträglichkeiten neben dem zeitweisen Verzicht auf diese Lebensmittel und einem aktiven Stressmanagement zur Senkung des Histaminspiegels, die histaminsenkenden Nahrungsergänzungsmittel. Wert sollte zudem auf möglichst biologisch angebaute Lebensmittel und den Verzicht auf Aspirin und Co. gelegt werden, da Menschen mit diesen Unverträglichkeiten auf Pestizide, Lebensmittelzusatzstoffe und Salicylate oft  besonders empfindlich reagieren. Auch regelmäßiges Fasten und das bewusste Rotieren der verwendeten Lebensmittel schafft hier Erleichterung.

Am sinnvollsten ist der Beginn mit einem Ernährungs- und Symptomtagebuch, über das sich Zusammenhänge leichter herstellen und erkennen lassen.

Pfeiffer und auch die moderneren Ärzte, die mit dieser Therapieform vertraut sind, empfehlen zusätzlich als orthomolekulare Therapie:

  • Methionin, 500mg morgens und abends
  • Calciumgluconat, 500mg morgens und abends
  • Zink, 15mg morgens und abends
  • Mangan, 10mg morgens und abends
  • Vitamin B6 bis die Traumerinnerung wieder einsetzt (nicht mehr als 2000mg)
  • Vitamin C, 1000-2000mg morgens und abends (max. bis Durchfall einsetzt)

So, das war es nun erstmal mit den wesentlichen Ursachen für psychische Störungen.

Eine weitere Störung wird in der Literatur erwähnt, sie findet aber keine medizinische Anerkennung. Der Vollständigkeit halber und weil ich Menschen kenne, die mit dieser Diagnose und der entsprechenden Therapie mit Zink und B6 deutliche gesundheitlich Fortschritte gemacht haben, möchte ich sie dennoch kurz erwähnen, jedoch in diesem Blog aktuell nicht weiter ausführen. Die Pyrolurie (auch: Kryptopyrrolurie (KPU)) ist ein genetisch bedingtes Defizit an Zink und Vitamin B6, der in der Wissenschaft als maximal fragwürdig eingestuft wird. Sie gilt aber ebenfalls als mögliche Ursache für Erschöpfung, Depressionen und psychische Störungen.

Hier kannst du mehr dazu lesen: kpu-hilfe.de

Der nächste Artikel wird nochmal eine Art Nachschlagewerk zu den einzelnen Mikronährstoffen, die für die Therapie von psychischen Erkrankungen in Frage kommen. Bis dahin übe ich mich allerdings erst einmal in aktivem Stressmanagement und schalte für eine Woche mit meiner Mutter in Norwegen ab. Wer gern dabei sein möchte, kann mir ganz privat auf Instagram folgen und ein bisschen nordische Urlaubsstimmung mitbekommen.

Bis dahin!


Referenzen

[1]      C. C. Pfeiffer, Nutrition and Mental Illness. Rochester, Vermont: Healing Arts Press, 1987.

[2]      D. S. Wachter, “Aufregung bei Facebook: Kann dieser Lachs-Brotaufstrich ADHS auslösen? – Essen | STERN.de,” stern.de, 2015. [Online]. Available: http://www.stern.de/genuss/essen/aufregung-bei-facebook–kann-dieser-lachs-brotaufstrich-adhs-ausloesen–6419180.html. [Accessed: 11-May-2016].

[3]      J. Bland, Medical Applications and Clinical Nutrition, 1. Auflage. New Canaan, Connecticut: Keats Publishing, 1983.