In den letzten Artikeln hatte ich dich bereits mit einigen Zusammenhängen zum Thema Depressionen bekannt gemacht. Starke Blutzuckerschwankungen, eine mangelhafte Serotoninsynthese und Störungen im Dopaminhaushalt können drei der wichtigen Ursachen sein.

In diesem Artikel möchte ich dich mit dem Botenstoff Histamin und seiner Rolle in unserer seelischen Gesundheit vertraut machen. Dr. Carl Pfeiffer, einer der Pioniere in Sachen orthomolekularer Medizin und psychischer Störungen, fand in seiner Arbeit, dass ein großer Teil seiner schizophrenen Patienten deutliche Ungleichgewichte im Zusammenhang mit Histamin aufwies. Dabei unterscheidet er zwischen zwei Zuständen: zu viel Histamin (Histadelie) und zu wenig Histamin (Histapenie).

Im engen Zusammenhang dazu stehen auch die zerebralen Allergien, das heißt solche, die einen Einfluss auf unser Gehirn haben. Alle drei Problemstellungen möchte ich in diesem und im nächsten Artikel beschreiben, denn es gibt sehr viele Menschen, die darunter leiden oder zumindest damit leben. Nach Pfeiffer sind es bei den Schizophrenen bis zu 80% die mit einer oder einer Kombination dieser biochemischen Herausforderungen belastet sind. (Falls du dich wunderst, dass in einem Artikel über Depressionen von Schizophrenie die Rede ist: beides ist eng miteinander verbunden.)

Was ist Histamin?

Histamin ist ein biogenes Amin, das in unserem Körper eine Vielzahl von Reaktionen begleitet und verursacht. Die bekannteste ist die typische allergische Reaktion, wie tränende Augen und eine fließende Nase. Für diese Antwort des Immunsystems ist Histamin als Botenstoff verantwortlich. Histamin ist darüber hinaus ein wichtiger Botenstoff im Gehirn. Er sorgt dafür, dass wir wach sind, steuert unser Schmerzempfinden, unsere sexuelle Lust und Leistung und sämtliche Körperflüssigkeiten von Schleim über Speichel bis hin zu unserer Tränenflüssigkeit.

Histamin wird weitgehend in sogenannten Mastzellen gespeichert, die unter bestimmten Umständen, wie beispielsweise dem Eintritt eines Allergens in den Körper, aber auch Stress etc., das gespeicherte Histamin freisetzen. Mastzellen befinden sich im Darm, aber auch im Blutkreislauf, weshalb die Symptome einer Histaminreaktion im Prinzip überall auftreten können. Die Histaminintoleranz ist eine der Erkrankungen, die damit in Verbindung steht. Während diese weitgehend auf den Zustand und die Gesundheit des Darms zurückgeführt werden kann, kann ein niedriger oder ein erhöhter Histaminspiegel auch andere Ursachen haben, die sich unmittelbar in unserer psychischen Verfassung niederschlägt.

Im Gehirn sorgt Histamin dafür, dass Serotonin, Dopamin und Noradrenalin ausgeschüttet werden können. Außerdem sorgt es für einen Ausgleich von Dopamin in dem Bereich des Gehirns, der Stimulationen von außen verarbeitet.

Zu wenig Histamin verursacht Ängste und Phobien (Histapenie)

Die Histapenie ist nach Pfeiffer ein weitgehend erworbenes Phänomen, das im engen Zusammenhang mit Umweltgiften steht. Bei seinen Patienten erkennt Pfeiffer, dass die Menschen, die einen niedrigen Histaminspiegel im Blut aufweisen, auch gleichzeitig hohe Kupferwerte zeigen. Meist taucht dieses Phänomen in Familien auf, weshalb genetische Ursachen in Betracht gezogen werden. Allerdings sieht Pfeiffer, dass Familien aus den gleichen Wasserleitungen (Kupferrohre) trinken, die zu einem erhöhten Kupferspiegel führen können. Heute können wir noch einige Faktoren hinzuzählen. Insbesondere moderne Verhütungsmittel wie die Kupferspirale, aber auch die Anti-Baby-Pille lassen über ihre Funktionen im Körper den Kupferspiegel ansteigen, da Caeruloplasmin (ein kupferhaltiges Eiweiß) bei erhöhtem Östrogenspiegel schneller produziert wird. Die Einnahme der Anti-Baby-Pille (wie ggf. auch Kupferleitungen, Kochgeschirr etc.) führt so zu steigendem Kupferspiegel und einem Mehrbedarf an Vitamin C und B3 um den Histaminspiegel nicht abfallen zu lassen und die psychische Gesundheit aufrecht zu erhalten. Menschen mit einem niedrigen Histaminspiegel sind besonders anfällig für schizophrene Episoden, so schwer das auch zu diagnostizieren ist und so bescheiden die konventionellen Behandlungsmöglichkeiten da auch sind. (Wer lässt sich schon freiwillig einweisen…)

Typische Anzeichen für einen niedrigen Histaminspiegel sind:

  • Aphten (Entzündungen im Mundraum)
  • Klingeln in den Ohren
  • Keine Kopfschmerzen oder Allergien
  • Starker Haarwuchs
  • Fettansammlungen vor allem in den unteren Extremitäten
  • Zahlreiche Zahnfüllungen (viel Karies, da wenig Speichel)
  • Hohe Schmerztoleranz
  • Unbegründeter Argwohn gegenüber anderen
  • Das Gefühl eines „gesteuerten“ Gehirns
  • Stimmen hören oder Dinge sehen, die nicht da sind

Sollte der Kupferspiegel erhöht sein, ließe sich das über einen Bluttest ermitteln. Um ihn abzusenken werden vor allem B3 und Vitamin C verwendet. Nicht umsonst gleichen sich die Symptome oft mit denen eines B3-Mangels, der durch den erhöhten Bedarf durch die Kupferbelastung relativ betrachtet auftritt.

Pfeiffer empfiehlt darüber hinaus für therapeutische Zwecke:

  • Niacin (B3), 100mg morgens und abends
  • Niacinamid (ein B3-Metabolit), 250-500mg morgens und abends
  • Folsäure, 1000mg morgens
  • B12
  • L-Tryptophan, 1000mg vor dem Schlafen
  • Zink
  • Mangan
  • und eine eher proteinreiche Ernährung

Zu viel Histamin verursacht Depressionen (Histadelie)

Histamin kann nicht nur ein Problem für die psychische Gesundheit sein, wenn es zu niedrig ist, sondern auch, wenn der Histaminspiegel im Blut erhöht ist. Interessanter Weise dürfte dieser Zustand auf die meisten Menschen zutreffen, die beruflich sehr erfolgreich sind und mit beiden Beinen im Leben zu stehen scheinen. Viele von ihnen sind impulsive, starke  Persönlichkeiten. Etwa die Hälfte von ihnen leidet dennoch immer wieder unter Depressionen – vor allem im Frühjahr, wenn durch die erhöhte Allergiebelastung der Körper zusätzlich gefordert wird.

Im Gegensatz zur Histapenie, scheint der erhöhte Histaminspiegel laut Pfeiffer eher eine genetische Ursache zu haben. Histamin bedingt stärkere allergische Reaktionen, eine hohe Produktion an Körperflüssigkeiten, eine Tendenz zur Hyperaktivität bzw. allgemein ein hohes Energielevel und impulsives Verhalten. Auch deshalb sind Menschen mit einem hohen Histaminspiegel tendenziell sehr erfolgreich. Steigt der Histaminspiegel jedoch zu hoch, kann das zu chronischen Depressionen und Selbstmordgefahr führen. Marylin Monroe wird von Pfeiffer als wahrscheinliches Paradebeispiel für eine Histadelie angeführt. Sie selbst sagte, dass der beste Teil von ihr zu wenig Aufmerksamkeit bekäme: ihre Zähne. Sie hatte kein Karies, was bei Menschen mit Histadelie aufgrund der hohen Speichelproduktion häufig ist.

Darüber hinaus sind Menschen mit viel Histamin eher nah am Wasser gebaut, haben eine hohe metabolische Stoffwechselrate und sind dadurch eher schlank und athletisch, sie sind schmerzempfindlich und haben ein manchmal verhängnisvolles sexuelles Verlangen mit Hang zur Nymphomanie. Die innere Anspannung, die Histadeliker oft spüren, führt zu Alkohol und Drogenkonsum, der inneren Frieden bringen soll und das auch kurzfristig tut. Interessanter Weise sind auch Kaffee und Zucker häufig verwendete Substanzen, die helfen den „leeren Kopf“ und die Tendenz zur Depression zu vermindern. Histadeliker sind also die perfektionistischen und kreativen „Macher“ unter uns, die nie richtig zur Ruhe kommen und sich im Zweifel mithilfe von verschiedenen Substanzen erst normal fühlen können.

Neben einem Bluttest auf eine hohe Anzahl Basophilen, der ein Indiz sein kann, weisen auch folgende Symptome darauf hin (wie immer muss nicht alles zutreffen):

  • Häufigeres Niesen durch Sonnenlicht
  • Schüchternheit und Sensibilität als Teenager
  • Weint leicht
  • Hat nie einen trockenen Mund
  • Hört den Puls im Kopf, wenn er/sie sich aufs Kopfkissen legt
  • Juckreiz an der Haut
  • Leichte Orgasmen und starkes sexuelles Verlangen bis hin zur Nymphomanie
  • Innere Anspannung und häufiger depressive Verstimmungen
  • Unbegründete Ängste, Impulse und Rituale
  • Das Gefühl einen leichten Schlaf zu haben
  • „Schneller“ Metabolismus
  • Hang zu suizidalen Gedanken
  • Hohe Toleranz gegenüber Alkohol und anderen „Beruhigungsmitteln“
  • Schwache Körperbehaarung („fusseliger“ Bart) und athletischer Körper
  • Lange Finger und Zehen, oft ist auch der zweite Zeh länger als der große Zeh
  • Nur Brüder in der Familie

Histadeliker sind laut Pfeiffer und Larson nicht die einfachsten Patienten. Ihr impulsives Verhalten lässt nicht viel „Ausprobieren“ und „mal gucken“ auf Seiten des Mediziners zu. Sie erwarten schnelle Lösungen und ziehen schnell weiter, wenn sie sie nicht bekommen. Joan M. Larson schreibt dazu, dass ihr das Verstehen in ihrer Klinik sehr geholfen hat. Heute verliert sie kaum noch Histadeliker, denn ihnen kann mit wenigen Nährstoffen schnell geholfen werden – zumindest was die Depressionen angeht.

Wie Pfeiffer schreibt, ist das nicht so einfach, denn die orthomolekulare Medizin kann dem Histadeliker helfen sich normal zu fühlen, aber nicht so hypomanisch, wie sie es gewöhnt sind. Die mentale Wachheit und oft auch intellektuelle Schärfe, die Histadeliker haben, kann durch eine Absenkung des Histaminspiegels nicht aufrechterhalten werden. Für einige von ihnen ist dieses „normal“ schlicht nicht genug, weshalb es wohl für sie ein lebenslanger Balanceakt zwischen Power und Depression bleibt.

Interessant ist, dass Histadeliker auf die histaminsenkende Wirkung von Vitamin C nur schwach reagieren. Besser funktioniert nach seiner Erfahrung Methionin, das über die Methylation hilft, Histamin auf natürlichem Wege abzubauen. Pfeiffer empfiehlt daher insbesondere folgende Nährstoffe und Ernährungsstrategien:

  • Eine eiweißarme Ernährung mit mehr komplexen Kohlenhydraten
  • Calcium (als Gluconat), 500mg morgens und abends
  • Methionin, 500mg morgens und abends
  • Unbedingt vermeiden, da histaminfördernd: Folsäure
  • Mittelfristig Entzug von allen Stimulantien wie Alkohol, Zucker, Kaffee, Drogen

Die Depressionen des Histadelikers lassen sich so schnell behandeln, abnormale Ängste und die Impulsivität dauern Pfeiffers Erfahrung nach am längsten.

Bei beiden Histamin-Typen gilt natürlich auch, dass eine möglichst natürliche Lebensweise mit viel Schlaf, Ruhepausen, Stressmanagement und natürlicher Ernährung angestrebt werden sollte. Diese Lebensstil-Maßnahmen unterstützen eine gesunde Biochemie immer. Insbesondere viel (lies nicht: exzessiv) Bewegung hält Pfeiffer für einen der wichtigsten Bausteine.

Im engen Zusammenhang mit Histamin im Körper und im Gehirn, stehen sämtliche Unverträglichkeiten von Lebensmitteln. Welche Auswirkungen Eier, Kuhmilch, Gluten, Soja usw. auf die Psyche haben können, erfährst du im nächsten Artikel.


Referenzen

[1]      C. C. Pfeiffer, Nutrition and Mental Illness. Rochester, Vermont: Healing Arts Press, 1987.

[2]      J. M. Larson, Seven weeks to sobriety – the proven program to fight alcoholism through nutrition, 1st ed. New York: The Random House Publishing Group, 1992.

[3]      J. M. Larson, Depression Free Naturally, 1. Auflage. Wellspring/Ballantine (2. Januar 2001), 2001.