Im ersten Artikel dieser kleinen Serie habe ich einen kurzen Überblick über die Grundlagen der ernährungsphysiologischen Aspekte bei Depressionen gegeben. Im letzten Artikel habe ich dir den Neurotransmitter Serotonin vorgestellt, dessen Fehlen oft als Auslöser für Depressionen gesehen wird. Serotonin spielt aber nur bei manchen Betroffenen eine Rolle.

Der zweite Neurotransmitter, der für unser Wohlfühlen verantwortlich ist, heißt Dopamin. Dopamin ist vor allem für unsere Motivation, unseren inneren Antrieb verantwortlich und spielt eine wichtige Rolle, wenn es um Sucht und zwanghaftes Verhalten geht. Viele Menschen, die eigentlich unter Depressionen leiden, schaffen es diese durch die verschiedenen Suchtmittel zu „überspielen“. Das gelingt in erster Linie über unseren Dopaminhaushalt. Neben genetischen Veränderungen, die auf die Dopamin-Rezeptoren wirken und so die Wirkung von Dopamin abschwächen [1], gibt es auch hier ernährungs- und verhaltensbedingte Ursachen für eine eingeschränkte Dopamin-Wirksamkeit und die damit verbundenen Gefühle von fehlender Motivation und mangelnder Lust auf das Leben. Die Gefahr aufgrund von Depressionen von irgendetwas abhängig zu werden, ist relativ hoch. Es soll sogar Menschen geben, die suizidal werden, nachdem sie mit dem Rauchen aufgehört haben. Das „Geheimnis“ hinter der Sucht ist genau dieser Neurotransmitter Dopamin.

Die Dopamin-Synthese

Dopamin-SyntheseDopamin gehört zur Gruppe der Katecholamine und bildet den Vorgänger für die beiden anderen Katecholamine Adrenalin und Noradrenalin, die in der Stressreaktion wichtig sind. Auch für Dopamin ist der Ausgangsstoff Nahrungseiweiß, genauer die Aminosäure Phenylalanin, die in einem mehrstufigen Prozess zu L-Tyrosin, L-DOPA zu Dopamin und im weiteren Verlauf zu Noradrenalin und Adrenalin umgewandelt werden kann. Wie auch bei Serotonin, sind für diesen Prozess eine Reihe von Nährstoffen notwendig, die wir über die Nahrung aufnehmen. Für Dopamin brauchen wir neben einer ausreichenden Eiweißzufuhr und insbesondere Zufuhr an Phenylalanin aber noch ein paar mehr Mikronährstoffe, die die Umwandlung in Dopamin als Neurotransmitter und Adrenalin bzw. Noradrenalin als Stresshormon überhaupt erst ermöglichen.

Wie du in der Grafik des Syntheseweges nebenstehend sehen kannst, sind das vor allem die B-Vitamine, Magnesium, Mangan, Eisen, Kupfer, Zink und Vitamin C. Insbesondere Folsäure (ein B-Vitamin) und Eisen bildet für viele Erwachsene einen Engpass, der die Synthese grundsätzlich behindern kann. Ein Mangel an beiden Nährstoffen ist in Deutschland weit verbreitet. (Zur Erinnerung: 58% der Frauen nehmen nicht genug Eisen auf und 86% nicht genügend Folsäure – gemessen an den sehr niedrigen Grenzwerten der DGE.)

Auch hier spielt Stress wieder eine wichtige Rolle, denn Adrenalin und Noradrenalin werden für die Stressreaktion gebraucht, d.h. die Synthese wird bei anhaltendem Stress vermehrt ausgeführt. (Was vielleicht auch erklärt, warum manchen Menschen im Stress glücklich und zufrieden sind?)

Darüber hinaus ist in diesem Syntheseprozess noch eine Substanz zu finden, die einen anderen wichtigen Hormonkreislauf beeinflusst. Die Aminosäure L-Tyrosin. Sie ist der Vorgänger des Schilddrüsenhormones L-Tyroxin. L-Tyrosin gilt deshalb als die Aminosäure, die am meisten Energie liefert, denn die Schilddrüse ist wesentlich an unserem Energie- und Hormonhaushalt beteiligt.

Die Aminosäuren L-Phenylalanin und L-Tyrosin sind vor allem in tierischen Lebensmitteln in größerer Menge vorhanden. L-Phenylalanin ist essenziell und muss mit der Nahrung aufgenommen werden. Phenylalanin/L-Tyrosin findet sich in Fleisch und Schinken (ca. 800mg/100g) und besonders in Käse. Am Tyrosin-reichsten ist Parmesan mit 1.750mg/100g, aber auch Brie und Camembert (ca. 1.300mg/100g), Gouda und Edamer (ca. 1.400mg/100g) können sich sehen lassen. Auf der pflanzlichen Seite sind Mandeln, Cashews und Haferflocken besonders Phenylalanin-reich. Sie kommen jedoch meist in der üblichen Verzehrmenge nicht an den Gehalt in tierischen Lebensmitteln heran.

Woran erkennt man einen Dopamin-Mangel?

Ähnlich wie bei Serotonin, ist ein Mangel an Dopamin labordiagnostisch im Prinzip nicht zu erfassen. Ein ziemlich sicheres Zeichen für einen gestörten Dopamin-Haushalt sind sämtliche Arten von Sucht. Sucht – egal ob Magersucht, Zucker, Weißmehl oder Alkohol – löst in all seinen Varianten einen Dopaminschub aus. Aus diesem Grund kommen wir so schlecht gegen unsere Suchtmittel an, wenn uns das nicht bewusst ist und wir wissen, wie wir gegensteuern können. Wie in dem Video im ersten Teil dieser Artikelserie zu sehen ist, brauchen wir das Suchtmittel noch nicht einmal zu konsumieren. Im Falle von Zucker führt allein die Erwartung des Zuckers, also dessen Anblick, schon zu einer Reaktion des Belohnungssystems und damit zur Dopaminausschüttung [2]. Bei rund 75% der Alkoholiker scheint zudem eine genetische Disposition zu einer abgeschwächten Wahrnehmung von Dopamin zu führen [1].

Weitere Anzeichen sind fehlende Motivation, Lustlosigkeit, mangelnder Antrieb, Konzentrationsschwierigkeiten, eine verminderte Libido und anhaltende Müdigkeit.

Letztere steht auch in Verbindung mit einer Schilddrüsenunterfunktion. Hier wäre ein exzessiver Kaffeekonsum ein Zeichen für mangelnde Energie und den Bedarf für mehr Tyrosin in der Ernährung bzw. eine Überprüfung des Verdauungsapparates und der Schilddrüsenfunktion. Auch bei Alkoholentzug ist eine vorübergehende Supplementierung mit L-Tyrosin sinnvoll, da der Entzug die Schilddrüsenfunktion über einige Wochen herabsetzen kann [3], [4], was zu extremer Müdigkeit führen kann und das Rückfallrisiko erhöht.

Zudem kann durch Stress (Krankheit, Sport etc.) ein Mehrbedarf für die Aminosäuren entstehen.

Aminosäuren und Nährstoffe als Ersatz für Wein, Schokolade und Kaffee

Wie immer steht am Anfang natürlich eine Umstellung der Lebens- und Ernährungsgewohnheiten. Es ist wünschenswert Stress zu reduzieren, für Bewegung und ausreichend Tageslicht zu sorgen und die Ernährung auf eine natürliche Paleo/Primal Low-Carb Ernährung anzupassen, bevor Nahrungsergänzungsmittel genutzt werden. Auch das Erreichen von kleinen (Tages)Zielen und Sport fördert die Dopaminausschüttung und kann entsprechend Glücksgefühle fördern.

Therapeutisch werden bei den oben genannten Beschwerden die Aminosäuren (D)L-Phenylalanin und L-Tyrosin eingesetzt. Beide können den entsprechenden Syntheseprozess und die Schilddrüsenfunktion unterstützen und Beschwerden in relativ kurzer Zeit beheben. Ähnlich wie bei L-Tryptophan kann die Aminosäure als Pulver unter der Zunge in rund 10-15 Minuten Erleichterung verschaffen.

L-Phenylalanin/L-Tyrosin sollte immer getrennt von den Mahlzeiten mit mindestens einer Stunde Abstand genommen werden.

Die Dosierungsempfehlungen unterscheiden sich von Autor zu Autor und müssen individuell im Versuch ausgetestet werden. Sinnvoller Weise lässt du dich dabei von einem kundigen Arzt oder Heilpraktiker unterstützen. Sobald Herzrasen, Kurzatmigkeit oder Durchfall einsetzen, sollte die Dosis reduziert bzw. das Präparat abgesetzt werden.

Beide Aminosäuren sollten nicht angewendet werden, wenn du bereits medikamentös für eine Schilddrüsenunterfunktion behandelt wirst und L-Tyroxin bekommst. Phenylalanin/L-Tyrosin sollte nicht bei Bluthochdruck, Migräne, manischen Depressionen und bipolaren Störungen, Schilddrüsenüberfunktion und Melanomen genutzt werden.

Julia Ross empfiehlt in ihrem Buch „The Diet Cure“ bis zu drei Mal täglich vor dem Frühstück und zwischen den Mahlzeiten zwischen 500mg und 1500mg, wobei mit der niedrigsten Dosis begonnen werden sollte [5]. Chaitow hingegen bezieht sich nur auf Phenylalanin und dosiert bei Depressionen zwischen 100mg und 500mg täglich für bis zu zwei Wochen [6].

Die Aminosäure DL-Phenylalanin hat zudem eine schmerzlindernde Wirkung und kann mit Dosen zu 750mg (DLPA) oder 400mg (DPA) bis zu dreimal täglich genutzt werden.

In der Wissenschaft war die Wirksamkeit von Tyrosin und Phenylalanin bereits in den 80er Jahren gut untersucht und gilt als ebenso wirksam wie eine medikamentöse Therapie mit Imipramin, einem Antidepressivum [7], [8], [9].

Neben einer möglichst nährstoffreichen Ernährung ist es im Einzelfall sinnvoll therapeutisch die für die Dopamin/Adrenalin-Synthese notwendigen Nährstoffe zusätzlich zu supplementieren. Die aktuelle Nährstoffversorgung kann im Vorfeld über eine Vollblut-Untersuchung abgeklärt werden.

 

So, das waren die wichtigsten Fakten zum Thema Dopamin und Depressionen. Wenn du Fragen dazu hast, kannst du mir gern schreiben bzw. deinen Arzt oder Heilpraktiker kontaktieren. Orthomolekular Mediziner kennen sich besonders gut mit diesen Themen aus.

Im nächsten Beitrag möchte ich die Rolle der B-Vitamine noch einmal konkreter beleuchten. B-Vitamine sind nicht nur unwahrscheinlich wichtig, sondern ein Mangel an B-Vitaminen, besonders Folsäure, steht auch in sehr engem Zusammenhang mit Depressionen und auch Schizophrenie.


Referenzen

[1]      J. M. Larsen, Seven weeks to sobriety – the proven program to fight alcoholism through nutrition, 1st ed. New York: The Random House Publishing Group, 1992.

[2]      UCTVPrime, “The Skinny on Obesity (Ep. 4): Sugar – A Sweet Addiction – YouTube,” YouTube, United States of America, 2012.

[3]      A. Baumgartner, H. Rommelspacher, M. Otto, L. Schmidt, I. Kürten, K. Gräf, A. Campos-Barros, and W. Platz, “Hypothalamic-pituitary-thyroid (HPT) axis in chronic alcoholism. I. HPT axis in chronic alcoholics during withdrawal and after 3 weeks of abstinence. – PubMed – NCBI,” Alcohol Clin Exp Res., 1994.

[4]      D. Hermann, A. Heinz, and K. Mann, “Dysregulation of the hypothalamic-pituitary-thyroid axis in alcoholism,” Addiction, vol. 97, no. 11, pp. 1369–1381, Nov. 2002.

[5]      J. Ross, The Diet Cure – the 8-step program to rebalance your body chemistry and end food cravings, 2. Auflage. New York: Penguin Books, 2012.

[6]      L. Chaitow, Amino Acids in Therapy, 1. Auflage. Rochester, Vermont: Healing Arts Press, 1988.

[7]      H. Beckmann, D. Athen, M. Olteanu, and R. Zimmer, “DL-phenylalanine versus imipramine: a double-blind controlled study.,” Arch. für Psychiatr. und Nervenkrankheiten, vol. 227, no. 1, pp. 49–58, Jul. 1979.

[8]      J. Mouret, P. Lemoine, M. P. Minuit, and N. Robelin, “[L-tyrosine cures, immediate and long term, dopamine-dependent depressions. Clinical and polygraphic studies].,” Comptes rendus l’Académie des Sci. Série III, Sci. la vie, vol. 306, no. 3, pp. 93–8, Jan. 1988.

[9]      H. C. Sabelli, J. Fawcett, F. Gusovsky, J. I. Javaid, P. Wynn, J. Edwards, H. Jeffriess, and H. Kravitz, “Clinical studies on the phenylethylamine hypothesis of affective disorder: urine and blood phenylacetic acid and phenylalanine dietary supplements.,” J. Clin. Psychiatry, vol. 47, no. 2, pp. 66–70, Feb. 1986.