Mit einer Depression zu leben, ist so ziemlich das Bescheidenste, was einem passieren kann. Das Gefühl hat man jedenfalls dann, wenn man sie hat. Das Gefühl unendlicher Traurigkeit, das Gefühl nicht lachen zu können und das Gefühl, dass der Kopf komplett leer und emotionslos ist – ich wünsche es wirklich niemandem.

Leider sind Depressionen heute aber ziemlich weit verbreitet. Rund 20% der Deutschen erkranken einmal im Leben an einer Depression; etwa 5% sind es zu diesem Zeitpunkt. Das sind etwas mehr als 3 Millionen Menschen. Manche holen die depressiven Phasen immer wieder ein. Andere überdecken sie erfolgreich ein Leben lang mit den verschiedenen Suchtmitteln. Von Kaffee über Zigaretten bis hin zu Alkohol und Medikamenten helfen eine ganze Menge Wirkstoffe die dunklen Wolken im Kopf kurzfristig zu beseitigen.

Depressionen sind eine wirklich schwierige Sache und das Therapieangebot in Deutschland ist vorsichtig ausgedrückt mangelhaft. Außer psychologischer und in vielen Fällen auch medikamentöser Begleitung werden Betroffene kaum aufgefangen.

Was viele nicht wissen, ist, dass wir trotz all dem medizinischen Fortschritt nicht genau wissen, was Depressionen eigentlich sind. Wir haben (noch) keine Diagnoseverfahren außer der Anamnese und dem Arzt, der zuhört. Und wie sicher viele von euch erlebt haben, ist dafür in der ärztlichen Praxis keine Zeit. Stattdessen wird man nach 2 Minuten Leidensgeschichte mit Allgemeinplätzen über Jahreszeiten und Wetter abgetan. Oder man bekommt Medikamente. Egal wie groß die Überwindung ist, sich überhaupt Hilfe zu suchen, das Ergebnis ist meist unbefriedigend.

Auch wenn wir es nicht genau sagen können, was konkret denn nun eine Depression auslöst, so gibt es doch einige Hinweise. Ich möchte in der folgenden Artikelreihe näher auf das Thema eingehen und teilen, was ich in den letzten Jahren über die biochemische Komponente gelernt habe.

In meinem Verständnis sind Depressionen und depressive Phasen vor allem ein Signal für ein biochemisches Ungleichgewicht, dessen Ursache im Prinzip nie ein Mangel an Antidepressiva oder Gesprächsmöglichkeiten ist. Versteht mich nicht falsch, Gespräche helfen Traumata aufzuarbeiten und den eigenen Standpunkt, Gedanken und Gefühle zu überprüfen, die Perspektive zu wechseln und sich über verdrängtes klar zu werden, aber das bio-chemische Ungleichgewicht, das einer Depression zugrunde liegt, beseitigen sie nicht. Ähnlich ist es mit Antidepressiva. Sie greifen wie viele Medikamente in die Biochemie ein und blockieren Dinge, die unser Körper normalerweise aus gutem Grund ablaufen lässt. Hinzu kommt, dass diese Medikamente ein großes Risiko mit sich bringen. Die Nebenwirkungen können enorm sein und das Absetzen ein Horrortrip.

Trotzdem liegen wie bei so vielen anderen Zivilisationskrankheiten auch bei der Depression Ursachen zugrunde, die nicht im Geist, sondern im Körper und insbesondere im Gehirnstoffwechsel zu finden sind. Leider finden die entsprechenden Testverfahren und Behandlungsmöglichkeiten in Deutschland keine oder kaum Anwendung, obwohl sie mittlerweile in der Forschung sehr gut untersucht sind. Schon seit mehr als 30 Jahren wissen wir, dass Ernährung und bestimmte Nährstoffe eine Auswirkung auf unsere psychische Verfassung haben, aber leider tut sich auf diesem Gebiet nur sehr wenig.

Wir wissen, dass Depressionen nicht nur durch emotionalen, psychischen und physischen Stress verursacht werden, sondern auch, welche Auswirkungen dieser Stress auf unseren Körper und sämtliche Stoffwechselprozesse haben kann. Wenn unser Leben heute besonders stressig ist, dann bedeutet das auch, dass wir besonders viele Nährstoffe brauchen, um der Belastung Stand zu halten. Aber das Gegenteil ist der Fall. Unsere Ernährung wird tendenziell nährstoffärmer und auch das mediale Mantra, dass Deutschland kein Vitamin-Mangelland ist, kann bei genauerem Hinsehen nicht aufrechterhalten werden.

Ich schreibe das nicht gern, aber ich weiß wovon ich rede. Also möchte ich hier einmal einen kurzen Überblick über die möglichen bio-chemischen und ernährungsbedingten Ursachen einer Depression geben. Es gibt Wege aus der Depression und zwar ohne Antidepressiva zu schlucken.

Alles beginnt beim Zucker

Fast 700g Zucker verspeisen die Deutschen im Durchschnitt jede Woche (!). Hinzu kommen rund 1,8kg Getreideerzeugnisse (Mehlwert). Das sind durchschnittlich mehr als 350g Kohlenhydrate pro Tag. Man könnte meinen wir sind ein Volk von Bauarbeitern und Bauern ohne Maschinen, denn so viel Zucker braucht in unserer heutigen Gesellschaft kein Mensch.

Eine mangelnde Kontrolle und Stabilität des Blutzuckers ist deshalb auch eine der für uns bedeutendsten Ursachen für die verschiedensten Formen mentaler Störungen. Starke Blutzuckerschwankungen führen nachweislich zu so vielfältigen Symptomen wie Müdigkeit, Reizbarkeit, Schlaflosigkeit, Vergesslichkeit, Schwindel, Schweißausbrüchen, Weinkrämpfen, Verdauungsstörungen und eingeschränkter Sehfähigkeit.

Das Gehirn ist auf vielfältige Weise von einer stabilen Energieversorgung in Form von Glukose oder Ketonkörpern abhängig. Starke Blutzuckerschwankungen, wie sie durch eine zucker- und kohlenhydratreiche Kost zustande kommen, führen unweigerlich zu Situationen in denen das Gehirn nicht ausreichend mit Energie versorgt werden kann.

Es ist also nicht verwunderlich, dass Hypoglykämie (Unterzuckerung) mit aggressivem Verhalten, Angstzuständen, Hyperaktivität, Depressionen, Essstörungen, Erschöpfung und Lernschwierigkeiten in Verbindung gebracht werden kann [1]. In diesem Zusammenhang sei auch erwähnt, dass Depressionen mit Übergewicht und dem metabolischen Syndrom in Verbindung gebracht werden können. In einer Untersuchung an 1.768 Mexikanern konnte festgestellt werden, dass der prozentuale Anteil an depressiven mit denen, die am metabolischen Syndrom erkrankt sind, nahezu deckungsgleich bei 44 bzw. 45% liegt und dass 43% der depressiven Erwachsenen übergewichtig sind [2].

Ein weiterer Aspekt des hohen Zuckerkonsums ist der Mehrbedarf an Vitaminen und Mineralstoffen, den der Verzehr großer Mengen Zucker mit sich bringt. Bei der Verstoffwechslung von Zucker benötigen wir nicht nur die für die mentale Gesundheit wichtigen B-Vitamine, sondern auch Chrom, das für einen stabilen Blutzucker sorgt. Während die Zuckerrübe noch Chrom enthält, geht dieser wichtige Mikronährstoff bei der Verarbeitung zu Industriezucker zu 98% verloren. Um den Zucker zu verarbeiten, müssen wir ihn also aus anderen Quellen wieder hinzufügen.

Die Nährstoff-Verbindung

Unter unseren Lesern gibt es  viele, die das Thema Zucker und Weißmehl bereits hinter sich gelassen haben und trotzdem oder gerade deshalb unter depressiven Phasen leiden. Letztlich ist Zucker ebenfalls ein Suchtmittel, das Auswirkungen auf unsere biochemischen Prozesse im Gehirn hat. Einer der Hauptwirkungen von Zucker und Weißmehlen – beides wird effektiv zu Glucose abgebaut und in den Blutkreislauf aufgenommen – ist die Ausschüttung des Neurotransmitters Dopamin. Dopamin, das neben Serotonin umgangssprachlich auch als eines unserer Glückshormone bezeichnet wird, folgt jeder Mahlzeit. Evolutionsbiologisch macht es Sinn, dass unser Körper uns mit Glücksgefühlen belohnt, wenn wir ihn ernähren. Das Problem bei Zucker ist jedoch, dass der Dopaminausstoß ähnlich wie bei allen anderen Suchtmitteln deutlich stärker ist, als das zum Beispiel bei Gemüse der Fall ist. Um uns gut zu fühlen brauchen wir diesen Maximalanreiz aber nicht, weshalb sich die Rezeptoren für Dopamin verringern und wir immer mehr der gleichen Substanz benötigen, um denselben Reiz zu schaffen. Das kann man sich ungefähr so vorstellen:

synapsen-zucker

Je weniger Dopamin wir also wahrnehmen, desto motivationsloser werden wir, denn Dopamin ist ein wichtiger Signalgeber für unsere Motivation. Soweit zu Teil eins der Theorie, die der Zuckerforscher und Autor Dr. Lustig vertritt [3].

Seiner Ansicht nach ist es aus diesem Grund kaum möglich ohne kalten Entzug und eine depressive Phase auf Zucker zu verzichten. Es mangelt nicht an Willenskraft, sondern der biochemische Reiz ist schlicht so groß, dass man auch mit gesundem Menschenverstand nicht dagegen ankommt. Wie bei allen anderen Suchtmitteln auch. Es ist leicht gesagt, dass man doch einfach aufhören soll dies und jenes zu konsumieren. Aber so einfach ist das meist nicht, denn die Sucht hat oft einen tieferen Grund, der gefunden werden muss.

Produktionsweg der Neurotransmitter

Die zweite Perspektive, die wir auf die Wirkung von Serotonin und Dopamin im Gehirn haben können, ist der Weg der Produktion der beiden wesentlichen Neurotransmitter. Wie viele Substanzen in unserem Körper, müssen sie erst hergestellt werden. Dafür braucht es eine ganze Reihe von Nährstoffen, darunter Aminosäuren, Vitamine und Mineralstoffe.

Ich möchte hier dazu nur einen kurzen, vereinfachten Überblick geben. In den folgenden Artikeln gehe ich dann konkreter auf die einzelnen Bausteine und die Synthese der Neurotransmitter ein.

Im Wesentlichen werden die beiden Neurotransmitter Dopamin und Serotonin aus den beiden essenziellen Aminosäuren Tryptophan und Phenylalanin gebildet. Für den Prozess bis zum wirksamen Neurotransmitter braucht es alle B-Vitamine, das Antioxidans Vitamin C und den Mineralstoff Zink. Im zweiten Schritt werden die Methylgruppen-Spender TMG (tri-methyl-glycine) und SAMe (s-adenosyl methionine) benötigt. Die essenziellen Fettsäuren und insbesondere die Omega-3 Fettsäuren verbessern letztlich die Aufnahme der Neurotransmitter.

 

Nährstoffe-für-Neurotransmitter

Vereinfachte Darstellung Neurotransmitter-Synthese, adaptiert nach Holford, P. [1]

Wie wir sehen, kann man auf diese Prozesse mit Reden allein keinen Einfluss nehmen. Auch die Verhaltenstherapie kann hier direkt nicht eingreifen, sofern sie nicht auch Kochen lehrt. Helfen diese am weitesten verbreiteten Methoden also nicht, wird vor allem medikamentös behandelt.

SSRI Antidepressiva wirken, indem sie die Wiederaufnahme von Serotonin verhindern und dadurch die Wirkung von Serotonin in der Synapse verstärken. Das Problem ist, dass diese Medikamente bei rund einem Viertel der Patienten ungewünschte Nebeneffekte haben. Bei einer Minderheit bedeuten die Reaktionen sogar eine starke Beeinträchtigung. Eine alternative Behandlungsmöglichkeit wäre es also, die Synthese von Serotonin und Dopamin mit Nährstoffen zu unterstützen.

Ob und wie das funktioniert ist dann Thema des nächsten Artikels.


Referenzen

[1]      P. Holford, “Invited papers Depression : The Nutrition Connection,” Prim. Care Ment. Heal., vol. 1, pp. 9–16, 2003.

[2]      S. L. McElroy, “The epidemic of depression with obesity.,” J. Clin. Psychiatry, vol. 76, no. 10, pp. e1340–2, Oct. 2015.

[3]      UCTVPrime, “The Skinny on Obesity (Ep. 4): Sugar – A Sweet Addiction – YouTube,” YouTube, United States of America, 2012.