Ursprünglich hatte ich nicht vor, weiter über das Thema psychische Erkrankungen und den Umgang damit zu schreiben. Es gibt bessere Blogs, die sich dem Thema widmen, wie z.B. My Free Mind Blog von Monika, den ich sehr schätze.

Auf der anderen Seite gab es eine große Nachfrage für das letzte Webinar, was mir zeigt, dass das Thema interessiert. Ich möchte diesen Beitrag deshalb schreiben, um meine Serie „Depressionen natürlich behandeln“ auf der Seite als Ressource für Betroffene und Interessierte zu ergänzen und das, was ich auf dem Weg mit diesem Thema gelernt habe, vervollständigen.

Depressionen, Trauer und das ganz normale Leben unterscheiden

Das Gefühl einer Depression mit Worten einzufangen, ist das schwerste, was ich je versucht habe. Wenn ich von Depressionen spreche, dann geht es keineswegs darum, dass sich jemand traurig oder lustlos, motivationslos oder  missmutig fühlt. Depressionen haben mit Trauer, schlechter Laune oder dem Gefühl, heute keine Lust oder Kraft zu haben, nichts zu tun. Überhaupt nichts. Wirklich gar nichts.

Wir alle haben diese Tage, an denen wir erschöpft sind, eine Pause brauchen, Ruhe haben müssen, um zu regenerieren. Nicht jeder Tag steckt voller Motivation und manchmal dauert auch die Phase, in der wir weniger schaffen als sonst, etwas länger an. Das ist normal. Das ist aber keine Depression. Das ist der Wahnsinn unserer Zeit, der auch schon vor über hundert Jahren als solcher begriffen wurde.

Trauer ist keine Depression

Beginnen wir mit Trauer als lähmendem Gefühl. Trauer ist eine völlig normale Reaktion auf Verluste, die jeder von uns in seinem Leben erleiden muss. Trauer tut weh. Sie zerreißt einen vielleicht sogar innerlich – gefühlt auf jeden Fall. Trauer verursacht sogar körperliche Schmerzen. Und man ist in der Lage, den Schmerz oder die Verzweiflung zu fühlen.

Es gibt keine Regel für Trauer, wie sie funktionieren muss und auch nicht dafür, wie lange sie anhalten darf. Zu trauern ist legitim und individuell. In meinen Augen gibt es niemanden, der beurteilen darf, wie lange und wie intensiv du trauerst. Es ist einzig dein Gefühl und dein Verstand. Meine Urgroßmutter hat nach dem Tod ihres Mannes ihre schwarze Trauerkleidung nie wieder ausgezogen (früher trug man ein Jahr schwarz). Das erschien vielen seltsam. Für sie war es richtig. Für gewöhnlich lässt die Trauer aber nach und man ist wieder in der Lage Auswege zu suchen, das Leben anzunehmen, neu zu gestalten und weiter zu machen.

In den Medien wird in den letzten Jahren immer einmal wieder davon gesprochen, dass es nicht normal ist, länger als einen Zeitraum X zu trauern. Alles was darüber hinausgeht, ist eine Depression. Ich halte das für grundlegend falsch. Trauer hat mit einer Depression nichts zu tun. Trauer muss erlaubt sein und ich frage mich eher, ob wir nicht unsere Trauerkultur verloren haben, wenn wir Menschen nicht zugestehen über Verluste zu trauern.

Überforderung ist (noch) keine Depression

Das nächste Gefühl, das keine Depression ist, ist das Gefühl der Überforderung oder Überlastung. Das Gefühl, dass einem alles zu viel wird, dass man sich übernommen hat und, dass das Leben so, wie es geführt wird, ziel- und sinnlos ist, überkommt in der modernen Welt eine Menge Leute.

Arbeiten, betäuben, schlafen – das ist eher die Regel als die Ausnahme. Für viele Menschen ist der zentrale Punkt des Tages, die Arbeit, ein unbefriedigendes und sinnloses Unterfangen geworden. Arbeitsplatz-Bedingungen, die gerade so den gesetzlichen Vorgaben entsprechen, Computersysteme, die nicht funktionieren, Führungskräfte, die nicht in der Lage sind zu führen und Personaleinsparungen, die mehr Last auf den Schultern des Einzelnen hinterlassen, sind Probleme, mit denen sich viele heute konfrontiert sehen. Das ist unbefriedigend und für den ein oder anderen bedeutet das ein hohes Maß an Frust und Hilflosigkeit.

Der Großteil der Probleme, die Menschen heute haben, sind aber gar nicht unbedingt Probleme, die das Berufsleben mit sich bringt. Die größten Probleme halsen wir uns selbst außerhalb davon auf. Wir übernehmen uns finanziell, weil wir meinen, alles, was die Werbung uns vorhält konsumieren zu müssen. Wir treffen langfristige Entscheidungen (Kinder, Haus, große Urlaube…), ohne uns bewusst zu sein, welche Folgen das für die weitere Gestaltung unseres Lebens hat. Eine alleinerziehende Mutter hat ein Großprojekt umzusetzen, nämlich das Kind zu einem verantwortungsvollen Erwachsenen zu erziehen. Sie kann nicht die gleichen Dinge tun, die eine alleinstehende Frau oder ein Paar mit doppeltem Einkommen tun kann. Das klingt banal, aber es ist heute nicht mehr selbstverständlich.

Verschiedene Leben auf einmal führen zu wollen, das Beste aus allen Welten zu suchen, das führt automatisch zu Überforderung. Das Leben wird zu viel, zu unübersichtlich, zu belastend. Wer sich in diesem Zustand befindet, der kann Entscheidungen treffen, die sein Leben zu verändern. Dazu gehört ein bisschen Reflektion, Wahrnehmung und ein Plan. Oder einfach nur gesunder Menschenverstand. Es bedeutet die Säulen der Gesundheit – Schlaf, Licht, Natur, Bewegung, Ernährung, soziale Kontakte und in dem Fall auch solide Finanzen – auf sichere Beine zu stellen. Man kann sich bewusst am Riemen reißen, wie meine Mutter so schön sagen würde.

Ähnliches ist möglich, wenn wir unseren Körper und unseren Geist durch eine hochgradig künstliche Lebensweise belasten und überlasten. Nährstoffarme, billige Ernährung, mangelnde Bewegung, sinnbefreite Arbeit, destruktive Gedankenmuster, fehlende Natur- und Sozialkontakte, ständiger Aufenthalt in geschlossenen Räumen und das Smartphone immer vor der Nase – das hält kein Körper auf Dauer aus. Nicht selten kommen alle möglichen Medikamente dazu, die ihr übriges tun.

Hält der Zustand der Überforderung und Überlastung für einen längeren Zeitraum an oder wird ignoriert, kann daraus eine Depression oder ein Erschöpfungszustand entstehen. Der Körper und der Geist brechen wortwörtlich unter der Last zusammen. Dieser Zustand ist mit gesunden Gedanken allein nicht mehr zu retten. Er ist durchaus vor allem körperlicher, d.h. biochemischer Natur.

Depressionen – das Gefühl tot zu sein

Eine Depression ist das Gefühlt tot zu sein – in einem Körper, der lebt. Ich vermeide bewusst die Formulierung eines lebenden Körpers. Denn es ist nur ein Körper, der lebt. Es ist nicht Trauer, Verzweiflung über das Leben, das Gefühl der Alternativlosigkeit oder ähnliches.

Depressive wären froh, wenn sie diese Gefühle hätten, aber sie können sie nicht mehr haben, denn sie sind emotional tot. Einige Depressive weinen viel, aber nicht weil sie traurig sind, sondern weil es der einzig mögliche Gefühlsausdruck ist. Depressionen zu haben, bedeutet in meinen Augen nichts mehr zu fühlen. Keine Liebe, keine Freude, keine Dankbarkeit für die kleinsten Dinge, keine Trauer, keine Verzweiflung, keine Erschöpfung, sondern einfach nichts. Man steht morgens auf und tut unter größter Anstrengung das, was man tun soll. Es fühlt sich nach nichts an. Jeder Handschlag ist unglaublich anstrengend, aber ansonsten gänzlich emotionslos. Ein eingeschränktes Funktionieren – bis es vielleicht nicht mehr geht. Die Gedanken kreisen zu großen Teilen um die Sinnlosigkeit des Daseins, vielleicht sogar um Suizid. Viel Schlaf ist die Flucht in das ersehnte „nicht mehr Dasein“. Im Zustand der Depression ist es nicht mehr möglich sich zusammen zu reißen, gute Gedanken zu entwickeln oder zu funktionieren.

Das Umfeld leidet mit, leidet auch darunter, aber ist im besten Fall in der Lage die Situation auszuhalten und da zu sein. Manche bekommen gute Ratschläge: Er oder sie müsste doch nur… Aber das ist für den Betroffenen nicht mehr möglich. Im Gegenteil: je größer der Druck von außen, dass man etwas müsste, desto mehr zieht sich der Depressive zurück, verschließt sich, schläft sich weg aus dieser überfordernden Welt.

Ich glaube nicht, dass es für jemanden, der noch nicht in dieser Situation war, nachvollziehbar ist. Und ich glaube auch nicht, dass jemand, der das nicht erlebt hat, besonders gute Tipps dafür geben kann, wie man damit umgeht. Selbst für Angehörige ist es das nicht. Sie sitzen meist hilflos daneben und können nichts tun außer da zu sein, selbst stark zu sein für jemanden, der im Augenblick nichts mehr kann. Das ist für Depressive übrigens das wichtigste: dass das Umfeld sich nicht abwendet und keinen Druck aufbaut, sondern einfach da ist.

Wie kommt man aus der Depression

Nichts auf der Welt ist dem Menschen mehr zuwider, als den Weg zu gehen, der ihn zu sich selber führt.  Hermann Hesse, Demian

Mein Erklärungsmodell für Depressionen und andere psychische Beschwerden basiert natürlich in erster Linie auf eigener Erfahrung und Beobachtungen im Umfeld, Literatur usw. Kein Zweifel, dass das nicht das ist, was im klinischen Alltag erlebt wird. Auch, weil dort weder Zeit noch Anreiz für holistische Betrachtungsweisen da sind. Ein Psychologe wird den Fehler nur in der Gedanken- und Gefühlswelt suchen, ein Psychiater in der Biochemie. Ein Heilpraktiker wird vielleicht noch ein paar Naturheilverfahren kennen.

In meinen Augen ist es wichtig zu verstehen, dass die Depression ein Zustand eines überlasteten oder aus der Balance geratenen Körpers ist, der durchaus reversibel ist. Je nachdem, was die Ursache der Depression ist, gestaltet sich der Weg zur Genesung. Ich weiß, dass viele Betroffene und Autoren das anders sehen. Ich weigere mich, die Depression als Krankheit zu begreifen, sondern sehe sie als Dysbalance, als Mangelzustand eines vernachlässigten Körpers. Immer häufiger setzt sich auch die Ansicht durch, dass es sich um einen Entzündungszustand des Körpers handelt. (Da viele Depressive außerhalb der depressiven Phasen sehr intelligente und produktive Menschen sind, glaube ich auch nicht, dass es ein Mangelzustand des Geistes ist. Was auch immer Geist in einem biochemischen Wesen bedeutet.) Depressionen sind für mich keine Krankheit, sondern ein Zustand.

„Zustände reagieren nämlich auf den Lebensstil. Diese moderne Sichtweise nennt man Epigenetik.“ Dr. Strunz

Ich habe in anderen Beiträgen über die Möglichkeiten der Aminosäure-Therapie geschrieben, die, im Gegensatz zur äußerst ungewissen medikamentösen Therapie, ein valides Mittel darstellt, dem Gehirn das zu geben, was es braucht, um wieder Emotionen zu produzieren.

Die Aminosäure-Therapie ist ein Sprungbrett dafür, die Dinge, die verändert werden müssen, in Angriff zu nehmen. Sie verändert Emotionen und erweckt das Gehirn zum Leben. Sie ist nicht die dauerhafte Lösung, sondern der erste Schritt in ein neues Leben. Es gilt, den eigenen Körper verstehen zu lernen und zu begreifen, was schief läuft. Das kostet Kraft und Überwindung und Mut – da führt leider kein Weg dran vorbei.

So wie die Depression nie ein Zeichen für zu wenige Medikamente ist, so ist sie auch nicht unbedingt ein Zeichen für eine eiweißarme Ernährung, die durch Aminosäuren behoben werden kann. Es spielen immer verschiedene Bausteine eine Rolle. Es ist ein Puzzlespiel, in dem die psychische Stabilität im Zentrum steht.

Mens sana in corpore sano – ein gesunder Geist in einem gesunden Körper 

Wer zu Depressionen oder Erschöpfungszuständen neigt, kommt nicht umhin sein Leben zu ändern, damit dieser Zustand nicht wieder eintritt. Er hat einen besonderen Körper mit besonderen Bedürfnissen. (Nicht jeder Mensch reagiert auf den gleichen körperlichen Zustand mit den gleichen Beschwerden. Das ist eines der Hauptargumente gegen die Serotonin-Theorie als Erklärungsmodell für Depressionen. Nicht jeder in einer tryptophanfreien Ernährung entwickelt eine Depression. Genauso wie nicht jeder mit Allergien zu Depressionen neigt.) Er muss seinen Körper nähren und ihm die nötige Pflege zukommen lassen, die er braucht. Es bedeutet Arbeit an den Säulen der Gesundheit über das Überwinden der aktuellen depressiven Phase hinaus. Und genau hier liegt meist der Hund begraben, denn die Maßnahmen, die geholfen haben werden oft abgebrochen, wenn es den Betroffenen wieder besser geht.

Säulen der Gesundheit

Die Verhaltenstherapie liefert, genau wie die Ordnungstherapie, sehr richtige Lösungen für einen gesunden Geist. Sie sind nützlich, aber sie funktionieren beide nicht wie Medikamente, die irgendwann abgesetzt werden können und dann alles wieder im alten Trott laufen kann. Im Gegenteil. Sie sind Mittel zur Gesunderhaltung des Körpers und des Geistes und müssen lebenslang praktiziert werden.

Womit wir wieder bei der größeren Frage wären, die unser Leben führt und uns dabei hilft genau diese Veränderungen umzusetzen: warum? Weitere Gedanken dazu findest du in meinem Artikel „Wie du schlechte Gewohnheiten hinter dir lässt