Nun geht es wieder los! Gute Vorsätze soweit das Auge reicht und nicht allzu wenige starten jetzt wieder in die alljährliche Diät-Odyssee, die nicht selten noch vor Karneval als netter Versuch stillschweigend zu den Akten gepackt wird.

Eine der beliebtesten Formen den ungeliebten Röllchen den Garaus zu machen, ist und bleibt die Methode Kalorien zu zählen, die Hälfte zu futtern (FDH) und sich in eiserner Willenskraft durch die nächsten Wochen zu schleppen. Wenn du dazu gehörst, solltest du dir jetzt unbedingt eine Stunde Zeit nehmen, diesen Artikel und dann diese ganze Webseite lesen. Am besten fängst du hier an und meldest dich dann direkt zum E-Mail-Coaching an.

Friss‘ die Hälfte und beweg dich mehr – wenn du krank werden willst

FDH und Sport – nie werden Ernährungsberater müde, diese einfache und so eingängige Strategie herunter zu beten. Und nie war die Menschheit erfolgloser darin als heute. Immerhin klappt es bei weit über 50% der Deutschen nicht. An jeder Ecke lauert die böse Versuchung und auch dieses Jahr warnen die Experten wieder davor, nicht ausreichend Vollkornbrot zu essen. Das ist schließlich so unwahrscheinlich wichtig, dass selbst Adolf einen eigenen Reichsvollkornbrotausschuss hatte (ja, im Ernst!). Vollkornbrot und ein eiserner Wille – das ist so sicher wie das Amen in der Kirche – das funktioniert, nicht. Und genau deshalb ist das ungefähr dein 297.Versuch abzunehmen. Und er ist auch diesmal wieder zum Scheitern verurteilt, wenn du nicht vernünftig isst und dir zudem die nächsten 3 Wochen auf dem Crosstrainer die Seele aus dem Laib strampelst. Und dann scheiterst du wieder, weil du glaubst, dir fehle die Willenskraft. Aber dem ist nicht so. Wirklich nicht.

Seit mehr als 70 Jahren ist bekannt, dass die Einschränkung der Kalorien, der damit verbundene Hunger und intensive körperliche Belastung vor allem zu einem führen: Wahnsinn und kranken Obsessionen zum Thema Essen. Aber fangen wir von vorn an, ok?

„Hungrigen Menschen kann man Demokratie nicht lehren. Über den Willen von Menschen zu sprechen, wenn man ihnen nichts zu essen gibt, ist absoluter Blödsinn.“ Ancel Keys

Wir schreiben das Jahr 1944. Die Welt – nicht ganz so schwarzweiß, wie wir uns das heute vorstellen – liegt in Trümmern. Der Krieg in Europa ist weiter in vollem Gange und in Amerika, auf der anderen Seite des Teiches, malt man sich aus, wie die Weltordnung aussehen könnte, wenn der Krieg endlich ein Ende fände. Der amerikanische Finanzminister Morgenthau publiziert den nach ihm benannten Morgenthau-Plan, nachdem Deutschland nach Kriegsende nie mehr die Gelegenheit bekommen soll, mehr als ein Agrarstaat zu werden. Man überlegt sich, wie man das Territorium aufteilt und wer welches Stück vom Kuchen bekommt. Dieser Plan wird zu den Akten gelegt und taucht erstmal nicht wieder auf.

Zur gleichen Zeit treffen wir Ancel Keys – den meisten heute vor allem durch seine phantasievollen Studien zum Thema Herzgesundheit und Ernährung bekannt. Nachdem Keys eine Reihe von Abschlüssen in Politik, Biologie, Ozeanographie und Physiologie gesammelt hatte, war es zu Beginn der 40er Jahre Zeit für ihn, Karriere zu machen. Seine legendäre Laufbahn begann mit der Entwicklung der zu seinen Ehren benannten K-Rations, einem Paket aus Hartkeksen, Käse, Instantkaffee und Schokoriegeln, das gerade in die Hosentaschen amerikanischer Soldaten im zweiten Weltkrieg passte und ihnen die absolut nötigen 2.800 Kilokalorien für den Kampf liefern sollte. Allein 1944 wurden 105 Millionen dieser Pakete produziert und mit den Soldaten in den Kampf gegen Nazideutschland geschickt.1

Keys hatte seine Fähigkeiten also unter Beweis gestellt und begann nun seine wissenschaftliche Laufbahn mit einem Experiment, das heute so gruselig klingt, dass es auf lange Sicht das einzige in diesem Feld bleiben wird. Dennoch ist es sozusagen das Experiment, das bis heute unser Verständnis von Hunger und Gewichtsverlust prägt, wie kaum ein anderes.

Das Minnesota-Hunger-Experiment

Im ersten Weltkrieg gab es für amerikanische Kriegsdienstverweigerer nur zwei Optionen: Gefängnis oder Kampf. Das änderte sich im zweiten Weltkrieg, während dessen immerhin 44.000 Männer den Einsatz im Kampfanzug versagten. Das gerade erlassene Draft Law gab ihnen die Möglichkeit dazu, auch wenn sie – ganz amerikanisch – für ihre Verweigerung gesellschaftliche Ächtung ertragen mussten.

„Es ist schwer zu verstehen, wie tief der Glaube an den Frieden gewesen sein muss, um diesen Standpunkt im zweiten Weltkrieg, der fast überall als gerechte Sache angesehen wurde, einzunehmen.“ schreibt der Historiker Todd Tucker2

Die meisten Verweigerer leisteten stattdessen Dienst an der „Heimatfront“ – Feuerwehr, Dienst im Krankenhaus und in psychiatrischen Einrichtungen – als 400 von ihnen die Broschüre mit dem Titel „Will you starve that they be better fed?“ (Wirst du hungern, damit sie besser ernährt werden können?) in die Hände fiel. Diese Broschüre, herausgegeben von Ancel Keys und seinen Kollegen an der Universität von Minnesota suchte nach Probanden für ein ethisch heute eher fragwürdiges Experiment. Die Wissenschaftler rekrutierten auf diesem Wege 36 Kriegsdienstverweigerer, die in einem 6-monatigen Hungerexperiment so ihren Beitrag zum Sieg auf dem anderen Kontinent leisten konnten. Die Plätze waren äußerst beliebt und die Teilnehmer bettelten trotz starker Beschwerden bis zum Schluss in der Studie zu verbleiben. Nur so, glaubten sie, hatten sie eine Chance ihr Gesicht zu wahren und ihre Ehre widerherzustellen.

Hungern für den Frieden

Die Studie war keine Bestrafung für die Verweigerer, sondern ein Versuch, sich auf die Folgen des Hungers in Europa nach dem zweiten Weltkrieg vorzubereiten. Sie dauerte insgesamt ein Jahr, wobei die Probanden zu Beginn für 3 Monate auf eine Einführungskost mit 3.500kcal gesetzt wurden, anschließend für 6 Monate systematisch ausgehungert wurden und dann für 3 Monate wieder aufgebaut werden sollten. Zusätzlich zu der rigiden Halbierung der Kalorienaufnahme auf 1.500 bis 1.600 kcal pro Tag, verteilt auf 2 Mahlzeiten, verrichteten die Teilnehmer täglich 15 Stunden schwere körperliche Arbeit im Kirchendienst und liefen rund 36 Kilometer pro Woche. Die Ernährung sollte das abbilden, was im kriegserschütterten Europa auf dem Teller lag: jede Menge Stärke und Kohlenhydrate aus Steckrüben, Kartoffeln und Vollkornbrot. Dazu Kohl.

Die körperlichen Konsequenzen des Hungerns ließen nicht lange auf sich warten. Keys und seine Kollegen dokumentierten akribisch, welche Auswirkungen eine so geringe Nahrungsaufnahme mit einem derartigen Bewegungspensum hatte. Das Gewicht der Probanden ging im Durschnitt um 24% zurück. Der Herzschlag verlangsamte sich von 56 auf nur knapp 38 Schläge pro Minute, während das Herzvolumen ebenfalls um 20% verringert wurde. Der Grundumsatz der Teilnehmer verringerte sich fast parallel zur Kalorieneinschränkung um 40%. Der sexuelle Trieb nahm ab, Haut und Haare wurden dünner, trockener und fielen aus.

„Wenn wir von einem Haufen Raufbolden attackiert werden, laufe um dein Leben. Ich bin zu schwach, um dich zu verteidigen.“ erinnert sich Henry Schollberg an ein Date zu dieser Zeit2

Die psychischen Folgen des Hungers

Studienteilnehmer Sam Legg, der sich später 3 Finger abhackte. Bis heute weiß er nicht, ob es Absicht oder ein Unfall war.

Neben den deutlichen körperlichen Auswirkungen, die der Hunger auf die Probanden hatte, stachen aber vor allem die psychischen Folgen der Nahrungsknappheit hervor. Folgen, die vielen von uns aus all unseren Diätversuchen durchaus bekannt vorkommen dürften. Apathie, Depressionen, anhaltende Müdigkeit, Reizbarkeit, schlechte Laune und immer wieder der Gedanke ans Essen.

„Wir wurden immer introvertierter, immer besorgter um unsere eigenen Probleme. Die Probleme der Welt haben uns nicht mehr interessiert. […] Unsere Gedanken kreisten nur ums Essen.“ sagte Bob Willoughby, einer der Teilnehmer später.

Die Teilnehmer bildeten alle möglichen Obsessionen rund ums Essen aus. Einer begann wie verrückt Kochbücher zu sammeln, als wären sie bannende Krimis. Ein weiterer beschreibt, dass es seine größte Freude war, anderen Menschen beim Essen zuzusehen. Man ging in Restaurants, bestellte sich Tee oder Kaffee und sah anderen beim Essen zu. Die Zusammenstellung des Essens spielte keine Rolle mehr, solange es nur ums Essen ging. Das vollständige Ablecken der Teller war an der Tagesordnung.

Ein weiterer Teilnehmer stürmte den Supermarkt – aber nicht, um Essen zu kaufen. Er stahl jede Menge von dem Gemüse, was er zweimal täglich zu essen bekam und fiel in einen Fressanfall. Das war das Ende seiner Teilnahme an dieser Studie.

Jo-Jo im Dienste der Wissenschaft

Die 6-monatige Hungerphase des Experiments endete im Juli 1945, knapp 2 Monate vor Ende des Krieges. Überaschenderweise war diese letzte Phase des Experiments für einige Probanden schlimmer als der Hunger selbst, denn die Kalorienzufuhr wurde für einige nur langsam erhöht. Die Teilnehmer, aufgeteilt in 4 Gruppen, erhielten in dieser Phase zwischen 1.800 und 4.150 kcal pro Tag. Die gedrückte Stimmung unter den Teilnehmern ließ sich dadurch aber für weitere 6 Wochen nicht verändern. Die psychischen Folgen hielten an. Sam Legg, einer der Teilnehmer, hackte sich in dieser Zeit an einem Sommernachmittag sogar drei Finger seiner linken Hand ab. Er hatte kaum Kraft die Axt zu halten, mit der er bei Bekannten etwas Holz für den Grill hacken wollte. Frieren und Kälte war selbst bei sommerlichen Temperaturen ein ständiger Begleiter.  Er kann bis heute nicht sagen, ob es ein Unfall oder Absicht war.

Die langsame Steigerung der Nahrungsmenge machte einigen schwer zu schaffen, andere „fraßen“ bis zum Ende des Experiments, was ihnen in die Finger kam. Als die Beschränkungen in der 13. Woche schließlich aufgehoben wurden, nahmen die Männer durchschnittlich fast 5.200 kcal pro Tag zu sich. Nach 3 Monaten hatten sie so viel Fettmasse zugelegt, dass sie ihr Ausgangsgewicht erreicht oder zum Teil sogar überschritten hatten. Der Aufbau der Muskelmasse, wie auch die Beseitigung der psychischen Folgen, brauchte deutlich länger. Einige berichteten später, dass sie über ein Jahr brauchten, um wieder gesund zu werden und ihr normales Gewicht zu erreichen.

Die Nachricht, dass der Krieg vorbei sei, ereilte die Männer im September 1945, also 2 Monate nach Beendigung der Hungerphase, beim Essen. Die stolzen Kriegsdienstverweigerer, für die der Gebrauch der Waffe nicht in Frage kam,  interessierte das nicht. Das Essen war wichtiger geworden als ethische Überzeugungen.

So grausam sie war, aber die Studie leistete letztlich keinen Beitrag zur Ernährungssituation im Nachkriegsdeutschland. Keys und seine Kollegen veröffentlichten die 2-bändige Abhandlung dazu erst 5 Jahre später im Jahr 1950. Sie gehört heute dennoch zu den Standardwerken zum Thema Hunger und seine Folgen auf den Menschen. Ethisch würde ein solches Studiendesign heute keine Ethikkommission mehr genehmigen. Oder doch? Immerhin hungern sich tausende und abertausende Frauen dieser Tage wieder zum Traumgewicht, nur, um in ein paar Wochen nahezu obsessiv wieder über Pizza und Schokolade herzufallen. Kommt dir das bekannt vor?

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Henry Scholberg kommentiert einen Stummfilm über das Experiment aus dieser Zeit.

Was wir aus dem Minnesota-Hunger-Experiment lernen

Die meisten von uns haben mittlerweile so viel Diäterfahrung, dass sie den Jo-Jo-Effekt zur Genüge kennen. Die 1.500 bis 1.600kcal pro Tag, zusätzlich zu einem rigiden Sportprogramm, liegen gut in dem Rahmen, den sich viele Menschen, angeheizt von der Propaganda der öffentlichen Institutionen, auch heute noch selbst auferlegen. Was ist, wenn das genau das ist, was man erreichen will? Menschen, die auch dann nicht aufhören zu essen, wenn die Chipstüte leer ist. Menschen, die sich selbst aushungern, nur um dann umso kräftiger am Supermarkt-Regal zuzulangen. Menschen, die krank, depressiv und schlecht gelaunt sind, weil sie so gute Kunden für Arzt und Co. sind – auch, wenn der nie richtig hilft.

Was ist, wenn Kalorienrestriktion unserem Körper das Signal gibt, dass es nun ans Verhungern, also an seine Existenz geht? Ist das nicht das, was wir tun sollen? Und wann hört dieser Quatsch endlich auf? Macht man uns mit dieser ach so wissenschaftlichen Ernährungslehre absichtlich willenlos? (Nein, ich bin kein Verschwörungstheoretiker, aber wenn man die Punkte verbindet, kommt man echt auf Gedanken sag ich dir…)

Wie die Kollegen auf der anderen Seite des großen Teiches, haben wir aus uns eine Nation aus Essgestörten gemacht, die sich alle Jahre wieder um Neujahr selbst kasteit, aushungert um dann völlig willenlos voll zuzuschlagen.

Und was ist, wenn es nicht um die Quantität, sondern vor allem um die Qualität der Nahrung geht? Was ist, wenn es um Nährstoffe inkl. Fett und Eiweiß geht, damit wir jeden einzelnen der 100.000 Stoffwechselvorgänge pro Sekunde und pro Zelle am Laufen halten? Damit unser Hormonsystem und unser Gehirn richtig funktioniert, wir einen starken Willen und eine starke Persönlichkeit haben? Und damit wir satt sind, auch wenn wir nicht „gefressen“ haben? Was, wenn Kalorien überhaupt keine Rolle spielen?

Man kann ja mal drüber nachdenken.


Referenzen und Bildquellen

How K-rations fed soldiers, saved businesses – San Antonio Express-News. http://www.mysanantonio.com/opinion/commentary/article/How-K-rations-fed-soldiers-saved-businesses-4327409.php. Accessed January 3, 2016.

American RadioWorks – Battles of Belief. http://americanradioworks.publicradio.org/features/wwii/a1.html. Accessed January 3, 2016.

The psychology of hunger. http://www.apa.org/monitor/2013/10/hunger.aspx. Accessed January 3, 2016.

Keys, Ancel, J. Brozek, A. Henschel, O. Mickelsen; H. Taylor. The Biology of Human Starvation. School os Public Health, 1950. University of Minnesota Press Minneapolis, MN.