Im ersten Artikel dieser kleinen Serie habe ich euch die Arbeit des Clevelander Zahnarztes Weston A. Price in den Grundzügen vorgestellt. Der zweite Artikel dieser Serie dreht sich ganz um den Aspekt der Fruchtbarkeit und Reproduktionsfähigkeit des Menschen und die Bedingungen, die Price bei seinen Reisen beobachtete. Wenn du die Artikel noch gelesen hast, lies sie doch zuerst.

In diesem Artikel geht es um die Schlussfolgerungen, die Weston A. Price aus seinen Beobachtungen der primitiven Völker in den verschiedensten Teilen der Welt für die Ernährung der Weißen gezogen hat. Es gibt noch so viele Aspekte in diesem Buch, die eigene Artikel begründen würden. Letztlich kann man 450 Seiten kaum auf 10 Seiten zusammen fassen. Ich möchte mich hier aber auf den Kern beschränken. Um der Ernährungsbeobachtungen besser zu verstehen, möchte ich an dieser Stelle nochmal kurz zusammenfassen, was denn die Nahrungsgrundlage der einzelnen Völker war. Vielleicht fällt dir beim Lesen auch schon etwas auf.

Die Kost der indigenen Völker

Die Schweizer des Lötschentals verspeisten vor allem Roggenbrot mit daumendicken Scheiben Rohmilchkäse; etwa einmal pro Woche Fleisch, typischerweise sonntags; etwas Butter und Rohmilch und zusätzlich etwas Gemüse. Letzteres im Sommer frisch und im Winter konserviert. Nach Price Analysen waren die Milchprodukte im Sommer besonders reich an Vitaminen und Mineralstoffen, wenn die Kühe auf den schnell wachsenden Weiden des Sommers grasen konnten.

Die Kelten auf den äußeren Hybriden lebten vor allem von Hafer und allem, was aus dem Meer kam. Hafer war so ziemlich das einzige pflanzliche Lebensmittel, das in den nördlichen Breiten und auf dem torfigen Boden wuchs. Haferbrei und Haferkekse waren quasi die Grundlage der Ernährung. Aus dem Meer kamen dazu Hummer, Krabben, Krebse, Austern, Fisch und Muscheln. Ein wichtiges traditionelles Gericht waren Kabeljauköpfe mit Hafer und zerkleinerter Kabeljau-Leber gefüllt. Gemüse spielte eine kleine Rolle und wurde vor allem im Sommer verspeist.

Die Eskimos in Alaska lebten erwartungsgemäß überwiegend von allem, was aus dem Wasser kam. Ihre Ernährung war reich an Innereien und anderen Teilen von verschiedenen Meerestieren, Fisch, Robbenfett, Robbenfleisch und Fischrogen, aber auch Rentier. Die Eskimos wählten die essbaren Teile mit Bedacht und Erfahrung. So gehörte zum Beispiel ein sehr Vitamin C-haltiger Teil der Haut von Walen dazu. Pflanzliche Nahrung gab es nur im Sommer. Preiselbeeren, Seetang, Blüten usw. wurden aber für die Wintermonate auch in Robbenfett für die Wintermonate haltbar gemacht.

Die Indianer der Rocky Mountains verzehrten im wesentlichen Wild (Elch und Rentiere), zusammen mit Baumrinden, Baumtrieben und ein paar Pflanzen im Sommer. Price fand, dass auch die Indianer großen Wert auf den Verzehr des ganzen Tieres legten.

Ich sah, dass die Indianer großen Wert auf den Verzehr der Organe der Tiere, inklusive der Wände von Teilen des Verdauungstraktes, legten. Das meiste Muskelfleisch der Tiere wurde an die Hunde verfüttert. Es ist auch bemerkenswert, dass es bei den Indianern des Nordens kaum Skelettfunde gibt. Die Überbleibsel waren nur als Haufen von Knochensplittern zu sehen, die aufgebrochen wurden, um an das kostbare Knochenmark und andere nahrhafte Bestandteile der Knochen zu kommen.[…] Ein wichtiger Bestandteil der Kinderernährung waren verschiedene Zubereitungen von Knochenmark als Ersatz für Milch und als spezielle Nahrungsergänzung. (Kapitel 14)

Mit anderen Worten. Innereien und Knochen spielten eine wichtige Rolle und das von uns bevorzugte Muskelfleisch diente vor allem als Futter für die kleinen vierbeinigen Begleiter.

Die Melanesier und die Polynesier im Südpazifik lebten vor allem von Meeresfrüchten und Fischen in Kombination mit Wurzelgemüse und tropischen Früchten. Besonders Taro, eine stärkereiche Wurzel, war zusammen mit Kokosnuss eine wichtige Nahrungsquelle. Ein traditionelles Gericht ist poi, das aus der gekochten, zermahlenen und mit Wasser zu Brei verarbeiteten Taro-Wurzel besteht.

Die Völker in Ost- und Zentralafrika waren vor allem von Süßkartoffeln, Bohnen, Mais, Linga-Linga (Quinoa) und Hirse als pflanzliche Nahrung abhängig. Stämme, die Zugang zum Wasser hatten, lebten zudem von Fisch und Meerestieren, Seetang und anderem. Solche im Binnenland jagten Wildtiere oder nutzten Ziegen und Rindvieh als Milch-, Blut- und Fleischlieferanten. Hinzu kamen Insekten – eine wertvolle Eiweißquelle, wie wir heute wissen. Dabei gab es aber nicht nur Heuschrecken, sondern auch Ameisen und Ameiseneier.

Eine andere Insektenquelle für Vitamine, die oft genutzt wurde, waren Ameisen, die von großen Ameisenhaufen gesammelt wurden. Diese wurden bis zu zehn Fuß (3m) oder höher. […] Uns wurde von den Missionaren erzählt, dass Ameisenkuchen eine große Delikatesse ist. (Kapitel 15)

Die australischen Aborigines lebten am Wasser vor allem von Meerestieren und einigen Pflanzen, die sie aber nicht kultivierten. Sie ergänzten Fisch, Muscheln und Krebse mit Landtieren. Im Landesinneren wurde vor allem Wild, wie Wallaby (kleines Känguru), Känguru, kleine Tiere und Nagetiere gejagt. Auch hier wurden alle essbaren Teile verzehrt.

Die Maori in Neuseeland liebten ebenfalls alles, was aus dem Meer kam, wann immer es gejagt werden konnte. An der felsigen Südküste spielten junge Spottdrosseln eine wichtige Rolle. Sie wurden kurz bevor sie das Nest verließen, gefangen. Dann waren sie schön fett gefüttert. Sie wurden auch als Heilmittel gegen Tuberkulose in Ehren gehalten. Das fruchtbare Land lieferte zudem eine Auswahl an Früchten. Farnwurzeln wurden häufig verwendet.

Die Malay auf den Philippinen lebten ebenfalls in einem Paradies für Meerestiere. Als besonders wertvoll galt die Seekuh. Ergänzt wurde das Ganze mit Wurzeln, Blättern und Früchten, die in dem tropischen Klima im Überfluss zu haben waren.

Die Indianer im Hochland der Anden lebten vor allem von Kartoffeln, Lamas und Alpakas sowie Meerschweinchen, die oft in großen Kolonien in den Hochlagen der Anden vorkamen. Als pflanzliche Lebensmittel kamen für sie vor allem Quinoa in Frage. Sie wanderten aber auch ans Meer, um Seetang und Fischrogen zu beschaffen.

Das ist ziemlich kunterbunt oder? Wie man leicht erkennen kann, gibt es keinen Hinweis darauf, dass bestimmte Lebensmittel, geschweige denn bestimmte Makronährstoff-Verhältnisse von besonderer Bedeutung sind. Gegessen wurde, was verfügbar war.

Price fällt jedoch auf, dass die Physis der Menschen, die regelmäßigen Zugriff auf Meerestiere hatten, besonders ebenmäßig war. Das ist in seinen Augen allerdings nicht der einzige Grund für wohlgeformte Körper und einen gesunden Geist.

Drei wesentliche Gruppen – eine Gemeinsamkeit

In seinen Beobachtungen, die oben zusammengefasst sind, unterscheidet Price letztlich nach drei wesentlichen Gruppen. Solche, die überwiegend von Milchprodukten leben, solche, die Meerestiere und Fisch zur Grundlage haben und solche, die Innereien präferieren. Es spielt dabei überhaupt keine Rolle welches das Grundnahrungsmittel der Wahl ist, sondern vielmehr die Tatsache, dass diese Lebensmittel für diese Völker die wichtigste Quelle für Mineralstoffe und Vitamine darstellten. Wie kaum anders zu erwarten, spielten für indigene Völker Kalorien überhaupt gar keine Rolle, sondern lediglich die Funktionalität der Lebensmittel. Es war deshalb für Price auch nicht einfach überall zu erfahren, was denn die Ernährung ausmacht. Das Wissen um die richtigen Lebensmittel war für viele Völker so essenziell wie militärisches Geheimwissen. Es sicherte immerhin den Fortbestand ihrer Rasse.

Das hat sich in unserem westlichen Verständnis leider sehr gewandelt, was auch Price beklagt.

Die Menge der Lebensmittel, die durch das Individuum verzehrt werden, wird vor allem durch Hunger kontrolliert. Unsere moderne Gesellschaft verbindet Essen vor allem mit Wärmeerzeugung und Energie. […] Wenige Menschen, die nicht mit experimentellen Daten in Verbindung gekommen sind, wissen, wie wenige Mineralstoffe tatsächlich im Körper behalten werden, vor allem bei den Menschen, die sie benötigen. Wir haben gesehen, dass Kleinkinder Calcium aus Spinat nicht aufnehmen. Wenn wir eine Ernährung zusammenstellen wollen, die ausreichende Mengen Mineralstoffe für eine gute Versorgung und für solche Perioden wie Wachstum (Kinder), Schwangerschaft, Stillzeit und Krankheit bereitstellt, dann müssen wir mindestens das doppelte des offiziell ausgegebenen Minimalbedarfs annehmen. Es ist deshalb nötig für eine ausreichende Ernährung mindestens vier Mal so viele Nährstoffe aufzunehmen, wie der publizierte Minimalbedarf, damit alle Stressperioden sicher überstanden werden können. (Kapitel 15)

Price wesentliche Aussage liegt also auf der Nährstoffdichte der Lebensmittel, die den Menschen nähren, wobei die Makronährstoffe für ihn keine wesentliche Rolle spielen. Viel mehr interessiert er sich vor allem für die fettlöslichen Vitamine A und E, deren Fehlen er auch in Tierversuchen nach langjähriger Forschungsarbeit für Degenerationen und Missbildungen verantwortlich macht.

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An Ratten zeigte Price, dass nur der volle Weizen optimale physische Körperformen erzeugt, nicht jedoch Weizenmehl oder Weizenkleie. Er war der Ansicht, dass die Unfruchtbarkeit der Ratten, die mit Weizenkleie gefüttert wurden, durch das Fehlen der Vitamine B und E zustande kam, die durch die Oxidation der Fette abhandenkamen.  

Für die fettlöslichen Vitamine stellt Price fest, dass die Zufuhr der indigenen Völker mehr als 10 Mal so hoch ist, wie die damalige Ernährung der Weißen das erlaubt.

Hinzu kommen die Mineralstoffe Calcium, Phosphor und Eisen, die er etwas genauer quantifiziert. Es bleibt jedoch unklar wie hoch die Werte tatsächlich sind, die Price gemessen hat. (Leider sind genauere Werte jedoch nicht im Buch enthalten, sondern in einem technischen Report zu finden, den ich bisher nicht auftreiben konnte.) Fest steht, dass die Aufnahme von Calcium in den meisten Völkern beispielsweise um das 5-fache über der damaligen westlichen Ernährung lag. Die für Phosphor ebenfalls und die für Eisen bis zum 50 Mal so hoch waren, wie im Westen.

Sicher ist also, dass die Nährstoffdichte der Ernährung der indigenen Völker deutlich höher war, als das in der westlichen Welt mit industriell produzierter Nahrung der Fall ist. Und genau an diesem Punkt liegt auch die Kernaussage des Buches „Nutrition and Physical Degeneration“.

Die Konsequenz – so einfach und selbstverständlich das für viele Leser hier sein sollte – ist also, eine möglichst hohe Nährstoffdichte der Nahrung anzustreben. Das kann, so Price, nicht durch rein pflanzliche Nahrung geschehen. Ich möchte deshalb mit einer der in meinen Augen wichtigsten Passagen abschließen.

Es ist bemerkenswert, dass ich keine Gruppe finden konnte, die auf Basis einer reinen Pflanzenkost gesunde Körper ausbilden und erhalten konnten. Einige Gruppen haben das mit beachtlichem Scheitern versucht. Die Vielfalt der verfügbaren tierischen Lebensmittel war in einigen Gruppen sehr groß, in anderen sehr limitiert. […] Viele der beschriebenen Gruppen haben Lebensmittel aus zwei oder mehr Quellen genutzt. Jede der Gruppen sorgte für eine ausreichende Menge körperbildender Nährstoffe aus tierischen und pflanzlichen Quellen. Es spielt keine Rolle, was die Quelle von Mineralien und Vitaminen ist, solange sie ausreichend ist. In unserem modernen Leben wird das Siedlungsgebiet die bequemste und effizienteste Quelle bestimmen. Klar, für die an der Küste ist das Meer das bequemste, während die im Landesinneren oder im hohen Norden eher auf Milchprodukte oder Innereien zurückgreifen. Es wäre tatsächlich schön, wenn unsere Probleme so einfach wären, wie diese Erkenntnis vermuten lässt. Wir brauchen aber in erster Linie einen starken Charakter und Willensstärke, die uns das nutzen lässt, was unser Körper braucht anstelle der Sachen, die uns schmecken. Ein anderes Problem ist, dass unser moderner, bewegungsarmer Lebensstil so wenig Energie benötigt, dass viele Menschen selbst von guten Lebensmitteln nicht genug essen um ausreichend für Wachstum und Reparaturprozesse zur Verfügung zu haben, da Hunger nur nach Energie schreit, nicht aber nach körperbildenden Mineralien und anderen Chemikalien. Und wir sind mit noch einem Problem konfrontiert: die Quellen der fettlöslichen Vitamine, namentlich Milchprodukte, Innereien und Meerestiere, sind in ihrer Nährstoffdichte abhängig von dem, was die Tiere zu fressen bekommen. Kühe, die mit drittklassigem Gras gefüttert werden, das zu wenige Carotinoide enthält, können weder starke Kälber produzieren, noch wird ihre Milch gut genug sein die Kälber am Leben zu halten. […] Leider kann Milch einen hohen Fettgehalt haben, aber trotzdem arm an Vitaminen sein. Das stellt einen überaus wichtigen Teil unserer modernen Probleme dar. (Kapitel 16)

Price leitete daraus ein Behandlungskonzept ab, das er für einige Patienten nutzte. Unter anderem Kinder mit entzündlichem Rheuma, die oft auch eine katastrophale Zahngesundheit aufwiesen, denen er binnen eines Jahres zu einem Leben ohne Schmerzen und mit mehr Beweglichkeit verhalf.

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Lebensmittel, die Price zur Behandlung seiner Patienten nutzte:

  • (rohe) Leber
  • Fischöl (Kabeljau-Leber-Öl)
  • Kleine Mengen Butter von grasgefütterten Tieren
  • Frisch und handgemahlenes Getreide (um Oxidation zu vermeiden)
  • Hafer
  • Knochenmark für Brühen
  • (rohe) Vollmilch
  • Grünes Gemüse und Obst

Vollständiger Verzicht auf:

  • Weißmehl und andere Auszugsmehle bzw. Getreideprodukte
  • Zucker

Bei anderen Patienten nutzte er als Zahnarzt kieferorthopädische Maßnahmen, um die mentale Entwicklung zu beeinflussen. So beispielsweise an einem Patienten mit Trisomie-21, der durch eine Erweiterung des Oberkiefers innerhalb weniger Tage vom geistlichen Niveau eines 6-jährigen zu dem eines Erwachsenen „heranwuchs“ – mit ganz eigenen Problemen, die ein plötzliches „Erwachsen werden“ mit sich bringt. Diesen Defekt brachte er ebenso wie die Hasenscharte mit einer Mangelernährung der Mutter (Vitamin A und E) und einer veränderten Nährstoffversorgung durch fortgeschrittenes Alter in Verbindung. Auch hier würde eine besonders nährstoffreiche Ernährung nach evolutionärem Vorbild präventiv Abhilfe schaffen.

Abschlussbemerkungen

Das Buch von Weston A. Price ist ein umfangreiches und unwahrscheinliches Dokument seiner Zeit. Ähnliche Studien und Untersuchungen sind heute leider nicht mehr möglich, was es umso wertvoller macht. Unsere Kinder werden in einer Welt leben, in der kein einziges indigenes Volk übrig geblieben ist. Ihr einziger Hinweis auf eine Welt, wie sie einmal war, werden Bücher wie diese sein. Das ist zum einen erschreckend, zum anderen eine Chance für uns zu verstehen, dass das, was die Welt in den letzten 150 Jahren verändert hat, ein Irrweg ist. Der Mensch ist ein außerordentlich robustes Tier, der wohl noch lange an seiner Degeneration arbeiten kann, bevor er endgültig ausstirbt oder nicht mehr lebensfähig ist. Dank einer modernen Medizin merken wir davon noch nichts, aber was passiert, wenn unsere Ökonomie sich das nicht mehr leisten kann?

Stell dir vor, die Segnungen der modernen Medizin wären nicht vorhanden. Was wäre ohne künstliches Insulin, ohne Herzkatheter, Stents und Bypässe, ohne Unfall- und Intensivmedizin, ja ohne die heutige Zahnmedizin? Würden wir uns auch massenhaft in den Suizid begeben, weil wir die Schmerzen eines verfaulenden Zahnes nicht aushielten?

Julia hat heute Morgen in einem Telefonat die Frage aufgeworfen, ob unsere Lebenserwartung ohne diese Segnungen der Medizin nicht vielleicht mittlerweile weit unter der der indigenen Völker liegen würde. Man kann ja mal darüber nachdenken…