Im letzten Artikel habe ich euch die Arbeit von Weston A. Price schon in ihren Grundzügen vorgestellt. Wenn du den Artikel verpasst hast, lies ihn zuerst.

In diesem Artikel geht es um die seltener zitierten Beobachtungen von Price in Bezug auf die physische Degeneration der Menschen. Zwar wissen wir, dass Zucker, Weißmehl und Fertiglebensmittel, die es auch damals zu Beginn des 20.Jahrhunderts schon gab, Karies begünstigen, aber Price macht eben auch die Beobachtung, dass sich Gesichtsformen und Kiefer der Menschen nach der Einführung westlicher Lebensmittel verformten. Nicht in den alten Generationen, aber in den Kindern der Eltern, die die westliche Lebensweise adoptierten. Besonders eindrucksvoll zeigte sich das in den Familien, in denen die Eltern die ersten Kinder unter traditioneller Ernährung, die folgenden aber unter Einflüssen der westlichen Ernährung bekamen.

Indigene Völker Weston A Price_Kopfformen

Price nahm an, dass die physischen und mentalen Veränderungen in den Stämmen keineswegs erblicher Natur waren. Schließlich hatten Generationen von ihnen ohne wesentliche Vorkommnisse von Zivilisationskrankheiten gelebt. Im Gegenteil, ihre Physis und ihr Immunsystem schien sogar mit Infektionskrankheiten besser zurecht zu kommen.

Zusammen mit einer soliden physischen Konstitution haben die primitiven Völker eine hohe Immunität gegen viele unserer modernen degenerativen Prozesse, wie Tuberkulose, Arthritis, Herzerkrankungen und Erkrankungen der inneren Organe. (Kapitel 18)

Die Verengung der Kieferform, die schmaler werdenden Nüstern und Gesichtsformen und die nicht mehr gleichmäßig ausgebildeten Zähne der neuen Generationen standen im engen Zusammenhang zu vermehrten Fällen von Tuberkulose, die damals in vielen Teilen der Welt ein bedeutendes Problem darstellte.

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In Alaska machte der Arzt Dr. Romig die Beobachtung, dass seine Patienten, sobald sie die Nahrung der Weißen annahmen, regelmäßig Krebsgeschwüre ausbildeten. In seinen 36 Jahren als Arzt vor Ort sind ihm diese Erkrankungen im natürlich lebenden Teil der Bevölkerung nicht aufgefallen. Er fand auch, dass Operationen an Gallenblase, Nieren, Magen und Blinddarm in den traditionell lebenden Teilen der Bevölkerung nicht notwendig waren, bei Eskimos und Indianern an der Schwelle zur Zivilisation hingegen häufige Probleme darstellten. Dieselben Beobachtungen machte Dr. Nimmo, ein Arzt auf den Inseln der Torres-Straße (Südsee) und Dr. Anderson, Leiter des staatlichen Krankenhauses in Kenia, das Price besuchen durfte.

Dr. Anderson, der verantwortlich für ein prächtiges staatliches Krankenhaus in Kenia ist, versicherte mir, dass er in vielen Jahren seines Dienstes bei den primitiven Völkern keine Blinddarmentzündungen, Gallenblasenerkrankungen, Zysten und Dünndarmentzündungen gab. Krebs war ebenfalls sehr selten unter den Primitiven. (Kapitel 9)

Was also machte die Menschen immun gegen diese mittlerweile weit verbreiteten Plagen unserer Zeit?

Es sollte immer Wert auf den Fakt gelegt werden, dass Lebensmittel, die die Natur macht, wesentlich nährstoffreicher sind, als solche, die so verarbeitet sind, dass noch nicht einmal Insekten darauf leben können. Wenn Lebensmittel kein Insektenleben ermöglichen, dann ermöglichen sie auch kein Menschenleben.

So viel ist einleuchten. Einer der wesentlichen Beobachtungen und Theorien von Price beginnt aber noch weit bevor wir uns bewusst für die richtige Lebensmittelauswahl entscheiden können. Ein grundlegendes Wissen dessen, das wir gesund und fit sein müssen, wenn wir Nachwuchs in die Welt setzen wollen, haben wir heute. Jedenfalls beobachte ich das in meiner Generation durchaus, dass bei Menschen, die sich für Nachwuchs entscheiden, ein Umdenken im Lebensstil stattfindet. Leider greifen wir dabei heute aber nicht mehr auf das Wissen von Generationen zurück, sondern höchstens noch auf das unseres behandelnden Arztes. Und das, liest man Price Beobachtungen, auch viel zu spät. Denn die Entscheidung darüber, wie gesund ein Mensch auf diese Welt kommt, wird weit vor der eigentlichen Zeugung getroffen. Es erscheint uns auch heute noch instinktiv logisch, dass die Produktion eines ganzen neuen, gesunden Menschen eine unwahrscheinlich gute Nährstoffversorgung der Mutter benötigt. Ist dies nicht gegeben, stellen sich Deformationen ein. Aber auch der Vater spielt dabei eine Rolle.

In meinen Studien der verschiedenen Rassen fand ich, dass es kein Zufall, sondern gesammeltes Wissen über Lebensmittel ist, das hinter ihrer physischen Exzellenz und der Widerstandskraft gegen unsere modernen degenerativen Prozesse steckt. Und, dass an den verschiedensten Stellen unserer Welt primitive Völker eine Vielzahl von Dingen wissen, die offensichtlich essenziell für das Leben sind, die unsere moderne Gesellschaft nicht zu wissen scheint. (Kapitel 9)

Gesunde Babys brauchen gesunde Eltern

Eine Beobachtung, die Price auf seinen Reisen machte, ist, dass die verschiedenen Völker nicht nur auf bestimmte Lebensmittel setzten, die sie gesund erhielten, sondern auch, dass es für Frauen im gebärfähigen Alter (und manchmal auf für die Männer) besondere Kostformen gab. Mangels extensiver medizinischer Versorgung war es für diese Völker wichtig Fehlgeburten und Missbildungen zu vermeiden. Das Wissen darüber, wie das zu schaffen ist, hat sich über Generationen gebildet.

Für Küstenbewohner bedeutete das eine Ernährung reich an Meerestieren und Fischrogen. Für die Bewohner des Schweizer Lötschentals der Konsum von Milchprodukten von Kühen, die auf fruchtbaren Weiden an der Schneekante das schnell wachsende und nährstoffreiche Sommergras bekamen. Price stellt fest, dass viele Kinder zu seiner Zeit bereits unter Zahnfäule litten, obwohl sie Vollmilch bekamen. Der Grund sei, dass der Vitamingehalt schon zu Beginn des 20. Jahrhunderts durch die mangelhafte Fütterung der Kühe so gering sei, dass die Milch im Prinzip keinen wesentlichen Nährwert hätte.

In Peru wurden besonders für Frauen im gebärfähigen Alter vor allem Fischrogen genutzt. An der Küste frisch und für die Andenvölker als getrocknete Handelsware. Sie ergänzten ihre Ernährung, die auf Quinoa, Kartoffeln, Lama-Fleisch und Meerschweinchen basierte mit dieser Zutat, um die Frauen auf die Mutterschaft vorzubereiten. Ihrer Erfahrung nach war die Fruchtbarkeit der Frauen ohne die Fischeier nicht gegeben. Nach Price Analyse sind sie sehr reich an Mineralien und Vitaminen. Die Indianer der Anden griffen außerdem auf Seetang zurück, um, so Price, „die dicken Hälse der Weißen zu vermeiden“. Ein deutlicher Hinweis auf die Notwendigkeit einer zuverlässigen Jodquelle.

Professor Drummond, ein britischer Biochemiker zu Price Zeit sah den Verfall an Reproduktionsfähigkeit in Europa dem ausmahlen von Getreide geschuldet. Die Ernährung in Europa wäre so wesentlich ärmer an B- und E-Vitaminen, die vor allem in der Schale des Getreides vorkommen. Einige Völker aßen Getreide und hatten offenbar keine wesentlichen Sorgen damit. Dennoch dürfte ihre Verarbeitungsweise und die Menge sich doch deutlich von unseren heutigen Gewohnheiten unterschieden haben. Fermentation, Keimung etc. waren selbstverständlich.

Einen besonders interessanten Aspekt für alle Low-Carb-Anhänger bieten aber die Beobachtungen bei den Eskimos. Sie werden immer wieder als Beweis dafür angeführt, dass Ernährungsformen mit sehr wenigen Kohlenhydraten über einen längeren Zeitraum funktionieren. Die Eskimos waren allerdings die meiste Zeit des Jahres wenig fruchtbar bzw. gänzlich unfruchtbar. Auffallend viele Eskimos sind nach Price Beobachtungen im Juni geboren. Der Grund dafür war, dass die Fruchtbarkeit der Eskimos vor allem durch den Verzehr der Schilddrüsen des männlichen Elches, der zur Paarung im Herbst aus den Bergen kam, überhaupt erst wieder hergestellt werden konnte. Seine Schilddrüse war zu diesem Zeitpunkt stark vergrößert und lieferte die nötigen Hormone für die jungen Eskimopaare. Wir wissen heute, dass die Schilddrüse einen wesentlichen Anteil daran hat, Cholesterin in Sexualhormone umzuwandeln. Auch ist bekannt, dass Kohlenhydrate über Insulin mit der Funktionsfähigkeit der Schilddrüse und dem Level an Sexualhormonen in Verbindung stehen[1], [2]. Das Thema ist durchaus strittig und wir wissen heute noch nicht ganz genau wie das zusammen hängt, aber die Eskimos hatten hierfür offenbar eine Art Life-Hack, der für sie funktionierte. Übrigens gab es die volle Dosis Elch-Hormone für beide Eltern in Vorbereitung auf die bevorstehende Paarung. Schwangere Frauen bekamen zudem Fischrogen und die Herren Lachsmilz zur Stärkung der reproduktiven Fähigkeiten.

Indigene Völker Weston A Price_Frauen2In Afrika spielte die Wasserhyazinthe als einzig vegetarische Nahrungsergänzung für werdende Mütter eine Rolle. Das Wasser in den Bergen stammt überwiegend von schmelzendem Schnee und ist so jodarm, dass viele Frauen einen Kropf entwickelten. Sie liefen „Meilen ans Wasser“, um die Wasserhyazinthe zu ernten, zu verbrennen und die Asche als Jodquelle der Nahrung zuzufügen, um den Kropf beim Nachwuchs zu verhindern.

Ein weiterer Aspekt, den Price beobachtete, ist die Häufigkeit der Schwangerschaften und die Schwere der Geburt. So haben alle Völker ausreichend lange Pausen zwischen den Schwangerschaften eingelegt. Eine Regenerationsphase von mindestens zwei Jahren sollte sicherstellen, dass die Nährstoffversorgung der Eltern wieder auf ein ausreichendes Niveau gebracht werden konnte. Das ist durchaus sinnvoll, wie Denise Minger in „Death by Food Pyramid“ schreibt. Keiner würde auf eine Wanderung aufbrechen ohne sicherzustellen, dass der Rucksack nicht ausreichend befüllt ist, um die Anstrengungen zu überstehen[3]. Der Versorgungsstand der Mutter hat auch einen Einfluss auf die Schwere der Geburt. So schreibt Price, war die Geburt in den primitiven Völkern immer einfach, die Wehen kurz, denn die Deformation betrifft nicht nur Kopfformen, sondern auch andere Knochenformationen, wie beispielsweise die Hüften.

Eine Eskimofrau, die zweimal verheiratet war und das zweite Mal einen weißen Mann nahm, erzählte mir und Dr. Romig, dass sie 26 Kinder zur Welt gebracht hat und dass viele von ihnen über Nacht geboren wurden und dass sie es nicht für nötig hielt iheren Mann zu wecken, sondern ihm den Nachwuchs am morgen vorstellte. (Kapitel 18)

Indigene Völker Weston A Price_FrauenIch weiß, dass gerade unter den Damen, die das lesen, der Wunsch nach vegetarischer bzw. sogar veganer Ernährung in Phasen sehr hoch ist. Auch wenn die Vegetarier um mich dank ihrer umsichtigen Heilpraktiker wenigstens ab und an wieder zu Fleisch oder Fisch greifen, ist der Wunsch auf Verzicht darauf keine neue Mode. Auch zu Price Zeiten war das bereits Thema und Price interessierte sich durchaus dafür, ob es Völker gäbe, die vegetarisch oder gar vegan lebten und trotzdem florierten. Auf seiner Reise auf die Fidji Inseln und beim Besuch der Insel Viti Levu hoffte er einen Stamm zu finden, der weit genug vom Meer weg ist, um keinen Zugang zu Meerestieren zu haben. Die Regierung der Insel hatte bereits eine Straße ein Stück ins Inland gebaut und Price konnte mit zwei Führern zu Fuß weiter ins innere der Insel vordringen.

Es war nicht möglich so weit vorzudringen, dass keine Haufen von Muscheln mehr den Weg säumten, die den ganzen Weg ins Inland getragen wurden. Meine Führer erzählten, dass das immer essenziell gewesen sei, einige Lebensmittel aus dem Meer zu holen und dass selbst in Zeiten bitterster kriegerischer Auseinandersetzungen zwischen den Bergvölkern und den Küstenbewohnern dafür gesorgt wurde. Die Bewohner des Inlands brachten in diesen Zeiten Pflanzen aus dem Inland, lagerten sie in Käfigen und kamen die folgende Nacht zurück, um Meerestiere abzuholen, die die Küstenbewohner ihnen in die Käfige legten. Die Menschen, die diese Lebensmittel austauschten, wurden niemals belästigt. Selbst nicht in Zeiten des aktiven Krieges. (Kapitel 7)

Für Price gab es kein florierendes Volk, das einzig auf Grundlage von pflanzlicher Nahrung leben konnten. Eine Überzeugung, die wir auch heute mit all unserem biochemischen Wissen vertreten können.

Zusammenfassend sind für Price vor allem zwei Aspekte bei der Vorbereitung auf eine Schwangerschaft und der Vermeidung physischer Degeneration und Deformationen wichtig. Eine möglichst optimale Nährstoffversorgung beider Eltern mit einem wesentlichen Schwerpunkt auf Mineralstoffen, Vitaminen und den fettlöslichen Vitaminen A, D, E und K – letztere selbstverständlich in Kombination mit natürlichen Fetten, die vorzugsweise nicht Pflanzenöle heißen. Deine Gynäkologin wird dir heute nur vorschlagen, dich ausreichend mit Folsäure einzudecken. Das ist wichtig, aber eigentlich nicht ausreichend. Zumindest nach Price Beobachtungen und mehr als 25 Jahre Forschung in diesem Bereich, sind die Vitamine A und E von besonderer Bedeutung bei der Vermeidung von Deformationen der Kiefer und des gesamten Körpers.

Schauen wir also mal, wie die Versorgung bei den in Deutschland lächerlich niedrig angesetzten Vitaminbedarfen aussieht. Das Robert-Koch-Institut untersucht das ja regelmäßig und kommt im Anschluss immer wieder auf das Fazit, dass Deutschland kein Mangelland ist.

kritische Vitamine RKI

Aus Bechthold et. al; “Beurteilung der Vitaminversorgung in Deutschland …” [4]

Wie wir sehen, werden aber gerade bei den Kindern noch nicht einmal die niedrigen Grenzwerte erreicht. Das führt die DGE übrigens darauf zurück, dass nicht genügend fettarme Milchprodukte (Erinnerung: A und E sind fettlöslich!) und nicht genügend „Brot, Kartoffeln und andere kohlenhydratreiche Beilagen“ konsumiert werden[4]. Gut, da sind die fehlenden Vitamine zwar höchstens in Spuren drin, aber was soll‘s. (Die alten, die in den Pflegeheimen nach DGE-Vorschriften ernährt werden müssen, leiden darunter übrigens besonders wie man sieht.) Immerhin weisen sie auf den gelegentlichen Konsum von Leber hin, denn die ist so ziemlich das nährstoffreichste Lebensmittel, was wir kennen. Das sah auch schon Weston A. Price so.

Nun, da dieser Artikel nun schon wieder sehr lang war, gibt es einen dritten Teil zu diesem Thema. Im nächsten Artikel erfährst du, welche Schlussfolgerungen Weston A. Price aus seinen Beobachtungen und Forschungen für die Ernährung der Menschen in der westlichen Welt zog. Angesichts der Vielfalt der möglichen Ernährungsformen der primitiven Völker, ist das Fazit natürlich besonders interessant. Also lies hier weiter.

 


Referenzen

[1]      E. Danforth, E. S. Horton, M. O’Connell, E. A. Sims, A. G. Burger, S. H. Ingbar, L. Braverman, and A. G. Vagenakis, “Dietary-induced alterations in thyroid hormone metabolism during overnutrition.,” J. Clin. Invest., vol. 64, no. 5, pp. 1336–47, Nov. 1979.

[2]      K. E. Anderson, W. Rosner, M. S. Khan, M. I. New, S. Y. Pang, P. S. Wissel, and A. Kappas, “Diet-hormone interactions: protein/carbohydrate ratio alters reciprocally the plasma levels of testosterone and cortisol and their respective binding globulins in man.,” Life Sci., vol. 40, no. 18, pp. 1761–8, May 1987.

[3]      D. Minger, Death by Food Pyramid, 1. Auflage. Malibu: Primal Blueprint Publishing, 2013.

[4]      A. Bechthold, V. Albrecht, E. Leschik-Bonnet, and H. Heseker, “Beurteilung der Vitaminversorgung in Deutschland – Teil 2: Kritische Vitamine und Vitaminzufuhr in besonderen Lebenssituationen,” Ernährungsumschau, DGE-Stellungnahme, vol. 7, 59. Jah, no. Juli 2012, pp. 396 –401, 2012.