Eigentlich wollte ich heute einen anderen Artikel schreiben, aber bei der Recherche hat sich herausgestellt, dass ich überhaupt keine Lust auf die traurigen Zahlen zum Thema Fettleber habe und so habe ich mich spontan entschieden etwas anderes zum Besten zu geben. Die Fettleber kommt ein anderes Mal. Versprochen. Heute geht es dafür um Zähne, Kiefer und den Verlust von mentaler Gesundheit und Charakterstärke durch die Segnungen der Zivilisation. Kurz: es geht um das Erbe von Weston A. Price.

Viele von euch haben sicher schon einmal von Weston A. Price gehört. Sein Buch „Nutrition and Physical Degeneration“ wird vor allem in Paleo-Kreisen immer wieder zitiert, obwohl Price‘ Beobachtungen mit dem, was wir heute unter der Paleo-Ernährung verstehen, im Prinzip nichts zu tun haben [1]. Vor allem die eindrucksvollen Bilder von schiefen Zähnen haben es einer ganzen Reihe von Bloggern und Autoren angetan. Aber worum geht es in diesem Buch eigentlich genau? Genau diese Frage habe ich mir gestellt und das Buch während meines Urlaubs in den letzten beiden Wochen eingeatmet. Ich sage eingeatmet, weil es mir wirklich schlecht gelungen ist das iPad aus der Hand zu legen. Es ist ein Faszinosum Bücher zu lesen, die nun schon 86 Jahre alt sind und an Relevanz kein Stück verloren haben. Ganz im Gegenteil. Für alle, die noch nie von Weston A. Price gehört haben, der englischen Sprache nicht ausreichend mächtig sind oder schlicht keine Lust haben sich durch hunderte Seiten Dokumentation zu wühlen, möchte ich das Buch an dieser Stelle einmal zusammenfassen, denn es gehört zu den  wertvollsten Zeitdokumenten, die wir zur Verfügung haben.

Dass die physische Fitness des modernen Menschen verfällt, wurde von vielen herausragenden Soziologen und anderen Wissenschaftlern hervorgehoben. Die Geschwindigkeit der Degeneration nimmt progressiv zu und ist Grund für große Sorge. Vor allem weil dies trotz der Fortschritte in der modernen Wissenschaft in allen Disziplinen geschieht. W.A.P in „Nutrition and Physical Degeneration“, 1939

Wer war Weston A. Price?

Weston Andrew Valleau Price, MS., D.D.S., F.A.G.D. (1870 bis 1948) lebte als Zahnarzt und Ernährungswissenschaftler in den Vereinigten Staaten. Price war ab 1914 Vorsitzender der Forschungsabteilung der American Dental Association und Mitglied der American Association of Physical Anthropologists. Er veröffentlichte verschiedene Bücher zum Thema Zahngesundheit und widmete sich Zeit seines Lebens der Frage, welche Einflüsse die Segnungen der Zivilisation auf die Zahngesundheit und die allgemeine physische Gesundheit der Menschen, vor allem in der westlichen Welt, haben.

Sein wissenschaftliches Erbe wird heute von der Weston A. Price Foundation in aller Welt verbreitet und fortgeführt.

Ernährung und physische Degeneration

Ich glaube fest, dass die Gesundheit der Menschheit auf dem Spiel steht und dass, sofern keine Schritte unternommen werden um Zahninfektionen und dentale Deformationen vorzubeugen und zu korrigieren, die menschliche Evolution dem Exodus entgegen geht. Dr. Earnest Albert Hooton, „Apes, Men and Morons“, 1937

Werfen wir einen Blick zurück in die Zeit um die Jahrhundertwende. Sämtliche Zivilisationskrankheiten sind auf dem Vormarsch. Zwischen 1907 und 1936, so Price, stieg die Anzahl der Herzinfarkte pro 100.000 Einwohner von 203,7 auf 327,2 an – ein Anstieg um 60%. Die Zahl der Krebsfälle wuchs um 90%. Das Denken der Zeit war geprägt von dem Bewusstsein für physische Degeneration der folgenden Generationen und der Frage danach, wie diese wohl am effektivsten verhindert werden kann. (Nicht zuletzt entstand aus diesem Denken und den Veröffentlichungen dieser Zeit die Rassentheorie, die zum dritten Reich führen sollte, aber das lassen wir heute einmal beiseite.)

Price‘ Ansinnen war ein anderes. Zu Beginn der 1930er Jahre startete er ein großes Forschungsprojekt mit der Fragestellung, wie primitive Völker ihre Zähne und Gebisse vor dem Verfall und dem zunehmenden Problem Karies schützen.

Lasst uns zu den ignoranten Wilden reisen, seine Ernährung in Betracht ziehen und weise sein. Lasst uns aufhören vorzugeben, dass Zahnbürsten und Zahnpasta wichtiger sind als Schuhbürsten und Schuhcreme. Es sind Lebensmittel aus dem Kaufhaus, die uns Kaufhaus-Zähne bescheren. Dr. Earnest Albert Hooton, „Apes, Men and Morons“ (ein historisch besonders fragwürdiges Werk), 1937

Über mehrere Jahre unternahm Price zusammen mit seiner Frau eine Vielzahl von Reisen in die entlegensten Gebiete um seine Studien durchzuführen. Bei der Auswahl der Reiseziele war ein Punkt besonders wichtig. Zum einen sollte vor Ort eine Bevölkerungsgruppe zu finden sein, die möglichst isoliert und ursprünglich lebt. Zum anderen bestand sein Interesse darin die Veränderung beim Kontakt mit der Zivilisation zu dokumentieren. Deshalb sollten vor Ort vergleichbare Bevölkerungsgruppen anzutreffen sein, die bereits in Kontakt mit der Ernährung des Westens gekommen waren. Price Reisen waren aufwendig und lang. Den schnellen Flieger auf die letzte Pazifikinsel gab es zu dieser Zeit noch nicht. Um ein möglichst umfassendes Bild zu bekommen, wählte Price seine Ziele nach möglichst unterschiedlichen Klimazonen und Erdteilen aus.

So führten ihn seine Reisen an die folgenden Orte:

  1. Lötschental, Schweiz (Europäer)
  2. Äußere Hybriden (Kelten)
  3. Alaska (Eskimos)
  4. Nord- und Zentralkanada (Indianer)
  5. Fiji Inseln (Melanesier)
  6. Polynesische Inseln (Tahiti, Samoa, Hawaii)
  7. Afrika (Masai, Pygmäen, Ägypten)
  8. Australien (Aborigines)
  9. Neuseeland (Maori)
  10. Peru (Anden- und Amazonas-Indianer)

Price scheute kaum Aufwand und Mühen. So dokumentierte er die Verhältnisse vor Ort nicht nur in Wort und Bild, sondern sandte auch zahlreiche Proben der Lebensmittel vor Ort an sein Labor, welches intensive Analysen der chemischen Zusammensetzung der Lebensmittel durchführte.

Wie kaum anders zu erwarten ist, unterschied sich die Ernährung der Völker in den unterschiedlichsten Siedlungsgebieten der Welt deutlich. Während die Talbewohner in der Schweiz nahezu ausschließlich von Roggenbrot, Milch, Käse und etwas Fleisch lebten, bestand der Speisezettel in Alaska vor allem aus Fisch, Robben und Walen. Auf den äußeren Hybriden bildeten Hafer und Fisch die Nahrungsgrundlage, während in den verschiedenen afrikanischen Stämmen neben Fisch auch Milch und Blut serviert wurde. Am Nil bildete zudem auch Getreide ein wichtiges Nahrungsmittel. Unabhängig davon, dass es Hinweise darauf gibt, dass gerade die alten Ägypter, die zu großen Teilen von Getreide lebten, schon unter degenerativen Erkrankungen litten, beobachtete Price auch hier ein verhältnismäßig niedriges Vorkommen degenerativer Zahnerkrankungen und insbesondere Karies. Zumindest im Vergleich zum heutigen Vorkommen.

Price wesentliche Beobachtungen zur Zahngesundheit

Egal wohin Price‘ Reisen führten, die Beobachtungen, die er in den indigenen Völkern machen konnte, ähnelten sich. Solange die Menschen das Ernährungswissen ihrer Vorfahren umsetzten, solange bildeten sie eine gleichmäßige Physis aus. Ihre Schädelformen erlaubten ausreichend Platz für wohlgeformte Kiefer und gesunde Zähne. Ihre Nüstern waren breit und erlaubten die ständige Atmung durch die Nase. Ihre Physis ist stark und besonders in Afrika konnte bei den überwiegend von tierischen Produkten lebenden Völkern eine beachtliche Körpergröße festgestellt werden. Im Sudan erreichten die meisten Frauen eine Größe von 1,80m und mehr. Viele Männer kamen auf 2,10m bis 2,30m.

Nachfolgend sind einige Bilder der ursprünglich lebenden Bevölkerungen aus unterschiedlichen Erdteilen dargestellt. Beachtlich, dass auch die Schweizer Mädels breite Nüstern und für unsere heutigen Verhältnisse runde Gesichter hatten – mit Lebensmitteln, die wir heute nicht mehr als unersetzlich ansehen. Auch Price bemerkte, dass die Gesichtsformen auf allen Teilen der Erde ähnlich sind und sich Menschen in bestimmten Siedlungsgebieten wie Geschwister gleichen. Besonders auffällig sind aber in der Tat die nahezu perfekten Zähne.

Indigene Völker Weston A Price

Dieses Bild wandelte sich innerhalb weniger Jahre zu Beginn des letzten Jahrhunderts in nahezu allen Gebieten. Mit der Verbreitung der Industrialisierung und der Ausweitung des Handels erhielten immer mehr Kulturen Zugang zu Weißmehl und vor allem Zucker. Selbst die abgelegensten Südseeinseln begannen mit den Weißen zu Handeln und erhielten im Austausch für Kopra (Kokosfleisch) und andere exotische Güter vor allem Auszugsmehle und den begehrten Zucker, Dosengemüse und andere verarbeitete Lebensmittel der Industrienationen. Die Folgen der Veränderung der Ernährung von Lebensmitteln zu Nahrungsmitteln ließen in den Völkern an der Schwelle zu Zivilisation nicht lange auf sich warten. Nachfolgend habe ich einige Bilder aus Price Buch zusammengestellt. Auf den Südseeinseln wurden Zahnschmerzen in kürzester Zeit der einzige Grund für Selbstmord. Der Vater des linken jungen Mannes von den äußeren Hybriden berichtet über die Schwierigkeiten seinen Sohn mit Zahnfäulnis morgens aus dem Bett zu kommen und zur Arbeit zu gehen.

Indigene Völker Weston A Price_2

Dass Zucker und Auszugsmehle für unsere Zähne Gift sind, ist heute so etwas wie Allgemeinbildung. Eine ausgeklügelte Zahnmedizin, Zahnbürsten und Zahnpasta mit Microbeads sollen das Schlimmste verhindern. Trotzdem hat sich seit Weston A. Price auf diesem Gebiet wenig getan. Die geringe Häufigkeit von Zahnfäulnis von 0 bis 5%, die Price in den indigenen Völkern beobachtete, bleibt für uns ein Wunschtraum. Selbst bei den unter 6-jährigen liegt die Kariesprävalenz durch Instant-Tees und Apfelsaft aus der Saugflasche mittlerweile bei bis zu 20%. Erst gestern fuhr ein Bus an mir vorbei, dekoriert mit Werbung für Milchgebisssanierungen. Der Markt ist da. Auch bei den Erwachsenen (da natürlich nicht für Milchgebisssanierungen). Hier sind die Karieserkrankungen zwar leicht rückläufig, dafür betrifft Wurzelkaries mittlerweile fast 50% der Erwachsenen und auch die letzten ca. 15% der Erwachsenen mit gesundem Zahnfleisch haben wir in den letzten 20 Jahren verloren. Und das liegt nicht daran das wir älter werden und unsere Zähne länger behalten, auch wenn das immer wieder der einzige Grund ist, der dafür angeführt wird [2].

Weston A. Prices Beobachtungen und Überlegungen gingen über die Fragen der Zahngesundheit jedoch weit hinaus. Ein Thema, das in Zusammenfassungen von Price‘ Arbeit kaum vorkommt, ist seine Überzeugung, dass mit dem Einzug der Nahrung der westlichen Welt auch die moralische und ethische Grundlage einer Gesellschaft leidet. Und auch ihre Reproduktionsfähigkeit. Seine Überlegungen, dass die physische Degeneration folgender Generationen nicht mit genetischem Erbe, sondern Ernährung  zusammenhängt, ist beachtlich.

Und weil das ein ganz eigenes Thema ist, das höchst interessant ist, gibt es einen zweiten Teil zu diesem Artikel: Hier geht es zu Teil 2.

Schaut euch aber noch schnell diese kleine, nette Doku (17 Minuten in englisch) an. Weston A. Price wie er lebte und forschte. Live, aber leider ohne Farbe. Viel Spaß damit.

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Nutrition and Physical Degeneration: A Comparison of Primitive and Modern Diets and Their Effects
  • Weston Price
  • Herausgeber: Benediction Classics
  • Taschenbuch: 418 Seiten

Referenzen

[1]      W. Price, “Nutrition and Physical Degeneration,” Can. Med. Assoc. J., vol. 42, no. 2, p. 208, 1940.

[2]      Robert-Koch-Institut, “Gesundheit in Deutschland,” Gesundheitsberichterstattung des Bundes, pp. 13–76, 2008.