So, heute gibt es den vorerst letzten Geschichtsartikel von mir. Ich möchte übrigens keinesfalls den Eindruck erwecken, dass alles schlimm und furchtbar ist. Mir ist eher daran gelegen, dass auch meine Generation versteht, woher wir und gewisse Dinge und Umstände in unserem Leben kommen. Nicht alles ist selbstverständlich und schon immer so gewesen.

Der heutige Tag ist ein Resultat des gestrigen. Was dieser gewollt hat, müssen wir erforschen, wenn wir zu wissen wünschen, was jener will. Heinrich Heine

Der erste Teil dieser kleinen Reihe ist der Artikel Mythos Vollkornbrot: nationalsozialistisches Erbe der DGE – lies ihn zuerst, falls du ihn verpasst hast.

Ernährungswissenschaften nach dem zweiten Weltkrieg

Der Krieg endet in Deutschland im Mai 1945. Die Fettlücke klaffte weiterhin, die Bevölkerung litt vor allem in den Städten Hunger. Auf staatliche Ernährungsempfehlungen gab die Bevölkerung nichts. Es ging ums pure Überleben. Für Ernährungswissenschaftler keine rosige Situation, um die Karriere weiter voran zu treiben und auch im Nachkriegsdeutschland weiter eine Rolle zu spielen. Die einst regimetreuen Wissenschaftler wünschten sich einen Neuanfang in Sachen Ernährungsempfehlungen und -wissenschaften und wo hätte man den besser starten können als in den USA.

Der Landwirtschaftliche Auswertungs- und Informationsdienst aid veröffentlichte in den 1950er Jahren 129 Reporte zu wissenschaftlichen Reisen in die USA. DGE-Mitgründer Heinrich Kraut, Autor penibler quantitativer Studien über die notwendige Nahrungsmenge bei Zwangsarbeitern im Ruhrgebiet, nahm bereitwillig einige Einladungen der Vereinigten Staaten an, um deren „Best Practices“ zu bewundern.

Die 74. dieser Reisen, die auch Kraut begleitete, sollte letztlich den Anstoß zur Gründung der DGE gegeben haben. Sie wurde durch die Mutual Security Agency organisiert, deren Aufgabe die Verwaltung des European Recovery Programms („Marschall-Plan“) war.

So ging es für Kraut und eine ganze Delegation europäischer Wissenschaftler im Jahr 1954 für drei Monate ins gelobte Land der Vereinigten Staaten von Amerika. Die Gastgeber führten die Delegation durch Forschungseinrichtungen, Krankenhäuser, Behörden, Lebensmittelfabriken und Universitäten. Kraut und Dr. Wilhelm Wirths, sein Begleiter und Assistent am Kaiser-Wilhelm-Institut für Arbeitsphysiologie, zeigen sich in ihrem Bericht über diese Reise schwer beeindruckt von dem freiheitlichen Marktsystem der Vereinigten Staaten.

Supermärkte, Fertiglebensmittel, Tiefkühlkost und eine weite Verbreitung von Tiefkühltruhen und Kühlschränken in den Haushalten erzeugten bei den beiden bleibende Erinnerungen und Bewunderung. Die Lebensmittelversorgung mit Selbstbedienung und Konservierungsmöglichkeiten, die bunt beworbenen Lebensmittel – all das hinterließ Eindruck und versprach einen ganz anderen Ansatz als das Doktrin, der gerade vom Hof gejagten Nazis.

Kraut und Wirth waren aber nicht nur von den bunten Verpackungen beeindruckt. Der Bericht behandelte auch die Maßnahmen der Ernährungsbildung der Bevölkerung, die durch das Landwirtschaftsministerium (USDA), durch verschiedene Hochschulen, die Streitkräfte und das Home Economics Institute in Beltsville durchgeführt wurde. So sollte es auch in Deutschland werden. Lehre ja, aber ohne die von der Bevölkerung nicht besonders offen begrüßte Propaganda der Nationalsozialisten. Lehre ja, aber nicht von staatlichen Stellen.

Für Kraut und Wirths waren die Einflüsse der USA vor allem aufgrund der eigenen Geschichte, eine willkommene Gelegenheit mit dem nationalsozialistischen Erbe zu brechen. Seitens der USA wurde den beiden ein nahezu fertiges Konstrukt für die Bildung der Bevölkerung und die Ernährungswissenschaft und –politik geliefert, das mit denen des Nationalsozialismus nichts mehr zu tun hatte.

Warum die DGE ein Verein ist

Kraut nahm diese Gelegenheit im Sinne seiner Karriere dankend an und prägt so das Verständnis der DGE bis heute. 1953 wurde die DGE also bewusst als Verein gegründet, der die Interessen der zahlreichen mit Ernährung beschäftigten Institutionen, ähnlich wie die DGEF der Nazis, bündeln sollte. Ernährungslehre sollte nicht mehr vom Staat ausgehen, sondern privat organisiert sein. Wenn es doch so einfach wäre: die DGE wird seit ihrer Gründung im Wesentlichen mit staatlichen Mitteln, sprich Steuern, getragen und gilt bis heute in Deutschland in allen öffentlichen Bereichen als das Non-Plus-Ultra der Ernährungslehre.

Je länger der „Marshall-Plan“ andauerte, so schreiben Historiker, desto mehr wurde die wirtschaftliche Entwicklung im jungen Deutschland im Interesse der USA beeinflusst. Das betraf vor allem die Stärkung der Wettbewerbsfähigkeit westeuropäischer Staaten durch strukturelle Einflussnahmen, Rationalisierung, Innovation und durch eine Steigerung des Arbeitskraftpotentials. Teil dieses Programmes war auch die Ausbildung der Bevölkerung zum verantwortungsvollen Konsum.

Auf kulturpolitischer Ebene zeigte sich, dass die USA sich gegenüber Deutschland als Idealbild darstellte und, dass dieses Idealbild auch bis in die Landwirtschaftspolitik und die Bildung im Ernährungsbereich Einfluss nahm [1]. Sie finanzierten Institute und Bildungseinrichtungen, die den deutschen Frauen hauswirtschaftliche Arbeit näher bringen sollten und nahmen so wesentlichen Einfluss auf die Konsumgewohnheiten und die Nachfrage im Nachkriegsdeutschland.

Abschreiben beim großen Bruder

Im April 1954 wurde im Rahmen des ersten Treffens der DGE der Ausschuss zur Ermittlung des Ernährungsbedarfes zusammengesetzt, der explizit die Nutzung der amerikanischen „Recommended Dietary Allowances“ forderte. Diese Übernahme und auch die Verwendung der grafischen Lehrmaterialien zeigt sowohl den Einfluss der USA, als auch den Willen der Deutschen das US-Model zu kopieren, deutlich. So wurden die „Basic 7“ (1943), mit denen die USA nach im Krieg versuchte die Bevölkerung von Rationierungen zu überzeugen, in Deutschland in die „Guten Sieben“ übersetzt. Die Kategorisierung bildet im Prinzip mit einigen Aktualisierungen bis heute die Grundlage für die Ernährungsempfehlungen der staatlich geförderten Organisation DGE.

Die Übersetzungsarbeit lassen wir uns übrigens einiges kosten.

Im Jahr 1999 erhielt die DGE noch 3,6 Millionen Mark aus den Etats des Landwirtschafts- und des Gesundheitsministeriums für die 33 Mitarbeiter der Hauptgeschäftsstelle am Main. Hinzu kommen die gesonderten Haushalte von elf Sektionen in den Bundesländern [2]. Im Jahr 2015 betrug das Budget der Organisation mit staatlichem Auftrag rund 6,75 Millionen Euro pro Jahr, wovon rund 75% durch den Steuerzahler finanziert werden. Der Rest wird durch den Verkauf der Standards und Referenzwerte, Schulungen und Weiterbildungen für staatlich legitimierte Ernährungsberater erwirtschaftet [3].

Trotz der über 60-jährigen Geschichte ist es diesem Organ jedoch nicht gelungen die grundsätzlichen Ernährungsprobleme in diesem Land auch nur im Entferntesten positiv zu beeinflussen. „Zivilisationskrankheiten“, die schon die Nationalsozialisten zu meiden suchten, sind weiterhin auf dem Vormarsch und verzeichnen in fast allen Bereichen steigende Zahlen. Und auch das eigentlich „simple“ Übergewicht erreicht von Jahr zu Jahr mehr Menschen.

Mittlerweile schleppen mehr als 60% der Deutschen überflüssige Pfunde mit sich herum. In der Zeitung „Die Welt“ stellt der Ernährungswissenschaftler Nicolai Worm, Begründer der LOGI-Methode und Mitglied des Humanwissenschaftlichen Zentrums der Münchner Maximilian-Universität, fest:

„Da müsste man mal kritisch nachfragen, wie lange kann sich eine Gesellschaft leisten, Ziele nicht zu erreichen und weiter vom Staat subventioniert zu werden.“ [2].

Ja, wie lange eigentlich? Denn die DGE ist ja nicht das einzige schwarze Loch in Sachen Ernährungswissenschaften.

Neben dem Potsdamer Institut für Ernährungsforschung, das aus dem DDR-Pendant zur DGE hervorgegangen ist, spielt auch der aid eine wichtige Rolle, wenn es um die Ausbildung der Bevölkerung geht.

aid – landwirtschaftliche Informationen im Dienst der Bevölkerung?

Der frühere land- und hauswirtschaftliche Auswertungs- und Informationsdienst, heute kurz aid, wurde ebenfalls durch Förderung im Rahmen des Marshallplans gegründet und sollte Landwirte dabei unterstützen, nach den Kriegsjahren schneller mehr zu produzieren, um dem Hunger in der Bevölkerung zu begegnen. Die Abkürzung, so der aid selbst, ist nicht zufällig, denn „aid“ steht im Englischen für Hilfe und genau diese sollte den Deutschen mit dieser Organisation bereitgestellt werden.

Das Ziel des aid war zunächst die Produktionsausweitung und Produktivitätssteigerung in der deutschen Landwirtschaft. Dafür wurden in erster Linie Landwirte mit Informationen rund um Anbau, Ernte und Lagerung von Lebensmitteln versorgt. Es scheint klar, dass das, was nun erfolgreich produziert wird, auch vermarktet und verzehrt werden muss. Landwirtschaft ist kein Selbstzweck, also übernahm der aid Ende der 70er Jahre nach dem Zusammenschluss mit dem Bundesausschuss für volkswirtschaftliche Aufklärung e.V. auch die Aufgabe der Verbraucherberatung in Sachen gesunder Ernährung.

Der aid hatte so nun die Möglichkeit auf das Konsumverhalten der Bevölkerung im Sinne der Landwirtschaft direkt Einfluss zu nehmen. Die Bewerbung von Lebensmitteln an die Bevölkerung begeisterte Kraut und Wirth schon Anfang 1953 auf ihrer Studienreise in die USA. In ihren Augen war das nicht mit nationalsozialistischer Propaganda gleichzusetzen, sondern diente in erster Linie der unabhängigen Information des Verbrauchers. Und so sieht sich der *aid* auch heute.

Auf der Webseite kann man lesen:

„Der aid infodienst ist ein gemeinnütziger Verein, der mit öffentlichen Mitteln gefördert wird. Er kann daher frei von Werbung und kommerziellen Interessen arbeiten.“

Wirklich? Wie unabhängig ist dieser Verein? Schaut man sich die Mitgliederstruktur an, dann ist es gar nicht so schwer zu erkennen, dass vielleicht doch das ein oder andere kommerzielle Interesse dahinter steckt.

Der aid ist ein Verein, der laut Satzung höchstens 60 Mitglieder zählen darf. Unter diesen 60 Mitgliedern befinden sich

  • 15 Sitze für das Bundeslandwirtschaftsministerium,
  • 16 Sitze für die Landesbehörden für Ernährung, Landwirtschaft und Forsten,
  • 1 Platz für die Stiftung Warentest,
  • 9 Plätze für den Zentralausschuss der Deutschen Landwirtschaft und Fachverbände des ökologischen Landbaus,
  • 5 Plätze für den Bundesverband der Verbraucherzentralen und Verbraucherverbände,
  • 3 für den Deutschen Gewerkschaftsbund,
  • 1 für die Deutsche Gesellschaft für Ernährung und
  • 5 für das Ernährungsgewerbe,
  • je einer für den Bundesverband der Agrargewerblichen Wirtschaft und für den Bundesmarktverband der Fischwirtschaft, sowie noch
  • 2 Plätze für den Deutschen Forstwirtschaftsrat und den Deutschen Naturschutzring.
  • Einen Gastplatz teilen sich das Bundesgesundheitsministerium mit dem Wirtschafts- und dem Umweltschutzministerium.

Allein aus dieser Mitgliedsstruktur wird deutlich, dass der Gesundheit und dem Umweltschutz im Zusammenhang mit unserem Essen höchstens eine Gastrolle zusteht. Im Vordergrund stehen wirtschaftliche Interessen, sprich der Vertrieb profitabler landwirtschaftlicher Produkte. Und die werden im Rahmen der Verbraucherbildung durchgesetzt [4]. Übrigens erhält auch der aid für seine Arbeit Steuergelder: 4,6 Millionen EUR werden jährlich für diese Arbeit fällig.

Fazit und Ausblick

Angesichts der Geschichte und dem unbedingten Willen zur Abkehr vom nationalsozialistischen Modell der staatlichen Bevormundung, hin zu Bildung und Eigenverantwortung durch Wissen, ist deutlich festzustellen, dass die Ernährungsrichtlinien der USA in der gesamten Zeit bis heute einen wesentlichen Einfluss auf die öffentlichen Empfehlungen in Deutschland haben. Viele Richtlinien und Empfehlungen werden gewissermaßen einfach übersetzt. In all den Jahrzehnten in denen der Verbraucher weitgehend auf die Informationen der Institutionen angewiesen war, war das kein Problem.

Aber was passiert in Zukunft? Jetzt, wo sich alle möglichen Theorien viel effektiver über das Internet verbreiten und auch der letzte sich in medizinischen Datenbanken ein eigenes Bild machen kann? Ich bin sicher die Zukunft bleibt auch in diesem Bereich spannend.


Referenzen

[1] U. Thoms, “Learning from America? The travels of German nutritional scientists to the USA in the context of the Technical Assistance Program of the Mutual Security Agency and its consequences for the West German Nutritional Policy.,” Food Hist., vol. 2, no. 2, pp. 117–152, Jan. 2004.

[2] Loose H-W. Kritik an Ernährungsberatung – Wissenschaftler hinterfragen Deutsche Gesellschaft für Ernährung. DIE WELT. 1999. http://www.welt.de/print-welt/article582922/Kritik-an-Ernaehrungsberatung.html. Accessed December 6, 2015.

[3] Deutsche Gesellschaft für Ernährung. German Nutrition Society – Infobroschüre. 49(0).

[4] Mitgliederversammlung + Verwaltungsrat ‹ Ansprechpersonen ‹ aid im Profil [aid.de]. http://www.aid.de/profil/mitgliederversammlung_verwaltungsrat.php. Accessed December 6, 2015.