Wer sein Immunsystem auf natürliche Weise in Balance bringen will oder eine Allergie, eine Unverträglichkeit oder sogar eine Autoimmunerkrankung positiv beeinflussen will, bekommt heutzutage schon mal den Hinweis, doch zumindest eine gewisse Zeit auf Gluten oder Weizen zu verzichten. Nicht immer steckt dahinter eine ernsthafte Erkrankung. In diesem Artikel erfährst du alles, was du um das Thema Glutenunverträglichkeit und/oder Zöliakie wissen musst.

Die verschiedenen Glutenunverträglichkeiten

Bei den Glutenunverträglichkeiten gilt es zwischen drei verschiedenen Formen zu unterscheiden, die jede für sich eine völlig andere Konsequenz für den Betroffenen haben.

Die drei möglichen Formen der Glutenunverträglichkeit sind geordnet nach ihrer Schwere die:

  1. Glutenunverträglichkeit (Zöliakie) – Autoimmunerkrankung
  2. Weizenallergie
  3. Nicht-Zöliakie Glutensensitivität

Glutenunverträglichkeit (Zöliakie, früher: Einheimische Sprue)

Was ist Zöliakie?

Als Zöliakie (bzw. einheimische Sprue) bezeichnet man die Unverträglichkeit von Gluten. Gluten ist das in einigen Getreidesorten enthaltene Klebereiweiß, das zum Beispiel im Brot dafür sorgt, dass es nicht krümelt, sondern zusammenhält. Generell besitzt der Mensch kein Enzym um dieses Eiweiß aufzuspalten. Bei vielen Menschen macht das nichts. Bei anderen löst dieses Eiweiß entzündliche Reaktionen im Dünndarm aus und sorgt dafür, dass sich die Darmzoten nicht erneuern und verloren gehen. So verringert sich die Absorptionsfläche im Darm. Wichtige Nährstoffe können aus der Nahrung nicht mehr aufgenommen werden, nicht vollständig verdaute Nahrungsbestandteile gelangen in den Organismus und Krankheiten entstehen.
Gluten ist vor allem in folgenden Getreidesorten enthalten:
  • Weizen
  • Roggen
  • Gerste
  • Hafer
  • Dinkel
  • Grünkern
  • Emmer
  • Einkorn
  • Kamut
Bisher ging man davon aus, dass in Deutschland nur 0,3% der Bevölkerung von Zöliakie betroffen sind, während in den restlichen Industrienationen 1% der Bevölkerung unter Zöliakie leidet.
Mit diesem Missverständnis wurde im Jahr 2015 jedoch aufgeräumt. In einer Studie der Universitäten Dresden, Oxford, Gießen, München und des Robert-Koch-Instituts Berlin, die im Rahmen der nationalen KiGGS Studie zwischen 2003 und 2006 Daten erhob, konnten 12.741 Kinder und Jugendliche zwischen 1 und 17 Jahren untersucht werden.
Die Zöliakierate bei den untersuchten Kindern ist 3-mal so hoch, wie bisher für Deutschland angenommen. Nur bei 9 (0,07%) der über zwölftausend Studienteilnehmer war zu Beginn der großflächigen Untersuchung die Erkrankung bekannt. Bei weiteren 0,8% der Teilnehmer wurde über Autoantikörper (Transglutaminase) im Serum ein Hinweis auf Zöliakie gefunden. Darüber hinaus wiesen die Kinder, bei denen Autoantikörper festgestellt werden konnten, niedrigere Ferritin-Werte (Eisen-Speicherform) und eine niedrigere Folat-Konzentration in den roten Blutkörperchen auf. Sie waren außerdem kleiner und leichter als ihre Altersgenossen.
Mit dieser Studie rückt auch Deutschland näher an den europäischen Durchschnitt mit einer Zöliakierate von 1% der Bevölkerung.
Nach Ansicht der Wissenschaftler sollten besonders Kinderärzte, Internisten, Kinderkrankenschwestern und andere Spezialisten ihr Bewusstsein für die vielfältige Symptomatik der Zöliakie schärfen.
Angesichts der Tatsache, dass in dieser Studie auf 9 diagnostizierte Fälle 97 undiagnostizierte Fälle kamen, ist das wirklich deutlich hervorzuheben.
Der Fakt verdeutlicht, dass das Wissen über Zöliakie in Deutschland noch nicht das Niveau erreicht hat, das angesichts der Auswirkungen für die Gesundheit der Menschen angebracht wäre. In Schweden kommen auf jedes diagnostizierte Kind, nur 2-3 undiagnostizierte. Hier besteht also eindeutig Aufholbedarf.

Welche Symptome deuten darauf hin?

Die Zöliakie ist sehr schwer zu erkennen. Sie wird deshalb auch als Chamäleon-Krankheit bezeichnet.
Derzeit werden mehr als 300 Symptome mit ihr in Verbindung gebracht. Häufig treten zumindest einige davon gemeinsam auf. Die nachfolgende Symptomliste ist allerdings nicht vollständig. Die reale Symptomvielfalt kann hier unmöglich dargestellt werden.
Im Prinzip können durch die mangelhafte Nährstoffaufnahme aufgrund der beschädigten Darmschleimhaut alle erdenklichen Beschwerden aller Organsysteme entstehen.
Von Betroffenen werden am häufigsten nachfolgende Symptome berichtet:

Zähne

  • wunde Schleimhaut
  • Geschwüre
  • Weicher oder beschädigter Zahnschmelz

Haut, Haare und Nägel

  • Akne
  • Ekzeme
  • Schuppenflechte
  • Blässe (keine Bräunung mgl.)
  • Brüchige Nägel
  • Haarausfall

Gynäkologie

  • Fehlgeburten
  • Starke Regelschmerzen/PMS
  • Unfruchtbarkeit

Verdauung

  • Durchfall
  • Blähungen
  • Magenschmerzen
  • Verstopfungen
  • Übelkeit

Psyche

  • „Brain fog“ (kognitive Dysfunktion)
  • Depressionen
  • Reizbarkeit/Aggressivität
  • Irrationale Wut
  • Unbeherrschtheit
  • Stimmungsschwankungen
  • Schizophrenie
  • Autismus

Gelenke und Muskeln

  • Gelenkschmerzen
  • (z.T. pulsierend/brennend)
  • Steifheit
  • Schwellungen

Sonstiges

  • Migräne/Kopfschmerzen
  • Müdigkeit
  • Dauerhaft verstopfte Nase
  • Vitaminmangel
  • Niedriges Vitamin D und Vitamin B12 Level

Diagnose

So vielfältig die Symptome der Zöliakie sein können, so schwierig ist es auch sie zu diagnostizieren. Kaum ein Arzt schaut über das eigene Fachgebiet hinaus und nur wenige wissen die Symptome mit Zöliakie oder gar Nährstoffmängeln in Verbindung zu bringen.
Bisher wurde neben der Abklärung der Symptomatik eine Biopsie des Dünndarms genutzt. Dabei wird etwas Dünndarmschleimhaut operativ entfernt um sie zu untersuchen. Sind die Darmzoten (Villi) abgeflacht oder verkümmert, liegt eine Zöliakie vor.
Moderne Kliniken nutzen heute den Gentest und untersuchen HLA-DQ2 (DQ8) auf genetische Prädisposition sowie TG2 (Gewebetransglutaminase) als pathogenetisch beteiligtes Autoantigen. Die diagnostische Zuverlässigkeit hat sich durch Gentests verbessert.
Bisher erfordern alle Methoden, dass noch Gluten verzehrt wird, sodass eine Diagnostik für manche Menschen sehr schwer bis unmöglich wird.
Wer bereits glutenfrei lebt, muss mindestens 8 bis 12 Wochen wieder Gluten zu sich nehmen um eine gesicherte Diagnose zu erhalten. Viele Betroffene, die bereits Besserung durch eine glutenfreie Ernährung erfahren haben, setzen sich diesem Leid nicht aus.

Therapie

Als Therapie gibt es heute ausschließlich die Möglichkeit eine strikt glutenfreie Diät einzuhalten. Dies fällt vielen Betroffenen in der Anfangsphase sehr schwer, weshalb eine qualifizierte Diätberatung, die auch psychologisch unterstützen kann, in Anspruch genommen werden sollte.
Sobald eine glutenfreie Diät durchgehalten werden kann, verbessern sich die Symptome meist sehr schnell. Erste Verbesserungen stellen sich meist schon nach einer Woche ein. Vor allem Verdauungsprobleme legen sich schnell. Andere Symptome brauchen etwas mehr Zeit. Die meisten Menschen erholen sich aber schon innerhalb von sechs Wochen. Der beschädigte Darm heilt bei Einhaltung einer strikt glutenfreien Ernährung innerhalb des ersten Jahres weitgehend aus.
Präparate, die entsprechende Enzyme versprechen, die Gluten verträglich machen sollen, halten ihre Versprechen nicht. Spar dir das Geld. Hier wird vor allem mit der Hoffnung der Leute gespielt.
Die Paleo-Ernährung oder eine natürliche Low Carb Ernährung bietet dir eine gute Möglichkeit deine Ernährung ohne Getreide und Getreideprodukte nährstoffreich und ausgewogen zu gestalten.
Die glutenfreie Diät und Lebensweise birgt zunächst viele Stolpersteine, denn neben den offensichtlichen Glutenquellen, wie Getreide, enthalten auch viele Fertiglebensmittel, Kosmetika und Haushaltsreiniger Gluten als Verarbeitungsstoff.
In der ersten Zeit ist deshalb besondere Aufmerksamkeit nötig.

Weizenallergie

Was ist die Weizenallergie?

Die Weizenallergie ist eine klassische Allergie vom Typ 3 und kann damit durch einen anaphylaktischen Schock tödlich enden. Die Weizenallergie ist eine seltene Allergie, gehört jedoch zu den häufigsten Nahrungsmittelallergien. In Europa sind etwa 0,3 Prozent der Kinder unter 5 Jahren und 0,1 Prozent der Erwachsenen betroffen.

Nicht immer ist das Klebeeiweiß Gluten der Auslöser für eine Weizenallergie. Auch andere Eiweiße aus der Gruppe der Weizenalbumine und –globuline sind als Allergen möglich.

Welche Symptome deuten darauf hin?

Wie bei allen Lebensmittelallergien kann auch die Weizenallergie Symptome im gesamten Verdauungstrakt hervorrufen. Typische sind Durchfälle, Bauchschmerzen oder Erbrechen, aber auch das Anschwellen und Kribbeln der Mund- und Rachenschleimhaut. Darüber hinaus kann die Haut Schauplatz für eine allergische Reaktion sein. Darauf deuten juckende Ausschläge, Neurodermitis, Urtikaria oder ähnliches hin.

Diagnose und Therapie

Nachdem der Verdacht auf eine Allergie durch das Führen eines Ernährungstagebuchs bestätigt wurde, kann der Arzt einen klassischen Allergietest in Form eines Hauttests (Prick) oder eines Bluttests anordnen. Beide Tests kannst du bei einem Hautarzt und Allergologen machen lassen.

In der Schulmedizin gut es für Allergien klassischer Weise die Möglichkeit der Desensibilisierung. In der Naturheilkunde bieten sich wie bei allen anderen Allergien Möglichkeiten durch eine Ernährungsumstellung, Darmsanierung, Akupunktur, Hypnose, Visualisierungen und viele andere Methoden, die Fehlprogrammierung des Immunsystems rückgängig zu machen.

Nicht-Zöliakie Glutensensitivität

Was ist eine Nicht-Zöliakie Glutensensitivität?

Die Nicht-Zöliakie Glutensensitivität wurde erstmals in den 1980er Jahren in der medizinischen Literatur erwähnt und erhält in den letzten Jahren wieder mehr Aufmerksamkeit. Sowohl im Netz als auch in den Medien häufen sich die Berichte von Menschen, denen es bei Einhaltung einer glutenfreien Diät gesundheitlich besser geht. Dennoch kann bei ihnen mit den aktuell verfügbaren Diagnoseverfahren keine Zöliakie oder Allergie auf Weizen nachgewiesen werden. Die Ursachen für die dennoch vorliegende Unverträglichkeit von glutenhaltigem Getreide sind derzeit weitgehend unklar, aber die Wissenschaft arbeitet daran Diagnoseverfahren zu entwickeln und Erklärungen für die Unverträglichkeit von glutenhaltigem Getreide bei nicht vorliegender Zöliakie oder Weizenallergie zu finden. Es wird aktuell davon ausgegangen, dass rund 3-7 Prozent der Bevölkerung, also zwischen 3 und 6 Millionen Deutsche davon betroffen sind.

Derzeit existieren verschiedene Erklärungsansätze für das Phänomen.

Professor Dr. Detlef Schuppan, Gastroenterologe am Uniklinikum Mainz geht derzeit davon aus, dass der Auslöser nicht unbedingt Gluten, sondern das Protein ATI (Amylase-Trypsin-Inhibitor), ist. Dieses Protein ist ein eingebauter Insektenabwehrstoff, der die Verdauung blockiert und so bei Parasiten zum Hungertod führt. Dieser Hemmstoff scheint auch für Menschen nicht unproblematisch zu sein. Auch wenn die Agrarwirtschaft dies abstreitet, so kann dennoch davon ausgegangen werden, dass ATIs durch Züchtung heute wesentlich konzentrierter in Getreidepflanzen vorkommen. Prof. Schuppan geht davon aus, dass rund fünf bis acht Prozent der Deutschen auf glutenhaltiges Getreide reagieren.

In Studien, die die Glutensensitivität untersuchen, konnte darüber hinaus eine Überlappung zwischen Glutensensitivität und dem sogenannten Reizdarmsyndrom festgestellt werden. Reizdarmpatienten sprechen gut auf eine FODMAP-arme Ernährungsform an, die wir später im Buch behandeln. Hierbei handelt es sich um bestimmte kurzkettige Kohlenhydratverbindungen, die in Weizen und auch Roggen vorkommen und die zu Verdauungsbeschwerden führen können.

In der Literatur zum Thema Getreide und Gluten findet sich häufig die Behauptung, dass der erhöhte Gehalt an Gluten in den neuen Züchtungen ebenfalls als Ursache in Frage kommt. Konkretere Untersuchungen gibt es dazu nicht, jedoch liegt die Züchtung auf einen höheren Gehalt an Gluten insbesondere bei Weizen nahe, denn das Klebeeiweiß sorgt in industriellen Verarbeitungsprozessen für eine leichtere Verarbeitung mit Maschinen. Ein weiterer Grund kann die Menge des heute verzehrten Glutens aufgrund einer besonders getreidereichen, westlichen Ernährung sein. Allein in Deutschland stieg laut Bundeslandwirtschaftsministerium der Getreidekonsum zwischen 1999 und 2013 um 27 kg pro Person und Jahr an.

Letztlich kommen weitere Chemikalien in Frage, die beim Anbau und in der Lagerung von Getreide verwendet werden. Schließlich werden nicht nur die Felder weiterhin mit dem Unkrautvernichtungsmittel Glyphosat besprüht, sondern auch in den Silos werden Gase eingesetzt, die Getreide gegen Schimmel-, Pilz- oder Ungezieferbefall schützen sollen. Das Getreide ist dann doppelt belastet. Leider gibt es nur wenige Mühlen, die ihr Getreide nicht begasen, da das Getreide ohne Begasung nur über wenige Monate haltbar bleibt.

Welche Symptome deuten darauf hin?

Die Symptome sind deckungsgleich bzw. sehr ähnlich denen der Zöliakie. Sie können sowohl den Verdauungstrakt betreffen, aber auch an allen anderen Stellen im Körper auftreten. Auch psychische Beschwerden werden mit Glutensensitivität in Verbindung gebracht.

Diagnose und Therapie

Anders als bei der Zöliakie und der Weizenallergie kann bei Glutensensitivität die Diagnose nur durch eine Auslassdiät gestellt werden, da bisher keine klinischen Diagnoseverfahren oder verlässliche Biomarker vorliegen. Die Wissenschaft arbeitet daran die Ursache zu identifizieren und wir können hoffen, dass in einigen Jahren eine Diagnostik möglich ist.

Anders als bei Zöliakie-Betroffenen können Menschen mit Glutensensitivität weiterhin kleine Mengen Getreide vertragen. Die Auslassdiät sollte dennoch zu > 95% aus glutenfreien Lebensmitteln bestehen.